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„Es ist hoffentlich eine Bereicherung.“

ÖNB-Ökonom Beat Weber im Interview über Kryptowährung, Spekulation und die Konsequenzen aus dem Handel mit Bitcoin-Futures

Von Christoph „Burstup“ Weiss

Seit Sonntag wird in Chicago mit Bitcoin-Futures an Terminbörsen gehandelt. Beat Weber von der Österreichischen Nationalbank glaubt nicht an negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die Kursschwankungen von Bitcoin könnten durch den Handel mit Futures an Börsen sogar zurückgehen.

Der Wert aller Bitcoins, die im Umlauf sind, beträgt jetzt 240 Milliarden Euro. Alle Kryptowährungen insgesamt sind rund 400 Milliarden Euro wert. Damit hat sich die Marktkapitalisierung von Kryptowährung im Lauf eines Jahres um das 28-fache erhöht. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?

Es ist sicherlich ein ungewöhnliches Phänomen einer Wertsteigerung, wie wir sie in unserer Generation noch nie erlebt haben. Die Frage ist: Was sagt das aus? Heute ist noch unklar, was Bitcoin eigentlich ist. Ist es eine Währung? Ist es eine spekulative Finanzanlage? Ist es ein Experiment, das ein Vorgriff auf mögliche künftige Anwendungen der dahinterliegenden Technik ist?

Zwei Terminbörsen in Chicago beginnen gerade, mit Bitcoin-Futures zu handeln. CBOE hat vorgestern angefangen, CME folgt in einigen Tagen. Die ursprüngliche Idee von Futures war ja, dass ein Farmer z.B. für seine jungen Rinder den Verkaufspreis zu einem späteren Zeitpunkt festlegen konnte und somit gegen Schaden durch den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche abgesichert war. Daraus hat sich der Markt für Futures wie wir ihn heute kennen entwickelt. Manche Experten befürchten negative Auswirkungen des Handels mit Bitcoin-Futures auf die Wirtschaft. Halten Sie diese Befürchtungen für berechtigt?

beat weber / ÖNB

Beat Weber

Beat Weber von der Österreichischen Nationalbank

Dass es für die Wirtschaft große Probleme bedeuten würde, sehe ich jetzt unmittelbar nicht. Beim Engagement in Kryptowährungen seitens von Anlegern ist der Knackpunkt hinsichtlich der Auswirkungen auf die Wirtschaft die Frage, wo die Leute das Geld herhaben, mit dem sie Kryptowährungen kaufen. Wenn sie Kredite aufnehmen, um Kryptowährungen zu kaufen oder auf Kursverläufe zu wetten, wie das mit Derivaten möglich ist, dann kann es problematisch werden. Denn dann gehen sie Versprechen gegenüber anderen Leuten ein, nehmen Kredite auf bei Banken oder anderen Menschen, die sie, wenn die Kursverläufe eine ungünstige Richtung einschlagen, dann vielleicht nicht halten können. So erzeugen wie vielleicht negative Rückwirkungen auf andere Marktteilnehmer. Wenn das ein ganz großes Phänomen wird, kann es Kettenreaktionen nach sich ziehen – aber dafür sehen wir derzeit keine Anzeichen.

Der Markt ist hinsichtlich des Volumens verglichen mit anderen Finanzmärkten relativ klein. Spekulieren ist auch nicht verboten oder weiß Gott wie schlimm per se. Viele Leute kaufen gerne einen Lottoschein und machen alle möglichen Sachen. Sie kaufen Schallplatten, und wenn die Preise für die rare Beatles-Platte oder für Post-Punk-Singles aus irgendwelchen Ländern auf- und abschwanken, weil sich Angebot und Nachfrage verändern, dann hat dieser Sammlermarkt keine weiteren Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Die Menschen werfen einen Teil ihrer Ersparnisse hinein, und wenn der weg ist, sind sie individuell traurig, aber für die Gesamtwirtschaft ist es kein großes Problem.

