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3 Schauspielerinnen oder Tänzerinnen liegen am Boden der Bühne

Armend NIMANI / AFP

„Du bist doch Schauspielerin!“

Mit dem Burgtheaterbrief ist die #metoo-Debatte auch in der österreichischen Kulturszene angekommen. Im Bereich Theater etwa entscheiden einige wenige weiße Männer über Rollen und Engagements. Was bedeutet das für junge Schauspielerinnen?

Von Irmi Wutscher

Im Oktober ist die #metoo-Debatte losgegangen rund um den US-Amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein. Gestern wurde gegen ihn Anklage erhoben. Der Vorwurf: jahrelange Versäumnisse beim Schutz von Mitarbeiterinnen vor sexueller Belästigung.

Dienstag ab 21.00: FM4 Auf Laut

Was hat #MeToo in Österreich bisher bewirkt?

Welche Konsequenzen gibt es? Was hat es in deinem persönlichen Umfeld gebracht? Und was ist noch zu tun?

Claus Pirschner diskutiert darüber in FM4 Auf Laut mit AnruferInnen und Gästen. Anrufen und Mitreden kannst du unter 0800-226 996.

Über Social Media hat #metoo weite Kreise gezogen und die Diskussion ist auch nach Österreich gekommen. Zuerst mit der Diskussion um den Skisport. Und dann mit einer Diskussion übers Theater: vor ca. zwei Wochen haben 60 Burgtheater-Mitarbeiter_innen einen offenen Brief geschrieben. Darin erzählen sie, wie unter der Leitung Hartmanns am Burgtheater eine Atmosphäre der Angst und der Verunsicherung geherrscht habe. Die 60 Burg-Mitarbeiterinnen schreiben aber auch, es gehe ihnen nicht alleine um die Person Hartmann, der ja nicht mehr an der Burg arbeitet. Sondern um die Kultur- und die Theaterbranche generell, dass da möglicherweise Machtstrukturen überdacht werden müssten.

Denn natürlich kann man sich über Einzelpersonen aufregen. Aber gibt es nicht ein System dahinter? Als ich mich unter Schauspielerinnen umhöre, kann fast jede dem zustimmen. Aber nur wenige wollen darüber reden. Und schon gar nicht öffentlich.

Tänzerin von Hinten auf der Bühne

AFP PHOTO / ATTILA KISBENEDEK

#metoo am Theater

„Wenn das Thema aufkommt: jeder hat seine Geschichten“, sagt Anna*. Sie ist seit zehn Jahren in der Wiener Theaterszene aktiv und heißt in Wirklichkeit anders. „Es sind nicht immer Extrembeispiele, es ist nicht immer Blowjob für Rolle. Aber es sind immer wieder Übergriffe verbaler oder körperlicher Natur, die quasi systemimmanent sind, akzeptiert werden und absolut verharmlost werden. Deswegen ist es super, dass das Thema Wichtigkeit bekommt.“

*Name von der Redaktion geändert.

Die Bilder zu diesem Artikel sind von Internationalen Theaterproduktionen und haben nichts mit den Interviewten zu tun.

Ähnlich sieht das auch Annas Kollegin Alina, die seit drei Jahren an kleinen Häusern in Wien und in der Off-Szene auf der Bühne steht. Sie sagt, #metoo wird durchaus wahrgenommen in der Theaterszene. Doch mehr in der Form des Herrenwitzes: „Sobald jemand angefasst wird auf oder hinter der Bühne, sagt gleich jemand ‚Huch, darf ich ja nicht, metoo, hihi‘. Wenn ich jedes Mal sagen würde, dass ich das eigentlich nicht lustig finde, hätte ich ein schweres Leben im Probenbetrieb. Auch wenn ich es kein einziges Mal lustig finde.“

Der ehemalige Burgtheater-Chef Nikolaus Bachler schreibt in einer Reaktion auf den #metoo-Brief im Kurier, dass sich in kaum einem anderen öffentlichen Bereich ungehinderte Machtausübung in absolutistischer Form solange gehalten hat, wie am Theater. Und dass es unter dem Mantel von Kreativität, künstlerischem Willen und Erfolg bei vielen um subtile oder offene Gewalt gehe. Auch in den Gesprächen mit Alina und Anna zeichnet sich das Bild ab: Im Namen der Kunst wird mit Menschen schlecht umgegangen „Das gehört dann plötzlich zur Aura des Genies dazu“ sagt Alina. „Ganz viele Menschen geben sich auch so, damit sie als Künstlerinnen und Künstler angesehen werden. In dem Fall Künstler, ich habe jedenfalls noch keine Frau mit einem Geniekomplex getroffen!“

Teil des Jobs?

