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Mark E Smith bei einem Konzert mit The Fall

CC BY SA 2.0 von Montecruz Photo flickr.com/libertinus

ROBERT ROTIFER

Northern white crap

Gedanken zum frühen Tod von Mark E.Smith, dem Chef von The Fall und hässlichsten aller hippen Priester.

Von Robert Rotifer

„Ein Wahnsinniger, ein Fanatiker, ein Dichter, ein, na ja, bis hinein in den offensiven Autismus agierender Prophet und Priester, der mit seiner Band The Fall eigentlich die gesamten Achtziger mit dominiert hat und da erratischen Wahnsinn abgeliefert hat. Mark E. Smith ist gestorben, das ist New Face in Hell, The Fall in einer Peel Session...“

Titelbild von Montecruz Foto unter CC BY SA 2.0 Lizent via flickr.

Euch geht es gut da drüben, ihr konntet gestern im Bonustrack hören, wie Martin Blumenau einen Nachruf auf den 60-jährig von uns gegangenen Mark E. Smith dahin improvisierte, der in fünf Zeilen mehr zum Ausdruck brachte als all die idiotischen Interviews in BBC-Nachrichten mit Manchester-Menschen, die uns sagen, dass sie gute Freunde waren mit dem großen, versoffenen Anti-Helden aus dem Norden, der nach außen so rau war in seinem nördlichen Zungenschlag und nach innen so warm, bis er einen dann nach spontaner Bier- und Whiskey-Laune in der Öffentlichkeit als Idioten denunziert hat. Aber so war er halt, wir lachen und machen ihn zum National Treasure, zum Teil des nationalen Mythenschatzes, ein „real one-off“, wie der Guardian schreibt, nur ein einziges Mal erlaubt. Dass ja bloß keine_r auf die Idee kommt, da nachzuspringen, nachzufallen (sorry, es war verlockend).

Und dann spielen sie im Radio ein Schnipsel von „Hit the North“ und gleich drauf „Mr Pharmacist“ und nennen letzteres „a famous Fall song“, obwohl es natürlich ein Cover der Westcoast-Sixties-Garagenband The Other Half ist. Eines jener Covers, die Mark E. Smith, dessen Band sie dann – sowieso - „Post-Punk“ nennen (obwohl sie sich schon 1976 gründete), als Fährten zurück in eine Welt vor dem Punk strategisch über den Fall-Katalog verstreut hat, Covers bzw. Demontagen von The Monks, den Kinks, Slapp Happy, Gene Vincent, Captain Beefheart, The Move... als Kontext, dessen Erforschung dann mindestens genauso inspirierend war wie The Fall selbst.

Man konnte als Musikhörer der Achtziger (und ich war für The Fall ein klein bisschen zu jung) eben so wie James Murphy jeden von Mark E. Smiths Manierismen studieren, bis die Imitation mit dem eigenen Ich verschmolz und die Smithsche Verlängerung des Auslauts jedes deklamierten Wortes zum unbewussten Reflex wurde. Man konnte, so wie Jarvis Cocker, sich Smiths linkisches Tanzen und Gestikulieren aneignen und seine Sakkos und Strick-Pullunder tragen. Oder man konnte nachbuddeln und sehen, wo ein Song wie “There’s a Ghost in my House” eigentlich herkam. Und mit wem Smith sich in “I am Damo Suzuki“ so untypisch unzynisch identifizierte, im Jahre 1985, als Krautrock noch lange nicht rehabilitiert war, sondern weithin als alte Hippie-Scheiße galt.

