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Feuer im Kamin

CC0 - Public Domain

Mit Linken schweigen, mit Rechten reden?

Die Sumpfisten lassen das Jahr 2017 Revue passieren.

Von Thomas Edlinger

Jede Menge Angstlust mischt sich in dieses Szenario, das einige Jahrzehnte nach dem amerikanischen Jahrhundert spielt. Die USA gibt es so nach dem Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg nicht mehr. „AmericanWar“ heißt ein vieldiskutierter Bestseller des Journalisten Omar El Akkad.

Ausgehungerte Flüchtlinge zelten an der Grenze zum abgeschotteten Norden, der wie eine Mischung aus demokratischen Lippenbekenntnissen und Polizeistaat erscheint. Ab und zu müssen sie vor den letzten Bombenladungen unkontrollierter Drohnen in Deckung gehen oder leiden unter brutalen Milizüberfällen. „American War“ lässt sich auch als Verschärfung der Lagerbildung zwischen den demokratisch wählenden Milieus in den Küstenmetropolen und den republikanischen Kräften im Rest des Landes lesen.

Die Südstaatler mögen zwar reaktionäre Sturköpfe sein, aber sie seien wenigstens ehrlich. Die Nordstaatler hingegen wollen immer diskutieren, heißt es einmal sinngemäß in dem Roman. Es fällt schwer, solche Stellen nicht als Verweis auf die aktuellen Kulturkämpfe in den USA zwischen liberalen Eliten und desillusionierten Massen zu verstehen. Nichts anderes als die Reduktion auf zwei falsche Alternativen stand bekanntlich zur Wahl: hier die diplomatische Doppelzüngigkeit der Establishmentvertreterin Hillary Clinton, dort die rüpelige Eindeutigkeit des Zornverstehers mit dem Twitterzwang.

Mit Linken reden

Auch bei uns ist der Trumpismus attraktiv. Die neurechte Autorin Caroline Sommerfeld erklärt ihr Credo für die Identitären in Wien so: „Geil am Rechtssein ist es, alles sagen zu dürfen“. Sie schrieb auch an einem Buch mit, das sogar die einst als links geltende Ironie kaperte und rasch auf das umstrittene Buch „Mit Rechten reden“ reagierte. Es heißt „Mit Linken reden“.

Demgegenüber findet sich ein Satz des nach wie vor kompromisslos kommunistischen Philosophen Alain Badiou, der angesichts des Befehls zu Konsum und Genuss dazu rät, dass wir alle “mitleidlose Zensoren unserer selbst“ werden sollten. John Maus, der nun wieder als Musiker aktive Ex-Student der politischen Theorie, legt seine mitreißende neue Show als zombifiziertes Party-Animal mit starrem Blick und strömendem Schweiß an. 2011 hatte John Maus besagtes Badiou-Zitat abgewandelt und zum Albumtitel auserkoren: „We must become the pitiless censors of ourselves“.

Selbstzensur von links versus tabulose, geile Redefreiheit von rechts: War das nicht einmal genau umgekehrt? Stand nicht die Rechte für Verbot und Unterdrückung, während die Linke die Befreiung des Ichs und das riskante, transgressive Sprechen für sich in Anspruch nahm? Was ist da passiert?

Ein kluger Mann hat einmal gesagt: „Es ist schwer zu erkennen, wer freiwillig mit dem Strom schwimmt.“

Die neuen autoritären Führerfiguren von Trump über Orban bis Erdogan bieten denen, die sich zurückgesetzt und entwürdigt fühlen und teilweise auch materiell nun schlechter leben müssen als ihre Eltern, eine Perspektive. Diese sagt: Ich werde dich wieder größer machen. Und ich werde für dich dein Ressentiment aussprechen und wieder salonfähig machen.

Gegen wen richtet sich das Ressentiment, in dem sich so etwas wie eine extreme Mitte wiederfindet? Natürlich gegen den und die Andere, den Sozialhilfeempfänger aus dem Ausland, die Kopftuchträgerin aus dem Inland. Aber auch gegen akademische Eliten, die einem erklären, wie man sich zu benehmen und wie man zu sprechen hat. Mit Linken reden, behaupten die nun gar nicht mehr immer schweigenden, sondern vor allem wählenden Mehrheiten, ist schwierig geworden. Ständig verbrennt man sich den Mund, ständig macht man etwas falsch.

Der Cultural Appropriation-Vorwurf

Tatsächlich ist der linke Diskurs ein Minenfeld geworden, in dem das für Andere-Sprechen und damit das Knüpfen eines solidarischen Bandes mit jenen, die nicht so sind wie ich selbst, kaum mehr möglich erscheint. Man kann das an der Verschärfung des Cultural Appropriation-Vorwurfs erkennen. Dürfen Weiße Dreadlocks tragen, darf Kathleen Bigelow einen Film über rassistische Polizeigewalt während der Riots in Detroit 1967 machen?