Es ist also nicht die Besetzungscouch, sondern oft die kleine Grenzüberschreitung, die Schauspielerinnen im Alltag immer wieder erleben. Anna erzählt von einem Kollegen, der den Bühnenkuss ausnutzt und ihr die Zunge bis in den Hals steckt. Oder von einem, der ihr auf der Bühne die Hand zwischen die Beine rammt – obwohl das die Szene gar nicht erfordert: das Publikum sieht die Hand nicht, sie ist unter einem Kleid. „Das ist dann oft so ein kleines Ausnutzen“, sagt Anna.

Denn vieles, was im Schauspiel passiert, ist ein Graubereich. Der Körper ist das Haupt-Ausdrucksmittel mit dem alles Mögliche dargestellt wird. „Es wird geschlagen, geküsst, vergewaltigt, angefasst, angespuckt… das ist Teil des Jobs! Und man lernt gerade auf der Schauspielschule, Dinge einfach zu machen. Über seine Grenzen zu gehen.“ Ähnliches berichtet Alina. Sie meint über Schauspielschulen hänge quasi ein Motivationsposter, das sagt „Get out of your comfort zone“ – und das werde den Schauspielschüler_innen permanent eingetrichtert. Trotz all dieser Graubereiche, sagen Alina und Anna, weiß man oft ganz genau, wenn eine Grenze überschritten wurde.

Alina erzählt von einem stadtbekannten Regisseur in Wien, der gerne Stücke mit vielen jungen Frauen inszeniert. Vor dem Schauspielerinnen einander warnen - in falsch verstandener Solidarität – nur ja nicht mit ihm alleine zu sein. Und bei ihm hat sie vorgesprochen – ausgerechnet für eine Rolle als Stripperin. „Er hat mich dann in seinem Büro dazu aufgefordert zu strippen. Ich frage: ist das notwendig, können wir das nicht bei einer Probe klären? Und er sagt: wenn du es jetzt, hier nicht kannst, dann kannst du es auf der Bühne auch nicht.“ Alina sagt, sie war damals blutjung und neu im Geschäft und habe es gemacht. „Und währenddessen habe ich mir gedacht: Das fühlt sich so falsch an! Aber du hast ja gelernt: du musst mutig sein, du musst brennen für den Job, du musst bereit sein, alles zu tun für diese Rolle. Und dann ziehst du dich in einem Büro vor einem einzelnen Mann aus. Und dann ganz schnell wieder an.“

Dancers of the 'Inversedance' contemporary group perform on the stage of the National Dance Theater in Budapest

AFP PHOTO / ATTILA KISBENEDEK

Ja nicht kompliziert sein!

Warum macht frau das? Und warum ist es so schwer zu protestieren? Weil es eine permanente Angst um den Job gibt, beziehungsweise keine weitere Rolle mehr zu bekommen. „Was man sich als Schauspielerin nicht leisten kann, ist, dass man als kompliziert gilt, als empfindlich, stressig usw." sagt Anna. "Man ist versucht, so unkompliziert wie möglich rüberzukommen. Und da fällt es schwer zu sagen: Stopp, damit geht es mir nicht gut!“ Denn die Theaterszene ist klein, so etwas spricht sich schnell herum. Und die Rollen vergeben einige wenige – hauptsächlich weiße Männer, die sich kennen. Dauerhafte Engagements sind selten und dauern nur wenige Jahre. Schauspielerinnen sind also für jede Rolle wieder vom Urteil der Regisseure oder Regisseurinnen abhängig. Da heißt es: lieber ducken als aufmucken.

Auf den Burgtheaterbrief angesprochen, sagt der Chef der Bundestheater-Holding Christian Kircher zum Standard, es gebe in allen Bundestheatern Gleichbehandlungsbeauftragte als neutrale Anlaufstellen und es gebe gesetzliche und betriebliche Bestimmungen für das Miteinander. Darüber muss Alina erst einmal lachen. „Man gilt sehr schnell als Wichtigmacherin, wenn man sich beschwert“. sagt sie. Außerdem würden am Theater schon einfache Arbeitsrechte nicht gewahrt, wie Arbeitszeiten. Oder körperliche Sicherheit, etwa wenn ein Nagel aus dem Bühnenboden steht und die Schauspieler und Schauspielerinnen trotzdem barfuß spielen müssen.

Abgesehen davon, sagt Anna, gibt es ja nicht nur Hollywood und die Burg, sondern die Off-Szene und die Off-Off-Off-Szene – da gäbe es keine offiziellen Stellen. „Ich habe auch noch nie erlebt, dass solche Anschuldigungen erst genommen werden.“

Du kannst das doch!