Die beiden Terminbörsen, die jetzt mit dem Bitcoin-Futures-Handel beginnen, haben Circuit Breakers implementiert: wenn der Kurs von Bitcoin um mehr als sieben Prozent schwankt, dann wird der Handel unterbrochen. Ist das beruhigend oder nicht?

Wenn diese Produkte auf regulären Börsen aufgelegt werden, bedeutet das eine Neuerung für Kryptowährungsmärkte. Denn wenn ich bisher Bitcoin, Ethereum etc. kaufe, dann gehe ich auf irgendwelche privaten Handelsplattformen, die nicht reguliert und nicht beaufsichtigt sind. Diese Plattformen publizieren Kurse, deren Solidität ich nicht überprüfen kann - ob da jetzt Marktmanipulationen dahintersteckt, Insiderinformationen, bloß behauptete Handelsvolumina usw.

Aber sobald ein Produkt auf einer Börse notiert ist, gibt es Regeln, Aufsichten, Transparenzpflichten etc. Dazu gehören auch Sicherheitsmaßnahmen wie die von ihnen erwähnte: wenn die Preisschwankungen zu intensiv sind, wird der Handel unterbrochen. Menschen, die auf diesen Börsen tätig sind, müssen auch Sicherheiten hinterlegen, dürfen also nur begrenzt auf Kredit spekulieren.

Das tägliche Handelsvolumen von Bitcoin liegt derzeit bei 10 Milliarden Euro. Angeblich wird es sich nun durch die Termingeschäfte an den Börsen vervielfachen. Der IT-Sicherheitsexpere und Bitcoin-Autor Andreas Antonopoulos sagt: Auch das erhöhte Handelsvolumen werde dazu führen dass die Volatilität sinkt. Hat er recht?

Das Ausmaß der Kursausschläge liegt zum Teil daran, dass nicht so viele Leute kaufen und verkaufen. Die Volatilität liegt also zum einen an der geringen Liquidität, zum anderen aber auch daran, dass es eine Grundregel hat, die für Stabilität ungeeignet ist: Da wird Mengenbegrenzung mit Preisstabilität verwechselt.

Die Angebotsmenge von Bitcoins ist fixiert und wächst automatisch und berechenbar auf insgesamt 21 Millionen. Der Preis ergibt sich aufgrund von Angebot und Nachfrage. Aber die Nachfrage ist nicht fixiert. Es ist völlig unbestimmt wer sich heute oder morgen dafür interessiert. Bei einer Währung ist der Wert fix, weil es statt eines Automaten einen Ausgeber gibt – die Zentralbank, die eine Wertgarantie abgibt und sagt, ich stehe für die Kaufkraft gerade mit meiner Geldpolitik und meinen Vermögenswerten, die diese Währung decken. Daraus ergibt sich eine breite Verwendung dieser Währung in alltäglichen Nutzungsweisen. Ich nutze sie als Zahlungsmittel, rechne mir damit Preise aus, ich kann sie mir auch unter den Kopfpolster stecken und weiß, dass sie morgen das gleiche wert ist.

Der Hauptzweck von Kryptowährung ist derzeit, dass Leute auf Wertsteigerung spekulieren. Wann sie dann aussteigen und was das für die Nachfrage heißt, ist völlig offen. Es liegt also in der Natur der Sache, dass der Wert schwankt, weil die Nachfrage eben keine fixe Haltegröße aus. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Futures daran viel ändern.

Bitcoin

Jaap Arriens/ NurPhoto

Bitcoin existiert erst seit neun Jahren. Eines kann man wohl bestimmt sagen: Die Erfindung dezentralisierter, blockchainbasierter Kryptowährung wird nicht verschwinden, ebensowenig wie die Erfindung des Internets. Wie soll die Gesellschaft damit umgehen?