Aber wo waren wir? „New Face in Hell“ spielte Martin Blumenau also dann gestern in seinem improvisierten Tribut an Mark E. Smith, die Geschichte eines Amateurfunkers, der ein Regierungskomplott aufdeckt und dann des Mordes an seinem gerade von unbekannter Hand vergifteten „muskulösen, dickhäutigen, schlitzäugigen Nachbarn“ beschuldigt wird. Ein Komplott jener Regierung, die ihn „zu ihrem Krieg verleitet hat gegen die Menschen, denen er, der Enthusiast, und der tote Jäger die Folter an den Hals gewünscht hätten.“ Kein Wunder, dass The Fall nach einem Camus-Roman benannt waren („La Jetée"/"Der Fall“, ursprünglich hatten sie nach dem englischen Titel von „L’étranger"/"Der Fremde“ eigentlich The Outsiders heißen sollen). Und Kafka war da wohl auch drin, und ein Verschwörungstheoretiker sowieso, siehe auch „Oswald Defence Lawyer“ mit seiner Veräppelung genau jenes liberalen amerikanischen, obsessiv anglophilen Alt-Rock-Indie-Publikums, dessen treues Fantum vier Jahrzehnte lang für die Butter auf Mark E. Smiths Brot sorgte. Falls er so was Gesundes überhaupt angerührt haben sollte.

„He’s liberal and insane
He caught the good news horse
His opposite is vain
The cardboard fake in the witness stand
He’s got an interview in Spin magazine
He loves the magazine
His mouth is in his brain
The prosecution lawyer
Turns himself to butter
Oswald Defense Lawyer“

So leicht geht das, in einem Text über Mark E. Smith gewichtig zu wirken, ein Textzitat reicht, und man könnte wirklich fast überall reingreifen in diesen Textekatalog und was Zitierbares rauspicken. Er wollte mit seiner Band nicht aufs Cover irgendwelcher Magazine kommen, schrieb Mark E. Smith in seiner Autobiographie mit dem furchtbaren Titel „Renegade“, sondern „es ging um Sounds; darum, etwas zu machen; primitive Musik mit intelligenten Texten zu kombinieren.”

Die Ironie! Schließlich war das genau das Rezept, das ihm all die NME- und Melody Maker-Coverstorys einbrachte. Das ihn – nebst seinem medienwirksamen Talent, in Interviews seinen gesammelten Sarkasmus über die wehrlose Kollegenschaft zu entladen - zum Lieblingsmonster aller Kritiker machte. Dass weder Smith noch seine Band (scheinbar) Musiker_innen im konventionellen Sinn waren, schmeichelte jenen, die verurteilt waren, darüber zu schreiben, was sie nicht singen oder spielen konnten. Genauso wie die Tatsache, dass auch ein unansehnlicher Typ wie Smith ein Rockstar sein konnte. Zumindest für die, die es immer besser wussten.

Aus Hip Priest, vom Album Hex Enduction Hour (1982):

“That’s hip hip hip hip hit hit hit Hip Priest
All the young groups know
All the young groups know
They can’t ever take advantage because I’m a hip priest.
I was as clean as a packet of chocolate chips.”

Und nein, ich hab vorhin in der Mehrzahl von Kritiker nicht das „_innen“ vergessen, es ist vielmehr tatsächlich so, wie Simon Price in messerscharfer Selbstbeobachtung schrieb: „The Fall sind eine Band, zu der ich wieder und wieder zurückkehre (ein flüchtiger Blick in meine iTunes Playlist enthüllt 554 Songs – und da ist das Vinyl nicht dabei), aber nicht in weiblicher Gesellschaft. Komischerweise scheinen Frauen die Top-Ten-Listen zusammenstellende/Fußball-Fan/Pitchfork-Leser Seite des Fall-Fan-Daseins nicht zu begrüßen.”

Price schrieb das übrigens 2008 in seiner Kritik zu einem Buch namens „The Fallen“, in welchem sein Kollege Dave Simpson den Schicksalen von 43 Ex-Mitgliedern von The Fall nachgeht, die in der damals gerade erst 32 Jahre alten Bandgeschichte von Smith gefeuert oder rausgeekelt worden waren. Die obsessive Recherche für das Buch bezahlte Simpson vielsagenderweise mit der Trennung von seiner erschöpften Freundin nach 17 Jahren Beziehung.