Frauen werden also belächelt, wenn sie sich wehren, wenn sie eine körperliche Grenze aufzeigen. „Da heißt es dann oft: Du bist doch Schauspielerin! Du bist doch nicht verklemmt! Du bist doch offen und wild!“ sagt Anna.

Wo demgegenüber interessanterweise die Rollen für Frauen, und damit die Rollenbilder, die das Theater dann oft anzubieten hat (es gibt natürlich Ausnahmen), eigentlich nicht besonders progressiv oder modern sind. „Man geht auf Nummer Sicher und besetzt Desdemona dann doch wieder als schöne, blonde Frau“, sagt Anna. Menschen mit dunkler Hautfarbe dürfen, wenn überhaupt, mal Othello spielen. Und Migrant_innen spielen meistens Prostituierte, Taxifahrer oder Ausländerleiche. Ob Transgender-Personen bei irgendeinem Casting eine Chance hätten, wo es nicht um das Thema Transgender geht?

„Das ist auch ein Punkt – aber da kommen wir in ein anderes Thema rein: was man für Klischees bedient, die ganze Zeit als Schauspielerin. Kann ich eigentlich Feministin sein und gleichzeitig Schauspielerin?“ fragt sich Anna. In viele Stücken und Texten seien die Rollenklischees drinnen - das müsse man erst einmal aufbrechen können und wollen. „Regisseurinnen an die Macht – und natürlich auch Regisseure, die sich nicht scheuen, mit der Zeit zu gehen und Dinge zu hinterfragen! Geschlechterrollen zum Beispiel!“

Silhouette einer Frau auf eine Bühne

AFP PHOTO / ATTILA KISBENEDEK

Frauen in Entscheidungspositionen

Was könnte sich ändern und was sollte sich ändern? Grundregeln im Umgang, oder einfach Grundrechte einhalten, das wäre ein Thema - so Alina: „Können wir nicht in einer Atmosphäre arbeiten, die wertschätzend ist, wo ich nicht beschimpft werde oder sogar körperlich attackiert? Das ist doch ein Mindestmaß, würde man annehmen.“

Anna wünscht sich mehr Sensibilisierung auch schon in der Ausbildung, also an der Schauspielschule. Dass den Schülerinnen eben nicht beigebracht wird, sie müssen unter allen Umständen alles machen, sondern dass es ok ist, Grenzen aufzuzeigen und die zu besprechen.

Beide Schauspielerinnen wünschen sich, dass mehr Frauen in den Theatern in Entscheidungspositionen sitzen. „Die Szene ist absolut männerdominiert. Viele junge Schauspielerinnen treffen auf ein paar männliche Entscheidungsträger“, sagt Anna. Alina wünscht sich nicht nur Frauen als Theaterleiterinnen oder als Regisseurinnen, sondern auch in der Technik, in den Büros, auf alle Ebenen. „Man ist nicht gefeit vor Übergriffen, nur weil eine Frau das Haus leitet“, sagt sie. „Ich glaube aber, wir leben in einer besseren Umgebung, wenn Frauen und Männer gleichermaßen das Sagen haben. Und nicht nur Männer, die es sich ausmachen können. So wie wir es die letzten Jahre gesehen haben.“

FM4 Auf Laut: Was hat #MeToo bisher bewirkt?

Weltweit sind im Zuge der #Me Too-Debatte vor allem sexuelle Übergriffe an Frauen, aber auch an Männern bekannt geworden. Filmproduzenten, Schauspieler, Musiker, Politiker und Sportler sind beschuldigt worden, viele sind zurückgetreten. In Österreich verzichtet Peter Pilz wegen Vorwürfen sexueller Belästigung auf sein Nationalratsmandat, möchte aber in die Politik zurückkehren. Sexueller Missbrauch hat besonders im Spitzensport hohe Wellen geschlagen, ohne konkrete Konsequenzen allerdings. Nun klagen Beschäftigte des Wiener Burgtheaters in einem offenen Brief den Sexismus des ehemaligen Direktors Matthias Hartmann an.

Was hat die #Me Too-Debatte in Österreich bisher bewirkt? Welche Konsequenzen gibt es? Was hat es in deinem persönlichen Umfeld gebracht? Und was ist noch zu tun? Claus Pirschner diskutiert darüber in FM4 Auf laut mit AnruferInnen und Gästen.

Anrufen und Mitreden kannst du unter 0800-226 996. Dienstag ab 21.00

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