Der Idee eines gerechten kulturellen Austauschs wird zwar oft zu Recht misstraut. Schließlich mangelt es fraglos immer wieder an Respekt, an materieller Beteiligung bei gemeinsamen Projekten und an einer Kompensation für das Resultat hierarchischer Verhältnisse, etwa zwischen westlichen Institutionen und dem Input aus ehemaligen Kolonien. Die Frage „Wer profitiert wovon?“ ist berechtigt. Sie ist aber nicht durch neue Vorhängeschlösser für Ideen, Sounds oder Bilder in einer immer schon hybriden Kultur zu lösen. Zudem erscheint die Vorstellung eines Besitznachweises von kulturellen Gütern und das Recht auf Empörung über den Diebstahl von Ideen seltsam reaktionär. Denn nach dem Diebstahl fehlt Kultur ja nicht wie eine gestohlene Brieftasche. Sondern trägt ihre Botschaft in die Welt und tritt dort in Kontakt mit anderen Ideen. Immer schon. Weshalb die Frage nach dem Ursprung nicht lösbar ist. Haben Weiße den HipHop gestohlen oder sind junge Schwarze in der Bronx unter anderem durch Kraftwerk-Platten auf tolle Ideen gekommen?

Der vermehrte Fingerzeig auf den Rassismus-Akt der Cultural Appropriation beweist nicht nur eine (begrüßenswerte) größere Sensibilität für Probleme des globalen Kulturtransfers. Oft ist heute die Sprechposition wichtiger als das Gesagte. Das Pochen auf immer weiter ausholende Diversität und Differenz markiert nicht nur die soziale, sondern auch die intellektuelle Distinktion. Deshalb verenden manche linke Debatten leider im Schweigen, das von einer moralischen Instanz verordnet wird. Die Moral ist kompetitiv und drängt auf Verabsolutierung der individuellen Empfindung: Wenn ich mich von etwas bedrängt, beleidigt, erniedrigt fühle, dann habe ich Recht.

Zur Daumen runter/Daumen rauf-Justiz gehört aber, dass man die Fürsprecher-Position als unterdrückt und diskriminiert darstellen muss. Auch unabhängig davon, ob man selbst ein reales Opfer von tatsächlicher Gewalt ist oder ob überhaupt Täter ausmachbar sind. Dieser Wettstreit um die Opfer-Poleposition kommt leider selbst nicht ohne Ressentiments aus. Etwa gegen das neue intersektionale Feindbild weißer, heterosexueller, westlicher Mann, der früher als das unmarkierte Normbild der Aufklärung fraglos ein unhinterfragt privilegiertes Leben führte.

Heute sind alle für Demokratie, aber alle fürchten das Volk, schreibt Guillaume Pauli. Die Demokratie, wie wir sie kennen, ist in der Krise. Auch ihre Kritik als Postdemokratie hat sie nicht besser gemacht. Theoretiker wie David van Reybrouck schlagen deshalb gleich vor, den Fetisch Wahlen aufzugeben und die alte Idee des Losentscheids wiederzubeleben.

Sumpf Jahrescharts 2017

Die Musik, wie wir sie kennen, reagiert auf diese verfahrene Situation oft mit verdüsterten Sounds. Glas splittert, Melodien werden aufgesprengt. Kompression, Härte, Zorn, Unversöhnlichkeit, produktive Ratlosigkeit. Und doch finden sich dann immer auch das ruinös Erhebende, der Zauber der Melancholie, das zwingend Leichte und das fließende Strahlen.

Davon und von allem dazwischen erzählt der Sumpf-Musik-Jahresrückblick ohne viele Worte. Wie immer sind wir es wertkonservativ angegangen. Ja, immer noch Alben. Ja, immer noch die Top Ten. Hier sind sie.

Fritz Ostermayer:

1. Lorde Melodrama
2. The Gift Altar
3. Shilpa Ray Door Girl
4. Nadah El Shazly Ahwar
5. EMA Exile On Outer Ring
6. James Holden & The Animal Spirits The Animal Spirits
7. Jlin Black Origami
8. FARCE Ich sehe im vorbeifahrenden Auto den Unfall mitvorbeifahren in Zeitlupe und rückwärts
9. Arca Arca
10. Odds & Ends Juchu!

Katharina Seidler:

1. FARCE Ich sehe im vorbeifahrenden Auto den Unfall mitvorbeifahren in Zeitlupe und rückwärts
2. Ziúr U feel anything?
3. Father John Misty Pure Comedy
4. Sophia Kennedy Sophia Kennedy
5. Laurel Halo Dust
6. Aldous Harding Party
7. LCD Soundsystem American Dream
8. Andreas Spechtl Thinking about tomorrow and how to build it
9. Arcade Fire Everything Now
10. Fever Ray Plunge

Thomas Edlinger:

1. Nadah El Shazly Ahwar
2. FARCE Ich sehe im vorbeifahrenden Auto den Unfall mitvorbeifahren in Zeitlupe und rückwärts
3. Arca Arca
4. Jakuzi Fantezi Müzik
5. Flotation Toy Warning The Machine That Made Us
6. Chino Amobi Paradiso
7. Circuit des Yeux Reaching For Indigo
8. John Maus Screen Memories
9. Open Mike Eagle Brick Body Kids Still Daydream
10. Mhysa Fantasii

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