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Auf Du und Du

Die Journalistin und Autorin Julia Korbik ist eine glühende Beauvoir-Anhängerin und hat mit „Oh, Simone“ eine Biographie aus heutiger Perspektive geschrieben.

Von Anna Katharina Laggner

Mach dich nicht abhängig! Vor allem nicht von einem Mann. Was vor knapp 70 Jahren eine Stimme formuliert hat, wurde zur Kampfparole einer ganzen europäischen Frauengeneration. Diese Generation hat es vor allem (aber nicht nur) ihren Töchtern eingetrichtert.
Mach dich nicht abhängig! - aufgesogen, möchte man sagen, mit der Muttermilch, wäre es nicht die Mutterschaft im allgemeinen und die Muttermilch im Besonderen, die in Zusammenhang mit Simone de Beauvoir umstrittene Felder sind. Aber dazu später.

Verhütung, Abtreibung, Wahlrecht für Frauen - mit diesem Selbstverständnis ist die 1988 geborene Julia Korbik aufgewachsen als Teil einer Generation, in der Emanze ein Schimpfwort ist und der Feminismus eine dicke Staubschicht hat.

Warum also schreibt eine Endzwanzigerin eine Biographie über Simone de Beauvoir? Und welche neuen Erkenntnisse hat sie parat? Die Antwort auf zweitere Frage ist: keine.
Die Antwort auf das Warum gibt Julia Korbik in ihrem Prolog. Sie habe mit 15 Jahren im Religionsunterricht ein Referat über Sartre gehalten. Zwei Jahre später in Paris habe sie Simone de Beauvoirs Roman „Die Mandarins von Paris“ erspäht und, sei, wie sie schreibt, mehrere Woche darum herumgeschlichen.
Weshalb Julia Korbik um das Buch geschlichen ist wie um ein unleistbares Möbelstück, erschließt sich aus dem Text nicht. Sie bekommt es aber sowieso zum 18. Geburtstag geschenkt, hört nie wieder auf, Beauvoir zu lesen, beginnt einen Blog mit dem Titel eaudebeauvoir und schreibt schließlich die Biographie „Oh Simone“.

My best friend Simone

Das an und für sich nebensächliche Rätsel des wochenlangen Herumschleichens um die „Mandarins“ ist insofern symptomatisch für das ganze Buch, als dass die Autorin zwischen verzückter Bewunderung und neckischem Geplänkel keine aufrechte Haltung finden will oder kann. Sie nennt die Philosophin und Schriftstellerin konsequent beim Vornamen, was befremdlich wirkt: Simone de Beauvoir hat selbst ihren Partner Jean-Paul Sartre ein Leben lang gesiezt. Und man ist als Leserin nicht nur ein Mal irritiert von den betulichen und flapsigen Kommentaren. „Ganz schön ambitioniert, Mademoiselle“, kommentiert Korbik etwa das Beauvoir-Zitat, sie würde sich in ihrem Werk neu erschaffen und so ihr Dasein rechtfertigen. Simone de Beauvoir neckisch mit dem herabsetzenden Mademoiselle anzusprechen, ist blanker Hohn.
„Ach, diese Männer!“ schreibt Korbik in Anbetracht einer unerwiderten Jugendliebe. Man erfährt auch, dass Jean-Paul Sartre „nicht so der Bringer im Bett war“.
Harter sprachlicher Tobak in Zusammenhang mit einer Frau, die als Pionierin der Gendertheorie gilt und selbst sagte, der Sexismus fange bei der Sprache an.

Illustration: Simone de Beauvoir

rororo

„Simone mag sich in der Öffentlichkeit also verrucht und herausfordernd geben, in Wahrheit hat sie aber keine Ahnung von Sex und Männern.“

Häppchen, an denen sich niemand verschluckt

Ähnlich wie Julia Korbiks erstes Sachbuch „Stand Up - Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ ist auch „Oh Simone“ ein launiges Einführungsseminar für Leserinnen und Leser, deren Aufmerksamkeitsspanne knapp über dem Querlesen eines Wikipedia-Eintrages liegt.