Das Kennen aller 46 Singles, 32 Studioalben und 13 EPs von The Fall ist in der Tat zu 98,3 Prozent das Distinktionskapital einsamer Männer, und man muss ihnen das nicht übel nehmen (Zwischenthese: Hätten The Fall nie was anders rausgebracht als ihren Lauf von Seven Inches zwischen ’79 und ’80 von „Rowche Rumble“ über „Fiery Jack“ und „How I Wrote Elastic Man“ bis „Totally Wired“, die Welt hätte auch daran noch bis heute zu kiefeln). So wie eure ist daher jedenfalls auch meine Timeline in den „sozialen Medien“ seit gestern Abend voll der Würdigungen und Anekdoten zu Mark E. Smiths Gedenken. Darunter gefühlte Tausendmal der Link zu dem berühmten Live-Interview 2004 zum Tod von John Peel, das die BBC-Nachrichtensendung Newsnight mit ihm führte, und in dem Mark E. Smith sich vom Moderator partout nicht dazu verführen ließ, schmeichelnde Worte über den gerade verstorbenen Radio-DJ zu liefern, der The Fall mit unzähligen Sessions und endlosem Airplay zu so viel Status als wichtigste Band aller Auskenner verholfen hatte. Statt Dankbarkeit zu mimen, spricht Mark E. Smith wahrheitsgemäß davon, dass Peel immer darauf geachtet habe, zu ihm und seiner Band „auf Armlänge entfernt“ zu bleiben.

Ein perfekter Feedback-Loop: Genau jenes Interview, legendär wegen Smiths Bruch des Protokolls posthumer Schleimerei, wurde gestern in Newsnight zwecks der posthumen Schleimerei zu Ehren von Mark E. Smith abgespielt und stotternd nichtssagend kommentiert von Tim Burgess von den Charlatans, jenem „guten Freund“, den Mark E. Smith erst im Dezember in einem seiner letzten Interviews einen „halfwit“, sprich Deppen, genannt hatte.

Doch zurück zu meiner Timeline, da zitierte gestern der Kollege Christian Werthschulte aus Mark Fishers Analyse von The Fall in seinem Buch The Weird and the Eerie:

“Aus der Sicht der offiziellen bourgeoisen Kultur und ihrer Kategorien könnte und sollte eine Gruppe wie the Fall – Arbeiterklasse und experimentell, populär und modernistisch – nicht existieren, und The Fall sind bemerkenswert in der Art, wie sie dem Seltsamen und dem Grotesken kulturelle Politik abgewinnen.”

Das stimmt, stellt aber auch eine gar nicht so angenehme Frage zur Gegenwart wie zur Vergangenheit bzw. der Art, wie wir damals die Texte eines Mark E. Smith verstehen wollten, und wie wir sie verstehen würden, wenn sie heute unvorbereitet auf uns niederprasselten. Man nehme etwa einmal diese Eigendefinition aus „Crap Rap 2/Like to Blow”, dem ersten Fall-Album „Live at the Witch Trials” (1979).

“We are the Fall
Northern white crap that talks back
We are not black, tall
No boxes for us
Do not fuck us
We are frigid stars”

Das schrieb das damalige Labour-Mitglied bzw. Ex(?)-Mitglied der Socialist Workers Party Mark E. Smith 1979, in dem selben Jahr, da Margaret Thatcher gewählt wurde und sich drauf und dran machte, den „Northern white crap“ fertigzumachen. „We are not black, tall“, formulierte er in ebendiesem Jahr 1979, da in Chicago die berüchtigte, rassistische Disco Demolition Night stattfand und amerikanische Punk-Fans sich vom hochdubiosen „Disco Sucks“-Slogan verführen ließen. Im selben Jahr 1979 wiederum, da der Disco-Hit „Lost in Music“ von Sister Sledge erschien, den The Fall später gänzlich unironisch und bewundernd covern sollten.

Grotesk in der Tat, mutwillig widersprüchlich und uneindeutig auf eine Art, wie sie die Popkultur im Zeitalter der vermeintlich wortgenauen „woken“ Rhetorik nie und nimmer dulden würde.

