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Diesen wunderbaren Platz pflegt, huldigt und erweitert die kanadische Postpunkband Ought mit ihrem dritten Album „Room Inside The World“. Wer noch nie von dieser Band gehört hat, es wäre jetzt soweit.

Von Lisa Schneider

So ein schöner Ort, ein ruhiger, vielleicht an einem See, vielleicht im Wald. Gibt’s den heute noch? Das fragen sich Ought auf ihrem neuen Album, und betiteln es dementsprechend „Room Inside The World“. Damit beziehen sie sich auf ihr eigenes Ouevre, aber auch auf die für sie wichtigen musikalischen Referenzen und ihre eigene Weiterentwicklung. So kann man am dritten Longplayer der vier Musiker aus Montréal in groben Zügen ihre Bandgeschichte studieren, sollte man sie noch nicht kennen.

Pflegen: das eigene Oeuvre

Mit „More Than Any Other Day“ ist 2014 ein neuer Stern am kanadischen Postpunkhimmel aufgegangen. Ein heller. Ought ist die Band, die die Szene aufrüttelt, passenderweise inmitten von Trubel, Frust und Schweiß der Quebecer Studentenproteste 2012 gegründet. Auch das zweite Album, „Sun Coming Down“ 2015, zeigt in Richtung Aufruhr, Chaos, müdes Leben und feuriges Fauchen. Manchmal unter Postpunk, dann doch wieder unter hart gesottenem Art-Rock eingereiht, tanzen Ought in vielen Genreschuhen gleichzeitig.

Ought "Room Inside The World"

Merge Records

„Room Inside The World“, das dritte Album von Ought, erscheint via Merge Records.

Das neue Album „Room Inside The World“ ist unter dem Aspekt „sein Oeuvre pflegen“ ein kohärenter Nachfolger. Das schönste Beispiel dafür ist „Brief Shield“, eine Nummer, so langsam, so leise, so sanft, die einen zurückwirft zur allerersten EP von Ought, „New Calm“, erschienen 2012. „Pill“ nämlich war der erste Song, den die vier Musiker überhaupt gemeinsam geschrieben haben, eingebettet in schön düster-verlorenem Setting, wie softer Velvet Underground, langsam tänzelnde Yo La Tengo. Nebelschwaden, Augenschließen.

Huldigen: die Referenzen

Dass Ought sich viel aus großen Vorbildern wie Joy Division oder New Order machen, ist schwer zu überhören; interessant ist dabei, dass sie eine ähnliche Entwicklung hinter sich haben. Wie Ryan Leas vom Magazin Stereogum in einer ausführlichen Review des neuen Ought-Albums festhält, ist es ein oft wiederholter Prozess, den viele Postpunk/New Wave-Bands der 70er und 80er Jahre durchlaufen haben: zuerst sind die Kompositionen noch zerfahren, wild, zerrissen, gewollt fern des Mainstream-Angenehmen. Mit zunehmendem Heranreifen der Band fährt der Zug aber doch ein bisschen in die Mitte zurück, zum sacht Melodischen. Ought reihen sich Jahre später in ebendiese Entwicklungskette ein.

Die Referenzen auf „Room Inside The World“ sind so vielfältig wie subtil. Father John Misty muss sich das Zähneknirschen verkneifen. Ought-Sänger Tim Darcy predigt am Opening-Song „Into The Sea“ fast schmissiger als er. Julian Casablancas wird sich auf „Disgraced In America“ gern an die Tage als junger Strokes-Frontmann zurückerinnern, als noch alles schlank, scharf und golden war. „These 3 Things“ tönt tatsächlich kurz ähnlich wie der größte Hit von a-ha, zieht die Bremse, dreht herum. „Desire“, das Herzstück, Soul mit Chor und Hörnern; weist hin auf so vieles, auch auf die Streets Of Philadelphia. Beim Songtitel „Desire“ wird man unvermeidlich an den gleichnamigen Titel von U2 denken müssen, und tatsächlich, als sich das Lied in hymnischen „Whoa“-Gesang steigert, kann man fast spüren, wie sich U2 und Coldplay zu X&Y-Zeiten die Hände reichen. Und um dem Pathos noch eins draufzusetzen, unterstützen die müde geschlagenen Drums die Wehmutszeilen: Desire / It’s never gonna stay.