Die Frage ist: Welche Relevanz wird sie haben? Die Idee, dass man etwas, das vorher mit intermediären Zentralinstanzen gemacht worden ist, auch dezentral machen kann, ist originell und anerkennungswürdig. Das Patentamt ist aber voll mit Erfindungen, die technisch genial sind aber leider unprofitabel und deshalb nicht angewendet werden. In welche Kategorie die Blockchain, also diese dezentrale Weise von Verbuchungsvorgängen fallen wird, ist offen. Es ist keine Bedrohung. Hoffentlich ist es eine Bereicherung. Viele Unternehmen experimentieren damit herum. Wenn sie draufkommen, dass es sinnvoll ist, wird das schön für sie sein. Ob es die Gesellschaft groß revolutionieren wird? Ich habe nicht den Eindruck.

Etwas dezentral zu organisieren, muss auch eine Qualität des Ergebnisses gewährleisten, die brauchbar ist. Wenn ich eine Währung dezentral verwalten will, sehen wir bei Bitcoin, welches Ergebnis das hat: Den Anspruch kann es nicht erfüllen, weil das zentrale Qualitätskriterium für eine Währung die stabile Kaufkraft ist. Das schätzen die Alltagsnutzer und deswegen setzt sich eine Währung durch – sie wird ja nicht vom Staat aufgezwungen. Wir sehen in vielen Staaten, dass die Währung diesen Anspruch nicht erfüllt und deshalb von der Bevölkerung nicht angenommen wird. Wir sehen Phänomene wie Dollarisierung und Euroisierung in Staaten, die es nicht schaffen, ihre eigene Währung zu stützen. Der Staat kann das nicht erzwingen, sondern er muss eine Währung gut machen. Nur indem ich sage, die Menge ist fix und wird mechanisch ausgeschüttet, kann ich das auch nicht gewährleisten.

Der Ökonom Friedrich August von Hayek hat sich in seinen Büchern für private Währungen stark gemacht, die in Konkurrenz zueinander stehen und nicht vom Staat kontrolliert werden. Viele Fans der Österreichischen Schule der Nationalökonomie sehen Kryptowährung heute als eine Erfüllung dieses Versprechens. Sie reden von der „Trennung von Staat und Geld“. Was halten Sie davon?

In dieser Hinsicht ist Bitcoin ein schönes Experiment, das zeigt, dass vieles in dieser Theorie nicht bedacht worden ist. Wie bei Sprachen oder Computerprogrammen wird es von den Usern sehr geschätzt, wenn es einen Standard gibt. Es gibt zwar manche Menschen, die gern Sprachen lernen und 20 davon sprechen, aber die meisten sprechen eine oder zwei.

Wenn jetzt jemand kommt und sagt: Ich habe eine neue Sprache erfunden, kann es sein, dass das niemand interessant findet, weil es sich nicht auszahlt sie zu lernen. Eine Sprache hat, wenn sie einmal etabliert ist, eine enorme Beharrungskraft. Das ist bei einer Währung genauso. Als wir vom Schilling auf den Euro umgestiegen sind, war das für alle Beteiligten ein großer Aufwand. Es gibt große Beharrungskräfte, eine bestehende Währung zu behalten solange sie ihren Zweck erfüllt.

Natürlich, wenn eine offizielle Währung total kracht, weil es zuwenig davon gibt oder der Wert in den Keller rasselt, beginnen die Leute zu überlegen: Lohnt es sich vielleicht doch, in eine andere Währung zu fliehen? Aber welche wird das sein? Das wird in der Regel keine kleine, private, selbsterfundene Bastelwährung sein, sondern eine größere – wo ich sehe, ein größeres Land, das stabiler ist als mein eigenes hat eine stabilere Währung. Währungsmonopole existieren nicht aufgrund staatlichen Befehls, sondern aufgrund von Nützlichkeit.

