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Szenen aus "The Shape of Water"

Centfox

Underwater Love

Ein Monsterfilm wie kein anderer: Mit „The Shape Of Water“ ist Guillermo del Toro ein berührendes Meisterwerk gelungen.

Von Christian Fuchs

Während die Zukunft des Kinos unsicher scheint, präsentiert es sich in der Gegenwart von seiner besten Seite, in geradezu strahlendem Licht. So gänzlich unterschiedliche Filme wie „The Killing Of A Sacred Deer“, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ oder „Phantom Thread“ begeistern auf allen Ebenen, sind für die ganz große Leinwand gedreht und machen den Besuch im dunklen Vorführsaal zu einer weihevollen Messe. Mit dem höchst ungewöhnlichen Monstermovie „The Shape Of Water“ folgt nun ein weiteres Prachtstück in diesem Reigen der Meisterwerke.

Übernatürliche Kreaturen spielen in den Filmen von Guillermo del Toro schon immer eine andere Rolle als in konventionellen Horrorfilmen. Ob in den beiden „Hellboy“-Streifen, im Geisterthriller „The Devils Backbone“ oder seiner bislang besten Arbeit, der grimmigen Fantasyfabel „Pan’s Labyrinth“, die Monster verkörpern viel mehr als finstere Bedrohungen. Sie stehen für das Andere, das Fremde, für den Einbruch der Irrationalität in die Konformität und die Antithese zur gesellschaftlichen Norm. Man merkt, dass del Toro seine Monster innig liebt.

Szenen aus "The Shape of Water"

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Dieser Zugang hat mit der frühesten Filmsozialisation des mexikanischen Regisseurs zu tun. James Whales gruseliger Meilenstein „Frankenstein“ und der B-Movie-Klassiker „The Creature From The Black Lagoon“ faszinierten den mittlerweile 53-jährigen Guillermo del Toro in jungen Jahren. Die Monster in diesen Filmen empfand der sich selber als Außenseiter fühlende Bub als seelenverwandte Wesen, die von der Gesellschaft unverstanden gejagt wurden. Mit „The Shape of Water“ formuliert del Toro seinen diesbezüglichen Standpunkt nun radikaler und gleichzeitig zugänglicher als je zuvor. Und verbeugt sich gleichzeitig vor dem legendären „Schrecken vom Amazonas“, einem Amphibienmonster, das für ihn schon immer der eigentliche (Anti-)Held des gleichnamigen Films war.

Eine Idylle, die es nie gab

Guillermo del Toro siedelt seinen neuen Film im Jahr 1962 an, als der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion für ein latentes Klima der Bedrohung sorgt. Gleichzeitig steht diese Zeit für ein Postkarten-Amerika voller lächelnder Hausfrauen und brav schuftender Männer, die am Abend mit den Vorzeige-Kindern das gemeinsame TV-Dinner einnehmen. Ein Klischeebild, das sich damals dem gewaltigen Wirtschaftsaufschwung im Land verdankt, aber auch einer Legion von Werbefachleuten - siehe die Ausnahmeserie „Mad Men“ - die den blinden Konsum-Optimismus im Bewusstsein der Bürger verankern. Wenn Donald Trump heute seine Phrase von „Make America great again“ drischt, bedient er die Sehnsucht nach genau dieser Ära.

Die Nostalgie nach einer Epoche, in der die Welt noch heil war - zumindest für weiße, heterosexuelle Männer, wie del Toro in Interviews betont - ist auch der Grund, warum der Regisseur seine Geschichte vor dem Hintergrund der frühen 60er erzählt. Denn natürlich, das ist in „The Shape Of Water“ ganz offensichtlich, kommentiert der Film auch offensiv unsere Gegenwart. Die Idylle, die ihr euch jetzt wieder so wünscht, sagt er den rechtskonservativen Trump-Wählern (und nicht nur denen), die gab es nie. Hinter dem Grinsen der All-American-Family lauerte ein Abgrund aus Rassimus, Sexismus und ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen.

Szenen aus "The Shape of Water"

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Keine Angst, muss ich spätestens jetzt entwarnen, einen Film, der mit schweren Botschaften hausieren geht, muss man keinesfalls befürchten. Der politische Subtext ist ohne Holzhammer in diesen vielleicht feinsinnigsten Monsterfilm seit Ewigkeiten verwoben. Guillermo del Toro verzichtet nämlich, wie in seinen anderen Streifen, auf strengen sozialen Realismus. Die Story der stummen Putzfrau Elisa (herausragend: Sally Hawkins), die zwischen ihrer armseligen Wohnung und dem Job in einem US-Militärlabor pendelt, verpackt der Regisseur in stilvoll überhöhte Szenarien, die manche Kritiker bisweilen sogar an seinen französischen Kitsch-Kollegen Jean-Pierre Jeunet denken ließen.

Im Gegensatz zur fabelhafter Welt, in der sich Amélie tummelt, geht es im Alltag von Elisa aber entschieden weniger unschuldig zu, übertriebene Niedlichkeit findet man in „The Shape Of Water“ nicht. Wir sehen die einsame Protagonistin morgendlich in der Badewanne masturbieren, es gibt auch grindige Szenen in Toiletten, Schmutz, Lust und Frust sind in diesem bezaubernden Märchen nicht tabu. Es ist diese auffällige Bodenständigkeit, die „The Shape Of Water“ auch über das bisherige Schaffen von Guillermo del Toro hebt, das sich manchmal in einem kunstvollen Gothic-Manierismus erschöpfte.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Elisa trifft jedenfalls, das dürfte durchaus schon bekannt sein, in einem abgeschirmten Bereich des Forschungslabors auf die Liebe ihres Lebens. Gefoltert von einem eiskalten Militärbeamten (beklemmend as ever: Michael Shannon) schwimmt in einem Wassertank eine Kreatur, halb Fisch, halb Mensch (virtuos: Doug Jones), die von der Armee in Südamerika gefangen wurde. Langsam nähert sich die Putzfrau in unbeachteten Momenten dem gequälten Geschöpf an, bis auf einmal eine heftige emotionale Bindung entsteht. Elisa findet es bald unerträglich, dass das Unterwasserwesen dem Terror ihrer gewissenlosen Chefs ausgesetzt ist.

Szenen aus "The Shape of Water"

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Irgendwann, soviel, sei verraten, nähert sich das ungleiche Paar auch körperlich an. Dazu muss sich das Amphibienmonster aber nicht in einen Prinzen verwandeln, wie in „Die Schöne und das Biest“. Solche angepassten Transformationen findet Guillermo del Toro „incredibly castrating and soul-destroying“, wie er dem „Total Film“ Magazin verrät. Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sagt uns der Regisseur stattdessen, zieht sein Manifest für die grenzüberschreitende Kraft der Herzen kompromisslos durch - und schenkt uns mit der Affäre zwischen der stummen Frau und dem Fischmann eine der schönsten Romanzen der jüngeren Filmgeschichte.

Abgebrühte Zyniker und Typen mit einem Hang zur Dauer-Ironie werden mit diesem Pathos vielleicht wenig anfangen können, aber für sie hat Guillermo del Toro seinen zutiefst berührenden Film auch nicht gemacht. „The Shape Of Water“, in dem auch noch jede Nebenrolle mitreißt, in dem Musical, Horror und Sozialdrama im Zeichen der Liebe kollidieren und Latex-Maskenkunst statt Computereffekten dominiert, dieses kleine Leinwandwunder der großen Gefühle ist ein weiterer Pflichtfilm in dieser derzeitigen Hochblüte des Kinos.

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