Erweitern: den eigenen Sound

Tim Darcys Stimme ist es, die alles zusammenschnürt, mehr noch sind es seine Worte. Seine Intonation, die Laute dahin verschiebt, wo sie noch nie waren, vor und zurück, hinauf und hinab. Er arbeitet neben Ought auch an seinem Soloprojekt (Debut-EP „Saturday Night“ 2017) , man weiß ja nicht, wohin mit dem ganzen überschüssigen Zeug.

Das erste Ought-Album entstand regelrecht zwischen Tür und Angel, zwischen Campus und Fastfood, Gründungsphase und Weltherrschaftsphantasien. Aufgenommen schließlich in einer Handvoll verschwitzter Tage. Das zweite Album hat schon ein paar Wochen mehr Zeit verlangt; das dritte aber wurde in einer für Ought langen Spanne von fast einem halben Jahr eingespielt. Vor allem aber die Vorarbeitszeit war diesmal beachtlich, kein abgekapseltes Arbeiten, sondern eng kollaboratives Songwriting zu viert.

„Room Inside The World“ ist noch immer eine faszinierende Anneinanderreihung von Wortschwall, Gitarrenhall und Kraut-Anleihe, geführt von sympathisch melodieverweigerndem Duktus; wo aber die beiden Vorgänger noch zerrüttet, wabernd, nicht ganz zu fassen waren, ist „Room Inside The World“ ein properes Studioalbum geworden. Vor Kurzem sagt Tim Darcy in einem InterviewThe project of the third Ought record was to be more adventurous with sound and very much make a studio record, whereas the first two LPs were much more live and hectic.

Studiogeschwafel

Die Musik von Ought hat sich immer schon so angehört, als wäre die Band erpicht darauf, keinen Ton zu viel zu spielen. Man könnte ihn noch anderswo brauchen. Mehr noch als früher aber heben Ought ihre instrumentale Präzision hervor. Die Gitarrensoli sind klar, die Hornbläser treiben dezent und präzise im Hintergrund ihr eigenes Spiel. Die Synthesizer kommen straight outta 80ies-Disco, sind geglättet, poliert, da franst nichts mehr. Hin- und wieder soll ein Ausreißer die Regel natürlich bestätigen, am schönsten ganz am Schluss des Albums, auf „Alice“.

Beide vorigen Alben von Ought haben je acht Songs umfasst. „Room Inside The World“ ist das erste Album mit inkludiertem Plus eins, das schöne Anhängsel, das ganz und gar nicht entbehrlich ist. Hier kommt die Vorliebe der Band für Alice Coltrane zum Vorschein, ein Song, der sich hineinsteigert ins kontrollierte Chaos, da, wo die Instrumente ineinanderfließen hin zum zerwühlt-aufwühlenden Soundbrei. Auch ihren unausgesprochenen Vorsatz, immer alles straight on point zu produzieren, schmeißen Ought damit über den Haufen. Die alte Rauheit, sie ist noch da, sie ist nicht ganz überzogen vom Studioeifer der eh noch jungen Band. Auch die sonst immer so kristallene, wichtige Stimme vermischt sich mit allem, was rundherum passiert, auf dass alles aufgeht in einer einzigen, zitternden Ekstase.

Ein Ort für alle

Und politisch? Ja, das waren Ought, und das sind sie noch. Ihre Musik gestalten sie auch noch danach, wenn auch anders. Wo früher ein rotziger Rebell ausgespuckt und ins Mikro gebellt hat, wo sich im Dreck gewälzt wurde, den die Weltpolitik eben nun mal so abwirft, taucht ein Gegenentwurf auf. Ein Raum wird geschaffen, ein positiver, in dem die Kunst die treibende Kraft ist. Ein Ort, an oder in dem man verschwinden kann, wenn eben gar nichts mehr geht. Mit Realitätsflucht hat das wenig zu tun, vielmehr holen sich Ought die Probleme ins Innere; wie wirkt sich das politische Klima auf die eigene Person aus?

Dieser Gegenentwurf ist nachhaltiger als das pure, böse Fauchen, verpufft in der Sekunde, in der es ausgespiehen wurde. Durch ihre Musik, vor allem die ihres aktuellen Albums, erarbeiten sich Ought einen Ort, der nicht nur im Moment, sondern auch in Zukunft währt: einen besseren Room Inside The World.

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