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Nine Inch Nails

Die neue Nine Inch Nails-EP ist der beste Release in 10 Jahren

Trent Reznor schafft es mit der neuen Nine Inch Nails-EP „Add Violence“ fast sowas wie ein Best-Of-Album zu veröffentlichen.

Von Christoph Sepin

Es ist mal wieder Zeit für ein kleines Nine Inch Nails-Update: Seit der Veröffentlichung der letzten EP „Not The Actual Events“ im Winter hat die Band mysteriöse Post an ihre Fans versendet, ist für einen Sprung in „Twin Peaks“ aufgetreten und in den USA zurück auf die Bühne gekehrt. Und am allerwichtigsten: Hat eine weitere neue EP rausgebracht. Die heißt „Add Violence“ und ist der beste Release der Nails in den letzten zehn Jahren.

Was wir bereits vor Release von „Add Violence“ wussten: Drei Veröffentlichungen plant Trent Reznor dieses Jahr mit den Nine Inch Nails rauszubringen, bei allen davon scheint es sich um EPs zu handeln und alle haben irgendwie etwas miteinander zu tun. Denn mit „Add Violence“ kehrt Reznor zurück in eine Meta-Ebene hinter seiner Musik, der er sich das letzte Mal so richtig vor einem Jahrzehnt mit dem Release des Albums „Year Zero“ angenommen hatte.

The Beginning of the End

Damals war das nämlich so: „Year Zero“ war ein Konzeptalbum, das in einer dystopischen, düsteren Version unserer Welt spielte, in der globale Erwärmung eskalierte, populistische Despoten mit Gewalt regierten und Freiheiten immer mehr eingeschränkt wurden. Reznors eigene Art, also, mit der damals schon alarmierenden politischen Situation in den USA umzugehen und vor einem möglichen Zukunftsszenario zu warnen.

Das Konzept hinter „Year Zero“ war aber mehr als nur Musik. Gemeinsam mit der Kreativschmiede 42 Entertainment arbeitete Reznor an einem sogenannten Alternate Reality Game, einer Art Spiel, das Realität und Fiktion vermischt. Mysteriöse Internetseiten aus der Zukunft tauchten damals auf, Telefonnummern, die zu verstörenden Voice Messages führten, auf Tour-T-Shirts der Nine Inch Nails wurden versteckte Botschaften gefunden, auf den Toiletten bei den Konzerten der Band versteckten sich USB-Sticks mit neuer Musik oder anderem, die alternative Welt erweiterndem Content drauf.

Das alles sei nicht einfach Promo, sagte Reznor damals, sondern Teil der Experience. Und so war das auch: „Year Zero“ als Album ist teilweise wie ein Hörbuch, in dem die Geschichten aus dem Alternate Reality Game weitererzählt werden. Nur für diejenigen, versteht sich, die sich damals die Arbeit antaten, so richtig in dieses Rabbit Hole einzutauchen.

Was hat das jetzt aber alles mit der neuen EP „Add Violence“ zu tun? So wie es aussieht, scheint sich der Release wieder an das Konzept von „Year Zero“ anzulehnen und zehn Jahre später Elemente der alternativen Welt wieder aufzunehmen. Auf einem Promovideo zum Lied „This Isn’t The Place“ taucht der Name einer fiktiven Pharmafirma aus dem Alternate Reality Game auf und als Regisseur dahinter ist der Name Alex Lieu angegeben. Und der ist wiederum Creative Director bei 42 Entertainment aus „Year Zero“-Zeiten.

Dass hinter den neuen Veröffentlichungen soviel Struktur stecken könnte, wollte man zum Release der Vorgänger-EP „Not The Actual Events“ noch gar nicht glauben. Damals wirkte es so, als ob Trent Reznor, gemeinsam mit seinem Oscar-Mitgewinner Atticus Ross, einfach mal Lust hatte, zu den Nine Inch Nails zurückzukehren und relativ uneingenommen und ohne viel Überdenken ein bisschen Musik rausbringen wollte.

Und irgendwie wirkte „Not The Actual Events“ musikalisch auch so. Elektronisch experimentell, ein bisschen wie aus Jam Sessions entstanden (ein Ausdruck den Reznor selbst für diesen Prozess hasst) und war zwar in typischer NIN-Manier herausfordernd, aber nicht nach mehrmaligem Anhören immer noch voll mit akustischen Komplexitäten, die man erst mal finden muss.

