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Kinder unscharf hinter einem Rechenschieber

APA/HERBERT NEUBAUER

Ghettoklassen?

Schülerinnen und Schüler, die nicht ausreichend Deutsch können, werden ab dem nächsten Schuljahr als „außerordentliche Schüler“ eingestuft und in verpflichtende Deutschklassen geschickt - einen Großteil des regulären Unterrichts versäumen sie.

Von Christoph „Burstup“ Weiss

Volksschüler mit Deutsch-Defiziten sollen ab Herbst fünfzehn Stunden pro Woche in Deutschklassen unterrichtet werden, in Neuen Mittelschulen sind es zwanzig Stunden pro Woche. Neben Deutsch sollen die Kinder nur an den Unterrichtsgegenständen Musik, Bildnerische Erziehung und Sport teilnehmen. Das sieht ein von ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann vorgestelltes Konzept vor.

Klasse

Christoph Weiss

Bisher werden Kinder, die nicht Deutsch können, zwar durch zusätzliche Kurse gefördert, bleiben aber in ihrer Klasse und im regulären Unterricht. So hat z.B. der dreizehnjährige Baha in den letzten zwei Jahren die Sprache gelernt: „Ich komme aus Syrien“, sagt der Schüler in gutem, akzentfreien Deutsch. „Es war hier ein bisschen schwer für mich. Zuerst habe ich nichts verstanden. Aber meine Freunde haben mir geholfen und die Schule hat mich in einen Kurs mit einer Lehrerin geschickt - drei Stunden pro Woche.“ Trotzdem konnte Baha an einem Großteil des regulären Unterrichts weiter teilnehmen. Mit dem neuen Modell soll sich das ändern.
Ist es wirklich sinnvoll, alle Kinder, die nicht Deutsch können, aus ihren Klassen herauszunehmen und zwanzig Stunden pro Woche in eigene Deutschklassen zu stecken - anstatt des normalen Unterrichts?

Edith Hülber ist Direktorin der NMS Konstanziagasse, einer Neuen Mittelschule mit Schwerpunkt Informatik in Wien Donaustadt. Sie hält wenig von der geplanten Deutschklasse. „Die Kinder lernen untereinander sehr viel. Peer Learning funktioniert dann, wenn die Sprache im alltäglichen Gebrauch angewandt wird. Wenn Kinder für zwanzig Stunden pro Woche in einer eigenen Deutschklasse sitzen, fehlt ihnen der wichtige Sozialkontakt zu den anderen.“

Edith Hübner

Christoph Weiss

Edith Hülber hält wenig von verpflichtenden „Deutschförderklassen“.

Die Eltern der Schülerin Serene kamen von den Philippinen nach Österreich. Englisch konnte sie gut, als sie in die NMS Konstanziagasse kam, Deutsch gar nicht. Wie ihr syrischer Schulkollege Baha hat auch Serene in zusätzlichen Förderkursen Deutsch gelernt, ging ansonsten aber in den normalen Unterricht - darüber ist sie froh. Zur Idee, dass Kinder stattdessen ein bis zwei Jahre lang nur Deutschunterricht erhalten sollen, sagt sie: „Es ist unfair, wenn man nur Deutsch lernen darf.“

300 zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer sollen laut Plan der Regierung für die neuen Deutschklassen zur Verfügung stehen. Direktorin Hülber befürchtet, dass jeweils nur eine Lehrerin bzw. ein Lehrer für bis zu 25 Schulkinder zur Verfügung stehen wird. „Eine Unterrichtsstude dauert 50 Minuten. Das sind also zwei Minuten pro Kind.“ In den regulären Klassen der NSM hingegen unterrichten immer zwei Lehrer gemeinsam, die Zahl der Schülerinnen und Schüler liegt bei rund 23 - und Kinder mit Deutschmängeln werden intensiv durch betreut, so Hülber.

Gabriele Rojek unterrichtet Deutsch und Geschichte an der NMS Konstanziagasse. Jenen Kindern, die dem Unterricht nicht folgen können, werde bereits individuell geholfen, sagt sie: „Es gibt Kollegen, die Kinder aus einzelnen Unterrichtsstunden herausholen und mit ihnen Deutsch lernen - bis zu drei Mal pro Woche.“

Bibliothek NMS Konstanziagasse

Christoph Weiss

In der Bibliothek der NMS Konstanziagasse wird das Herumliegen auf dem Fußboden beim Lesen gern gesehen.

Dabei wird besonders darauf geachtet, dass das Kind nicht immer den gleichen Unterrichtsgegenstand versäumt. Beim jetzt geplanten verpflichtenden Deutschunterricht im Umfang von zwanzig Stunden pro Woche wäre das nicht mehr möglich. Insgesamt haben die Kinder an einer NMS 27 bis 31 Stunden Unterricht in der Woche. Wer in die verpflichtende 20-Stunden-Deutschklasse muss, dürfte dann sonst nur noch die Gegenstände Musik, Bildnerische Erziehung und Sport besuchen. Für Bildungsminister Faßmann ist das sinnvoll, weil diese drei Unterrichtsfächer „weniger sprachintensiv“ seien. Direktorin Edith Hülber hingegen meint: „Schade um die Ressourcen, die man den Kinder in den anderen Gegenständen nimmt.“

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