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Florian Bayer

Wie steht es um Integration im „superdiversen“ Antwerpen?

Dank seines Welthafens und einer lange Zeit offenen Zuwanderungspolitik gilt Antwerpen als eine der internationalsten Städte Europas. Wie funktioniert Integration und multikulturelles Zusammenleben in der „superdiversen“ Hauptstadt Flanderns?

Von Florian Bayer

Brüssel sei das Höllenloch Europas, sagte Trump und meinte damit eine gescheiterte Integration von Muslimen und den damit scheinbar hausgemachten islamistischen Terror. Nach den Terroranschlägen auf den Brüsseler Flughafen und die Innenstadt im März 2016 sowie zwei versuchten Attacken auf Antwerpen und, erst im Juni, auf Brüssel wurden neuerlichen Fragen laut, warum so viele Attentäter ausgerechnet aus diesem so kleinen Land kommen.

Wie steht es also um die Integration in Belgien? Ich habe mich in Antwerpen umgehört, aufgrund seines Hafens (heute der zweitgrößte Europas) und seiner Lage eine der internationalsten Städte der Welt. Auch wenn Muslime oft ins Zentrum der Debatte gerückt werden: hier leben mehr als 175 Nationalitäten und auch eine der größten jüdisch-orthodoxen Gemeinschaften Europas.

Auf der Suche nach Gastarbeitern

Flächenmäßig nicht mal halb so groß wie Österreich, ist Belgien in zwei Teile gespalten: In das reichere, niederländischsprachige Flandern, sowie das frankophone Wallonien, das deutlich dünner besiedelt ist und unter dem zunehmenden Wegfall der Industrie leidet. Die Hauptstadt Brüssel ist offiziell zweisprachig und liegt noch in Flandern, tatsächlich wird hier aber überwiegend Französisch gesprochen. Das ganze Land hat also gewisse Probleme mit seiner Identität – das nur vorweg.

Wie viele Länder war auch Belgien nach dem Zweiten Weltkrieg auf Gastarbeiter aus dem Ausland angewiesen. Vor allem in Marokko und der Türkei hat das Land ab 1964 gezielt Arbeiter angeworben - und zwar bewusst überwiegend solche mit niedrigem Bildungsstatus: Sie kamen im Baugewerbe, in der Stahlindustrie sowie in den belgischen Bergwerken und Minen zum Einsatz.

Weil man aber annahm, dass die Gastarbeiter nur für einige Jahre bleiben werden, verfolgte die Regierung lange Zeit keine aktive Immigrations- und Integrationspolitik. „Mein Vater erzählte, dass die Menschen in Marokko wie Tiere inspiziert wurden. Billige Arbeitskräfte sollten sie sein und nur ja nicht zu gebildet“, erzählt Keltoum Bedorf, Journalistin mit marokkanischen Wurzeln. „Sie wollten Bauern, die es gewohnt waren, mit ihren Händen zu arbeiten.“

Als viele Gastarbeiter ab den Siebziger Jahren, mit staatlicher Unterstützung, auch ihre Familien nach Belgien holten, erkannte auch die Politik, dass viele von ihnen gekommen waren um zu bleiben. Es kam zu ersten Integrationsmaßnahmen, doch die wichtigen ersten Jahre waren versäumt. Laut Keltoum war es damals eine bewusste Entscheidung der Behörden, auch die Familien nachzuholen: „Der Regierung war es nicht recht, das ganze Geld ins Ausland abfließen zu sehen.“

Anders als in vielen anderen früheren Kolonialmächten, etwa England und Frankreich, spielt die Zuwanderung aus den ehemaligen belgischen Kolonien – die heutige Demokratische Republik Kongo, Burundi und Ruanda – eine nur sehr geringe Rolle.

Zu wenig Minderheiten in den Medien

Orlando Verde ist schon vor 16 Jahren nach Belgien gekommen. Er schreibt als freier Journalist für verschiedene belgische Zeitungen (etwa De Standaard) und kritisiert in punkto Integration auch die Medien: „Die Rhetorik der Politiker zum Thema Migration wird immer schlimmer. Und die Medien übernehmen diese aggressive Wortwahl“, sagt er. „Immerhin kommen mittlerweile etwas mehr Stimmen von Migranten vor, als noch vor zehn Jahren. Wenn auch noch annähernd nicht so viele wie es sein sollten.“

Orlando stammt aus Venezuela. In Belgien ist er aus einer Kombination aus Liebe, Abenteuerlust und Zufall gelandet. Seit sechs Jahren arbeitet er als freier Journalist in Antwerpen, schreibt über Politik und über Film.