Wie stehen wir heute zu dem skandierten „Where are the obligatory niggers? Hey there fuckface“ am Anfang von „The Classical" aus „Hex Enduction Hour“, später in den Neunzigern von Pavement als „family favourite“ angesagt und minus die schwierige Zeile gecovert?

Sprach da einer die unsagbare Wahrheit aus über eine pseudoliberale Kultur, die Alibi-Schwarze einsetzte, um sich damit ein verlogenes, besseres Gesicht zu verpassen? Oder lag darin damals irgendwie schon der Kern des politisch und kulturell peinlich reaktionären Smith, den wir 2016 im Channel 4-Interview mit Krishnan Guru-Murthy erleben mussten? Der sich originell vorkam, wenn er seinem privilegierten Ressentiment gegen vorgeblich feige syrische Flüchtlinge freien Lauf ließ?

Gegen Ende seines Lebens war Mark E. Smith, wie Martin Blumenau es gestern formulierte, wohl tatsächlich ein „unangenehmer Mann“, und übrigens: Für die Leute, die mit ihm leben bzw. in The Fall spielen mussten, waren die Geschichten oft gewalttätiger Auseinandersetzungen innerhalb der Band bzw. mit seinen Frauen und Freundinnen vermutlich auch nie so amüsant wie für seine Bewunderer aus sicherer Entfernung. Womit wir schließlich bei einem klassischen Smith-Zitat angelangt wären: „Wenn du mich und deine Oma an den Bongos hast, hast du The Fall.“

Klingt gut und deckt sich mit der allgemeinen Wahrnehmung, dass The Fall jeweils aus Mark E. Smith und einer arbiträren, wechselnden Parade von Leuten bestanden, die hinter ihm ihre Instrumente schrubbten. Fall-Fans mögen mich dafür köpfen, aber war das nicht einen Deut undankbar und ungerecht gegenüber Craig Scanlon, Gitarrist und musikalischer Ko-Autor von 1979 bis ’95? Oder Steve Hanley, den Sound der Band prägender Bassist von 1979 bis ’98? Oder dessen Bruder Paul, erst Drummer, dann Co-Drummer neben Karl Burns, der dem Chef berühmterweise 5 Pfund Strafe für jedes verstohlene Paradiddle auf seiner Hängetom bezahlen musste?

Ganz zu schweigen vom Einfluss von Smiths langjähriger Frau Brix Smith Start, von 1983 bis ’89 (und dann kurz wieder Mitte der Neunziger) an Gitarre und Gesang bzw. als auf Plattencovers ungenannt gebliebene Songschreiberin. Oder Smiths letzter Frau Eleni Poulou, Keyboarderin und Sängerin von 2002 an, die sich kurz vor dem letzten Album “New Facts Emerge” von The Fall und Smith trennte.

Ihre Bedeutung anzuerkennen schmälert nichts an der des Mark E. Smith, dem die Leute in eurer Timeline oder vielleicht ihr selbst seit gestern Abend so verdienten Tribut zollt. Ich selbst erfuhr übrigens auch über Twitter von seinem Ableben. Ein Bekannter, der Ex-Kenickie-Drummer Pete Gofton, postete das Video zu einem Song namens „Bill is Dead“ aus dem 1990 nach der Trennung von Brix erschienenen Album „Extricate“, in dem Mark E. Smith, diesmal vom Timbre her in der Rolle eines nordenglischen Lou Reed, den Refrain „I’ve never felt better in my life“ aus The Classical als dessen geradezu melancholisches Echo wieder aufnimmt:

“These are finest times of my life
This is the greatest time of my life
This is the greatest time of my life
These are the biggest times of my life“

In diesem Moment, schrieb ich selber auf die virtuelle Klowand des sozialen Mediums, sei das der traurigste Klang der Welt.
„The Fall could move you“, schrieb Pete darunter.

Mark E. Smith ist tot.

PS: Und aus aktuellem, österreichischem Anlass noch eine ganz unzweideutige Wahrheit von Mark E. Smith:

“Who makes the Nazis?
The Nazis are long horn
Long horn breed
Long horn - Long horn breed“

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