The world is bleeding out

Mit „Add Violence“ ändert sich das alles abrupt. Da ist gerade noch der erste Track am Album, die offensichtliche Single „Less Than“, der am einfachsten gestrickte und an die Ära um das Album „With Teeth“ oder das letzte „richtige“ NIN-Album „Hesitation Marks“ erinnernd: Zugänglicher im Rock mit leichten Elektroeinflüssen zuhause, so wie damals „The Hand That Feeds“, der vielleicht letzte, richtig große Nine Inch Nails-Hit.

Robert Glashüttner über „Polybius“, das Spiel aus dem „Less Than“-Video.

Wenn man glaubt, man hätte den neuen Zugang von Reznor verstanden, dann realisiert man, dass das alles doch nicht so einfach ist. „The Lovers“ heißt die zweite Nummer auf der Fünf-Track-EP und präsentiert sich ruhig, vor sich hintänzelnd, mit verzerrtem Piano und Reznors typischen Drone-Sounds im Hintergrund - während der understated über die Nummer flüstert und eine Zeile rezitiert, die er zuletzt auf der Nummer „Dear World,“ verwendete: „Everyone seems to be asleep“ bevor sich die Großartigkeit hinter dieser neuen EP offenbart.

„Take me into the arms of the lovers“ lamentiert Reznor als loopender Vocalhook über das, was bei anderen Acts wohl Refrain heißen würde, aber auf dieser Nummer irgendwie keiner ist. Überlagerungen, Auflösungen, Wiederholungen, eine Meisterklasse in Sachen Reznors Soundtüftlerfertigkeiten.

„Falls es jemals ein Best of Nine Inch Nails-Album geben würde, das wäre das vermutlich“, schrieb ein User auf einem NIN-Fanforum über „Add Violence“. Nicht weil da Lieder aus Reznors musikalischer Vergangenheit darauf vorkommen würden, sondern weil Elemente aus allen Epochen der NIN-Geschichte zu hören sind. Von Reznors jüngerer Arbeit an Filmsoundtracks für „The Social Network“ oder „The Girl With The Dragon Tattoo“, zu den scheinbar endlosen Kompositionen des Meilensteinalbums „The Fragile“ bis zu der Kälte, Isolation und Tristesse des größten Erfolgs, „The Downward Spiral“.

Add a little violence

Reznors neuer Zugang im Jahr 2017 präsentiert sich aber nicht nur als Mix aus Elementen der Vergangenheit, sondern läutet eine neue Ära für die Nine Inch Nails ein. Kälter, düsterer, aggressiver, aber gleichzeitig selbstbewusster als noch vor ein paar Jahren. Ganz stabil im eigenen Sound zuhause, ohne Anbiederungsversuche, ohne Simplifizierungen von Dingen, die komplex bleiben müssen und keine Verkomplizierungen von Momenten, die sich durch Einfachheit auszeichnen.

Und das Schönste für Nine Inch Nerds: Das Ganze ist voll mit Ebenen auf Ebenen, mit versteckten Sounds, Geräuschen im Hintergrund, flüsternden Stimmen, die kaum verständliche Botschaften mitteilen. Und ist ein Release, der, wie alle richtig guten Veröffentlichungen der Nine Inch Nails, erst bei mehrmaligem Hören - und damit sind mal mindestens um die zwanzig Durchläufe gemeint - seine wahre Erstklassigkeit zeigt.

Wie die allerletzte Nummer auf der EP, „The Background World“, in der Reznor wie ein Erzähler über den ruhigen Verzerrungen thront bevor sich das Ganze in eine arhythmische Sequenz auflöst: 52-mal wird der selbe Loop wiederholt und zerstört sich selbst dabei mehr und mehr. 52 Jahre ist Reznor auch dieses Jahr geworden und schafft es vielleicht damit sein ganzes Leben in fünf Minuten musikalisch zusammenzufassen. Oder vielleicht bedeutet das alles auch ganz was anderes, bei dieser Band weiß man das ja eh nie. Eins ist aber klar: Als NIN-Fan darf man sich auf exciting times freuen und wenn alles gut geht auf eine baldige Europatour.

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