Die Hayek-Perspektive von vielen verschiedenen, in Konkurrenz stehenden Währungen, haben nicht alle Bitcoin-Fans. Es gibt auch die sogenannten Bitcoin-Maximalisten, die meinen, Bitcoin wird als einzige weltweite Währung überbleiben. Einer davon ist Daniel Krawisz. Er spricht von der Hyper-Bitcoinization, die dann geschehen werde, wenn die Menge des Fiatgelds so stark erhöht wird, dass es zur Hyperinflation kommen würde – aber statt ihr würden die Menschen in Bitcoin fliehen und so käme es zur Hyperbitcoinisierung. Bitcoin wäre dann keine private Bastelwährung, sondern die Weltwährung im Internet. Nur eine Fantasie von Cypherpunks?

Es ist eher technisch gedacht. Wir leben halt in einem Wirtschaftssystem und nicht in einer Maschine. Technologien sind Hilfsmittel, um Dinge wirtschaftlich funktionieren lassen. Eine Währung muss Eigenschaften haben, die in einem Wirtschaftssystem funktionieren. Nun gibt es viele Leute, die denken: „Geldflut! Die Zentralbanken haben die Geldmenge so erhöht, steht nicht die Hyperinflation vor der Tür?“ Aber davon ist weit und breit nichts zu sehen. Die Vorstellung, die Geldmenge müsse fix sein, damit der Wert stabil ist, gilt für eine Mittelalter-Wirtschaft, wo gestern, heute und morgen immer alles gleich ist. Eine stabile, kleinräumige, banale Höhlenmenschen-Ökonomie. Unser modernes Wirtschaftssystem ist sehr dynamisch nach oben und nach unten, es tut sich jeden Tag viel Neues in der Technik und bei wirtschaftlichen Einfällen. Da muss die Geldmenge flexibel genug sein, um sich an die ständigen Änderungen anzupassen.

Die Aktivitäten der Notenbanken, mehr Vermögenswerte anzukaufen und „mehr Geld in den Markt zu pumpen“ liegen daran, dass der Wunsch, Geld zu halten anstatt anderer Vermögenswerte, nach 2008/2009 enorm gestiegen ist. Da war keine Flucht aus dem Euro, sondern eine Flucht in Geld. Die Leute haben mehr Vertrauen in liquide Anlagen gehabt, und das liquideste, jederzeit für Ausgaben bereit stehende Veranlagungsmittel ist nunmal Geld.

Die Leute wollten mehr Geld, und es war klug, ihnen das zu geben – aber nicht gratis. Man darf nicht vergessen: Geldschöpfung heißt nicht, dass die Zentralbank die Notenpresse anwirft und das Geld mit dem Helikopter über der Stadt abwirft, und die das Glück haben, es als erste in die Finger zu kriegen, sind jetzt reich. Sondern neues Geld gibt es nur für werthaltige Vermögenswerte. Es findet also ein Austausch statt, wo weniger liquide gegen liquide Titel getauscht werden.

Es gibt bei der Europäischen Zentralbank, bei der Chinesischen Volksbank und anderen Zentralbanken Forschungsprojekte zum Thema Blockchain-Technologie und Kryptowährungen. Glauben Sie wir werden von Zentralbanken geschaffene Kryptowährungen sehen?

Es gibt Bemühungen, technisch am Ball zu bleiben. Es gehört auch zum Notenbank-Geschäft, wenn neue Technologien auf den Markt kommen, die für das eigene Geschäftsmodell relevant sind, sie sich anzuschauen: Kann man mit Blockchains Buchungen im Massenzahlungsverkehr billiger abwickeln, Doppelgleisigkeiten zwischen Banken einsparen usw.

Mögliche Anwendungen im Bankenbereich werden auf jeden Fall anders aussehen als Bitcoin. Es wird wohl kein offenes System sein, sondern sich unter einem Kreis von Vertrauten abspielen, die berechtigt sind. Veränderungen würden sich im Hintergrund bei der Technik abspielen. Für den Nutzer von Währung würde das keine große, sichtbare Änderung bedeuten.

Danke für das Gespräch.

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