In kurzen, einfachen Sätzen bietet es einen Überblick über Simone de Beauvoirs Privatleben, ihr literarisches, philosophisches und feministisches Wirken und die Umstände ihrer Zeit. Graue Faktenkästen liefern Spezialwissen. So erfährt man, dass Simone de Beauvoir Käse hasste und kein Morgenmensch war, aber auch, dass „Das andere Geschlecht“ vom amerikanischen Übersetzer, einem Professor der Zoologie, recht frei gekürzt wurde. „Das andere Geschlecht“, diese Bibel der Frauenemanzipation heißt übrigens im Französischen Originaltitel „Das Zweite Geschlecht“.

Julia Korbik gebührt Anerkennung dafür, dass sie den gegenseitigen Einfluss von Beauvoir und Sartre genauso wie Beauvoirs eigene Entwicklung einer philosophischen Ethik von individueller Freiheit, Verantwortung und Solidarität für den jungen Menschen von heute aufbereitet. Allerdings ist sie dabei selbst ein wenig verstaubt und abgesehen von der knackigen Aufbereitung (Stichwort: Aufmerksamkeitsspanne) blendet sie die Realität dieses jungen Menschen von heute weitgehend aus. So ist „Oh, Simone!“ zwar eine Betrachtung aus heutiger Perspektive, aber eine kritische Beauvoir-Diskussion über das sehr komplizierte Heute lässt sich Julia Korbik nicht ein. Ein Beispiel:

Individualismus und Muttermilch

Sich selbst nannte Simone de Beauvoir in einem Interview mit Alice Schwarzer im Jahr 1976 eine Ausnahmefrau und sagte, sie würde einer jungen Frau raten, nicht Mutter zu werden.
Nun ist es aber so, dass Julia Korbik und wir anderen alle nicht auf der Welt wären, hätten unsere Mütter den Beauvoirschen Rat befolgt und sich nicht impulsiv in die Doppelbelastung gestürzt.

Die Mutterschaft ist die Heilige Kuh, die Julia Korbik nicht streift. Was daran liegen muss, dass Simone de Beauvoir eine Ikone ist und Julia Korbik sie anbetet. Laut Beauvoir ist die Frau während der Schwangerschaft bestimmt durch die Biologie und nach der Geburt durch die vom Patriarchat konstruierte Mutterrolle. Beides sehen wir heute, kurz gefasst, anders.

In den 1970er Jahren lautete der Kampf-Schrei, „Mein Bauch gehört mir“. Heute sind wir bei regretting motherhood, einer komplexen Offenbarung, in der Mütter sagen, dass sie sowohl ihre Kinder lieben als auch die Mutterschaft bereuen.
Dieser scheinbar absurde Widerspruch ist nicht zuletzt einem kapitalistischen Materialismus und dem von Frauen und Männern hochgehaltenen Individualismus bei gleichzeitigem Bedürfnis nach Sicherheit geschuldet.

Hier kommt man mit der Anbetung von Simone de Beauvoir nicht mehr weit. Hier schreit zwar noch die Beauvoir-Schülerin Elisabeth Badinter aus ihrer bourgeoisen Pariser Dachgeschosswohnung hinunter zu den Jungmüttern im Park: Stillt nicht! Macht euch nicht abhängig von den Bälgern! Nehmt euch eine Bonne, eine Nanny, ein Kindermädchen! Aber das kratzt die heutige Realität nur peripher.

Die Ikone stürzen

Statt einen neuen, frischen Blick auf den Grundsatz der Solidarität in Kombination mit der Parole „Mach dich nicht abhängig!“ zu werfen, findet sich in der jüngsten Generation eine Julia Korbik, die die Ikone Simone de Beauvoir weiter hochhält. Dabei würde man der ein Leben lang wachsamen Frau gerechter werden, indem man sie kritisch hinterfragt und ihre Thesen für sich und heute nützt.

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