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Gedankmünze zur bulgarischen EU-Ratspräsidentschaft

APA/AFP/Dimitar DILKOFF

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Boss of EU

Wieso man Bulgarien zur EU-Ratspräsidentschaft gratulieren darf

Von Todor Ovtcharov

“Gratuliere!”, sagt Kollege A. letzte Woche zu mir in der FM4-Redaktion. “Hä?!”, antworte ich verwundert und nicht ganz höflich. “Gratuliere zur EU-Ratspräsidentschaft!”, erwidert A. voller Enthusiasmus. “Ahaa!”, sage ich, “Danke und dir auch!”

Bulgarien übernimmt zum ersten Mal seit seinem Beitritt zur Europäischen Union die Ratspräsidentschaft. Gleich nach Bulgarien ist Österreich dran. Endlich ist Bulgarien irgendwo vor Österreich platziert!

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Die unaussprechliche Welt des Todor Ovtcharov und sein satirischer Blick auf das Zeitgeschehen - jeden Mittwoch in FM4 Connected und als Podcast.

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Seit einiger Zeit sind bulgarische Politiker ziemlich nervös. Alles dreht sich um dieses blöde EU-Ratspräsidentschaft. Die Regierung, die Presse, die Opposition, die Gewerkschaften – alle reden nur darüber. Nur sein bloßes Erwähnen scheint Probleme zu lösen: die Regierung will, dass alles im Lande gut aussieht vor den ausländischen Gästen. Man versucht, schnell Probleme zu lösen, die es seit Jahrzehnten schon gibt. Die Bulgarische Akademie der Wissenschaften drohte zum Beispiel, dass sie schwarze Fahnen aus ihren Fenstern hängen würde, da man sie nicht ausreichend finanziert. Da das Gebäude ganz im Zentrum von Sofia ist, hätten das die EU-Menschen gesehen und die Regierung hätte die schwarzen Fahnen erklären müssen. Deshalb ließ die Regierung schnell einige Millionen für Wissenschaft springen. Die Universität Sofia drohte auch sofort danach mit schwarzen Fahnen und bekamm gleich um die 10 Millionen.

Ein bisschen anders kam es mit den bulgarischen Polizisten, die mit einem Streik wegen ihrer niedrigen Gehälter gedroht hatten. In Bulgariens Haupstadt wurden auf den Straßen, wo die EU-Bürokraten fahren sollten Billboards auf Englisch montiert, die erklären, wie niedrig die Gehälter der Polizisten in Bulgarien sind. Einen Tag vor der Ratspräsidentschaft verschwanden diese Billboards. Wer wird wohl die Forderungen der Polizei entfernen, ohne dass es die Polizei merkt? Man sagt, dass die Billboardfirma selbst die Werbeplanen entfernt habe. Und jemand von der Regierung habe ihr vorher ein bisschen ins Ohr geflüstert.

Bulgarien hat Erfahrung mit solchen Ereignissen seit den Zeiten des Kommunismus. Man erzählt gern die Anekdote, dass eine Reihe westlicher Diplomaten Bulgarien besuchte und ihre Autos ständig von einem Zug begleitet wurden, voll mit lachenden und grüßenden Kinder. Eigentlich sei der Zug mitgefahren, um die kaputten Gebäuden dahinter zu verdecken. Heute scheint es nicht viel anders zu sein.

Kulturpalast in Sofia

APA/AFP/Dimitar DILKOFF

Der renovierte Kulturpalast in Sofia

Speziell für die Präsidentschaft wurde das riesige sozialistische Gebäude, der „Kulturpalast“, in Sofia renoviert. Das ging auch nicht ohne Vorfälle vor sich. Der Palastdirektor wurde wegen Korruptionsverdachts entlassen.

Die Ratspräsidentschaft wirkt Magie – jedem Korruptionsverdacht wird nun nachgegangen – die EU Menschen sollen sehen, dass Korruption in Bulgarien verfolgt wird.

Bulgarien wird beschuldigt, dass die politische Macht und die Medienoligarchen zusammengewachsen sind. Es ist eines der Länder mit dem höchsten Vertrauen in die EU – man sieht die Union als einen disziplinierenden Faktor im bulgarischen politischen Leben an.

Vielleicht hat A. Recht, mir zur Ratspräsidentschaft zu gratulieren. Schauen wir mal, was Österreich besser macht.

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