Daneben arbeitet Orlando auch bei KifKif, einem Blog, der sich dem Kampf gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit verschrieben hat. Seine Organisation will jenen Migranten eine Stimme geben, die sonst in den Medien nicht vorkommen. „Ein eigenes Magazin für migrantische Anliegen ist nicht optimal. In einer idealen Gesellschaft bräuchte es unsere Arbeit nicht und es würden auch Minderheiten in den Medien in dem Maß repräsentiert, das ihnen zusteht.“ Bis es soweit ist, sei der Blog aber eine gute Zwischenlösung.

Alle in einen Topf

Orlando bedauert, dass es noch immer so viele Vorurteile gibt: „Viele blicken auf Zuwanderer als gehörten sie zu einer zurückgebliebenen, gewalttätigen Kultur.“ Immigranten könnten sich noch so sehr integrieren, gegen diese Bilder im Kopf seien sie machtlos. Das sieht auch Keltoum so: „Wenn Medien über Zuwanderer berichten, werfen sie alle in einen Topf. Natürlich gibt es gemeinsame Themen, etwa den problematischen Wohnungsmarkt in Antwerpen. Durch das rasante Wachstum der Stadt und zunehmende Gentrifzierung in der Innenstadt haben auch die Preise stark angezogen, was alle betrifft. Grundsätzlich sind die Zuwanderer aber extrem verschieden und haben ganz unterschiedliche Probleme.“

Keltoum erzählt, wie sehr die ausländischen Einwanderer lange, zu lange, ignoriert wurden. In den Sechziger Jahren kam zuerst ihr Vater von Marokko nach Belgien, wenige Jahre später auch ihre Mutter. Anfangs wurden ihre Eltern und älteren Geschwister als Aliens im damaligen Belgien betrachtet. Wesentlich verbessert hat sich in all den Jahrzehnten nicht viel, sagt sie. Keltoum selbst gilt als Einwandererkind, das es „geschafft“ hat. Als Journalistin schreibt sie bei der liberalen Zeitung „De Wereld Morgen“, vor allem über Minderheiten und Migranten. Obwohl sie fließend Flämisch spricht und als erfolgreiche, mehrsprachige Journalistin ein Musterbeispiel für gelungene Integration sein könnte, erlebt sie fast täglich, dass sie mit Stereotypen konfrontiert wird – etwa wenn Leute von vornherein annehmen, dass sie ohnehin nicht Flämisch spricht.

Schon in der Schulzeit gab es Probleme. In ihrem Viertel leitete derselbe Direktor zwei höhere Schulen. Beim Aufnahmegespräch schickte er alle alteingesessenen Belgier in die eine, alle Kinder von Zuwandererfamilien in die andere Schule. Dazu kommt, erzählt Keltoum, dass viele Eltern aus Zuwanderfamilien, auch ihre eigenen, nicht wussten, was ihre Kinder in der Schule taten oder lernten. Sie verstanden ja nicht einmal die Sprache.

Für ihren Vater reichte damals Französisch - neben Deutsch und Niederländisch, eine der drei offiziellen Sprachen Belgiens - um als Gastarbeiter anfangen zu können. In Antwerpen, der Hauptstadt des holländisch-sprachigen Flandern, kam man damit freilich nicht weit. Deswegen waren die Eltern vom Alltag ausgeschlossen, die Kinder in der Schule oft sich selbst überlassen.

Antwerpen

Florian Bayer

Deutlicher Rechtsruck

Heute haben fünfzig Prozent der Bevölkerung von Antwerpen Migrationshintergrund, in Brüssel sind es sogar siebzig Prozent. Als in den Neunziger Jahren die Probleme der fehlgeschlagenen Integration zutage traten (schlechte Sprachkenntnisse, das Entstehen von Parallelgesellschaften, gestiegene lokale Kriminalität), blühte die rechtspopulistische Anti-Immigrationspartei Vlaams Blok (ab 2004 Vlaams Belang) regelrecht auf. 2004 kam sie bei den flämischen Parlamentswahlen auf 24 Prozent, zwei Jahre später auf ein Drittel der Stimmen. Wie alle rechtspopulistischen Parteien profitieren sie von der Angst vor dem unbekannten Fremden.

