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Portrait Wurmdobler

© Martina Frühwirth

Gefangen in der Homo-Blase

Ein Freundeskreis von nicht mehr ganz so jungen Schwulen kämpft sich in Christopher Wurmdoblers Debüt-Roman „Solo“ durch das Bobo-Leben in Wien.

von Christian Pausch

Sie haben Dachterrassen mit Whirlpools, gestählte Fitnesscenter-Körper, die perfekten Jobs und die angesagtesten Hobbies. Wären sie nicht alle „queer“, wäre das alles einfach nur öde. Das sehen sie auch selbst so, die Protagonist*innen in „Solo“ von Christopher Wurmdobler.

Das Buch begleitet den 50-jährigen Martin und seine handvoll Freund*innen durch einen besonders tristen Winter in Wien. Trist, weil alle in ihren betuchten Bobo-Leben festzustecken scheinen. Die wilden Jugendjahre sind vorbei, die Langzeitbeziehung mieft, das Single-Dasein war schon mal spaßiger und Sex mit einem völlig Fremden in irgendeinem Hinterhof ist auch nicht mehr das was es mal war. Sogar das Schwul-Sein wird zum Trend und ist nicht mehr nur ihnen alleine vorbehalten:

Eindeutige Codes gab es nicht mehr. Waren sie vor zehn Jahren oder so in den Umkleidekabinen der Fitnessclubs daran zu erkennen, dass sie am ganzen Körper rasiert waren, pflegten sie nun den haarigen Bärenstil. Sie kleideten sich wie Holzfäller und taten auf Superhete. Und die Heteros? Ebenfalls.

„Heteros kriegen Kinder, wir kriegen schöne Wohnungen.“

Buchcover "Solo"

czernin verlag

Christopher Wurmdobler: Solo. Czernin Verlag, 2018

Tatsächlich ist es im Roman aber die eine Hetera, deren Geschichte man am liebsten folgen mag: Steph, oder Mister Steph, wie sie von ihren Gays gerufen wird, ist die Schwulenmutti, die Fag-Hag, in Martins Freundeskreis. Eine Rolle, die ihr anfangs Spaß gemacht hatte, sie aber mit zunehmenden Alter nicht mehr interessiert.

Irgendwo blieb zwischen all den Gay-Partys, unzähligen Vernissagen und den Grindr-Stories ihrer Freunde, Stephs eigenes Leben links liegen. Mitzuverfolgen wie sie sich von dieser festgefahrenen Situation emanzipiert, macht beim Lesen von „Solo“ große Freude:

Steph war bald vierzig, eine Frau mittleren Alters, Martin hatte sie mit dieser Formulierung zwar immer genervt, aber es war nun einmal so. Sie war also eine Frau mittleren Alters, kinderlos, alleinstehend und eigentlich ganz zufrieden mit ihrer Situation. Sie besaß einen großen Freundeskreis, der, okay, vor allem aus schwulen Männern bestand, die großteils jünger waren als sie. Und sie besorgte sich Kerle fürs Bett, wenn sich die Gelegenheit bot und sie darauf Lust hatte. Ansonsten wartete Steph auf keinen. Sie suchte auch niemanden, leider bot Facebook beim Beziehungsstatus nicht die Option „unkompliziert“ an.

Bobos, das sind immer die anderen

Dass sie selbst schon längst diejenigen geworden sind, gegen die sie mit 20 vielleicht noch revoltiert haben, das fällt ihnen gar nicht auf. Und wenn dann nur so lange, bis zum nächsten spontanen Sex-Date, bei dem man sich wieder beweisen kann, wie anders man doch ist.

Neben Steph und Martin gibt es noch Lena und Rita, das Vorzeige-Lesbenpaar, die so lange zusammen sind, dass sie nur noch Lenarita, also als eine Person, gerufen werden. Dann ist da noch der immer laute Peter und das klischeehafte Architekt-und-Arzt-Pärchen Arnold und David, die ein wenig jünger sind als alle anderen, aber längst nicht mehr jung. Dass die Luft aber auch bei ihnen schon raus ist, wird oft nur in Nebensätzen erwähnt, dafür aber umso eindeutiger:

Arnold gab David einen Kuss und griff ihm gleichzeitig ziemlich derb in den Schritt. „Willkommen zu Hause, du geile argentinische Drecksau."
Gemeinsam räumten sie die schmutzigen Gläser in den Geschirrspüler.

"Freunde kann man sich nicht aussuchen.“

Irgendwie lebt es sich aber doch ganz gut in der Blase, in der sie sich alle zurechtgefunden haben. Die kleinen Problemchen werden mit Prosecco hinuntergeschluckt, oder mit Crossfit aus dem Kopf trainiert.

Aber es kommt natürlich, wie es kommen muss: es eskaliert. Die heile Welt der unzertrennlich scheinenden Freund*innen gerät ordentlich ins Schwanken und zwar genau bei der Veranstaltung, die man sich als Gruppe so mühsam erkämpft hatte: bei einer Homo-Hochzeit.

Christopher Wurmdobler ist in Freiburg i.Br. geboren. Er hat angewandte Theaterwissenschaft studiert und als Journalist gearbeitet, u.a. fast 20 Jahre für den Falter. Er lebt als freier Autor in Wien.

Empfehlung

„Solo“ ist ein humorvoller Abriss eines Freundeskreises, den es wohl ganz genauso mehrmals auf der Welt gibt, der sich aber nur in Wien herausnehmen kann, etwas besonderes sein zu wollen.

Der Roman erzählt außerdem viel von der Stadt selbst. Er liefert eine Momentaufnahme einer Szene und der Gesellschaft drumherum. Wurmdobler nimmt sich in „Solo“ viel Raum für Details: ein ganzes Kapitel widmet er den Begrüßungs-Kuss-Ritualen seiner Figuren. Fad wird das trotzdem nie.

Am besten man liest das Buch noch jetzt im Winter, denn auch die Geschichte spielt in dieser Jahreszeit und am Ende freuen sich alle auf den Sommer, der hoffentlich unkomplizierter wird - auch wenn das kein Beziehungsstatus auf Facebook ist.

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