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Filmstill aus "Godless"

Netflix

All die müden Pferde

„Godless“, der Neo-Western von Steven Soderbergh und Scott Frank. Poetische Bestandsaufnahme, hypnotisches Bilderbuch.

von Philipp L’heritier

Das weite, weite Land, aschgrau und sandfarben liegt es vor uns. Lange Kamerafahrten, der Staub wirbelt bedächtig über die Prärie New Mexicos, in Zeitlupe staksen geschmeidig die Pferde durch wilde Wasser.

Mit ihrer gerade via Netflix veröffentlichten, 7-teiligen Mini-Serie „Godless“ versuchen Producer Steven Soderbergh und Erfinder, Autor und Regisseur Scott Frank - unter anderem bekannt als Autor von Soderberghs „Out of Sight“ oder dem Wolverine-Alterswerk „Logan“ - kaum weniger als ein modernes Update des klassischen Westerns. Bleiben dabei aber überdeutlich der Tradition verpflichtet.

Worum es in „Godless“ gehen soll, ist lange unklar bzw. geht es hinsichtlich Plotverwicklungen um wenig. Es geht um Themen und Motive, um Bilder, Einlullen und Atmosphäre. Der Western ist ein Nachdenken und Sinnieren.

Die Show setzt in den 1880er-Jahren ein, Angelpunkt von „Godless“ ist das gottverlassene Kleinstädtchen La Belle und sein Umland. In der Vorgeschichte der Serie ist La Belle dank einer ertragreichen Mine ein adrett florierendes Dörfchen gewesen.

Bis ein schwerwiegender Unfall die Mine zerstört hat und La Belle so nicht bloß um seine Haupteinnahmequelle gebracht – sondern auch fast die gesamte männliche Bevölkerung dahingerafft hat. Jetzt siecht La Belle ohne große Jobs mehr schlecht als recht dahin, die Frauen haben das Ruder in der Hand, viel zu steuern gibt es nicht, ein paar letzte übriggebliebene, zerzauste Typen bringen ihre Tage im Saloon zu.

Filmstill aus "Godless"

Netflix

Wir atmen ein, wir atmen aus

„Godless“ lebt von Langatmigkeit und Handlungsarmut, von Minimalismus und Kargheit. Gleichzeitig fährt die Serie ein reiches Figurenensemble auf – die Figuren bewegen sich eben bloß schwerfällig, stehen herum, sagen wenig oder vernuscheln ihre alkoholgeschwängerten Worte genre-gerecht.

Vier Charaktere stehen im Zentrum: Jeff Daniels gibt den tatsächlich wahnsinnigen Oberbanditen Frank Griffin. Brandgefährlich und blutdurstig, dabei mit Rauschebart und gütigem Blick ausgestattet, er spricht bedächtig und fromm – danach meuchelt er. Man kennt diesen Typus, der ewig unterschätze Daniels gibt ihm Anziehungskraft.

Killer Griffin zieht brandschatzend und vergewaltigend mit einer gut 30-köpfigen Bande von Ganoven, Schurken und Halsdurchschneidern durchs Land, auf der Jagd nach seinem ehemaligen Protegé Roy Goode. Der hat ihn hintergangen und einen Arm gekostet.

Die wichtigen Themen

Da tut „Godless“ gleich ohne Scham die großen Konflikte auf: Vater-Sohn-Spannungen, Schuld und Sühne, Absolution. Darsteller Jack O’Connell gibt diesen Roy Goode als Westernhelden klassischen Typs: wortkarg, kernig, mit ordentlich Dreck am Stecken und Schatten im Gemüt, dabei vielleicht doch mit kleinem goldenen Herzen bestückt.

Filmstill aus "Godless"

Netflix

Auf seiner Flucht findet Goode Unterschlupf auf der entlegenen Ranch der toughen Alice Fletcher: Michelle Dockery („Downtown Abbey“) dominiert als resolute Witwe gewohnt souverän jede Szene, mal forsch, mal zerbrechlich.

In Vorankündigungen ist „Godless“ oft stolz mit dem Slogan „No Man’s Land“ angekündigt und gar als Art feministischer Western angepriesen worden.

Dieses Versprechen wird nur teilweise gehalten. La Belle wird zwar de facto mehrheitlich von Frauen bevölkert und geleitet – irgendwann müssen dann aber doch wieder die Männer einreiten und erklären - selbst wenn die alle Verbrecher, Kaputte, Versager und Tollpatsche sind.

Glanzlicht der Serie ist hier Scoot Mc Nairy („Halt and Catch Fire“) als Sheriff Bill McNue: Ohnehin nicht gerade der Geschickteste und Tapferste, muss der Arme im Laufe der Serie auch noch nach und nach sein Augenlicht verschwinden sehen.

The Long Way Home

„Godless“ inszeniert seine Figuren als ewig Suchende, nach dem jeweils anderen, nach sich selbst. Lange kreuzen sich ihre Wege nicht, es ist ein Driften, ein Nachzeichnen des Horizonts mit dem Zeigefinger.

Lange Musik-Passagen, quietschende Streicher, mulmig machende Drones untermalen mythisch aufgeladene Jagd-Sequenzen und betonen den parabelhaften Charakter des Pferdezureitens.

Filmstill aus "Godless"

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Dazwischen navigiert ein vielschichtiges Arsenal an Typinnen und Typen: ein übermütiger und fingerflinker Jungspund als Deputy, ein schmieriger Reporter, ein schnurbartzwirbelnder Paradebösewicht im Auftrag eines finsteren Bergbau-Unternehmens, das La Belle unter seine Fuchtel zwingt. Merritt Wever („Nurse Jackie“) als durchsetzungsstarke Witwe des einstigen Bürgermeisters der Stadt – sie hat ihn „Godless“ wirklich die Hosen an.

„Godless“ ist ein Western über Western geworden, ein Hantieren mit Symbolen und Impulsen, es ist ein langer, ruhiger Fluss. Spannung entsteht durch ewig hinausgezögerte, im Angstschweiß geflüsterte Dialoge, nicht durch Action. Eine Meditation, eine Reinigung, Erlösung gibt es keine.

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