Orlando bedauert, dass die politische Debatte so weit nach rechts abgedriftet ist: „Das ist eine Reaktion auf die Ängste in der Bevölkerung. Die Art und Weise, wie wir über die Unsicherheiten, aber auch die tatsächlichen Probleme diskutieren, vergrößert diese Ängste“, sagt Orlando. Anstatt nach den Ursachen für Terroranschläge und die hohe Zahl an IS-Rückkehrern zu suchen und das Problem an der Wurzel, nämlich der Integration, zu packen, wird pauschal der Islam verunglimpft. Angesichts der hohen Zahl an Zuwandern verspüren viele Belgier außerdem eine diffuse Angst vor Überfremdung, die allerdings über viele Jahre kaum konstruktiv (in Form von Integrationsmaßnahmen) adressiert wurde.

„Vlaams Belang hat so stark gewonnen, weil diese Partei als erste die Probleme angesprochen hat, über die sonst keiner reden wollte. Mittlerweile spielt sie aber keine derart große Rolle mehr, denn längst sind auch die Mitte-Parteien stark nach rechts gerutscht“, sagt Keltoum. Nur langsam wurden und werden die Versäumnisse der Vergangenheit abgearbeitet. So wurde erst ab den Nuller Jahren gesondert auf Bildungsangebote für Einwanderer, etwa Sprachkurse, geachtet. „Das war viel zu spät! Es gibt eine Generation, die komplett alleingelassen wurde“, sagt Keltoum.

Große Unterschiede bei der Bildung

Dass es Handlungsbedarf gibt, zeigt auch die Forschung von Noel Clycq von der Universität Antwerpen. Der Soziologe erforscht schon länger das Zusammenspiel von Bildung, Identität und Integration. Es gibt riesige Ungleichheiten bei der Bildung von ethnischen Belgiern und Zuwanderern: Während siebzig Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Antwerpen Migrationshintergrund haben, haben Migranten nur einen Anteil von zehn Prozent an den Studierenden. Sie fallen außerdem öfter aus dem Bildungssystem. Und das, obwohl sie wesentlich höhere Ambitionen und größeren Ehrgeiz haben, als ihre flämischen Kollegen, wie Erhebungen zeigen.

„Das flämische Bildungssystem setzt sehr stark auf Homogenisierung. Kulturelle und sprachliche Unterschiede werden kaum berücksichtigt“, sagt Noel Clycq. Dabei liege gerade darin der wahre Schatz, sagt der Soziologe, der selbst Sohn einer Italienerin und eines Belgiers ist. Auch werde unterschieden zwischen „guten“ und „schlechten“ Ausländern - auch an der Uni. Lehrende würden die chinesische Studentin mehr fördern als den arabischen Studenten. Diese Vorurteile müsse man sich bewusst machen - und sie dann beseitigen.

Schlüsselbegriff Identität

Warum sind oder fühlen sich aber manche Gruppen so viel schlechter integriert als andere? „Weil sie keinen Rückhalt, keinen Bezug zu ihrem Herkunftsland mehr haben – aber auch hier in Belgien nicht akzeptiert werden. Viele fühlen sich verloren und nicht abgeholt“, sagt Keltoum. Auch wenn es für Neuankömmlinge schon besser geworden ist – so gibt es etwa ein Cohousing-Projekt, in dem belgische Studierende mit syrischen Flüchtlingen zusammenleben –, müsse man auch die schon viele Jahre hier lebenden Zuwanderer und ihre Kinder in die Gesellschaft holen. Etwa in dem man ihnen erlaubt, auch ihre Muttersprache in den Unterricht einzubringen, anstatt sie ihnen auf dem Schulhof zu verbieten.

Für eine gelungene Integration – von beiden Seiten – könnten auch neue Identitäten eine Rolle spielen, Noel Clycq erklärt: „In superdiversen Städten wie Antwerpen identifizieren sich viele nicht mehr als Belgier, auch nicht als Flamen, sondern als Antwerpener. Das ist eine sehr spezifische Identität, der kleinste gemeinsame Nenner, wenn man so will.“

Eine andere Möglichkeit sieht er im Entstehen und Fördern einer gemeinsamen europäischen Identität. Dann spielt es (hoffentlich) keine Rolle mehr, ob die Eltern aus Marokko, den Niederlanden (die größte Migrantengruppe in Belgien kommt aus diesem Nachbarland) oder der Türkei stammen.

Wer sich mit Europa identifiziert, kann sich meist auf gewisse Grundwerte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie einigen. Das Nationale tritt dann in den Hintergrund. Solche Identitäten zu fördern, könnte ein wichtiger Ansatz für die Zukunft sein – gerade in einer seit jeher so internationalen Stadt wie Antwerpen.

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