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Jennifer Lawrence in „Red Sparrow“

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Jennifer und Francis Lawrence verabschieden sich mit „Red Sparrow“ vom Young-Adult-Genre. Der Star und der Regisseur der „Hunger Games“-Filme betreten in dem düsteren Thriller erwachsenes Terrain.

Von Christian Fuchs

Was macht die bestbezahlte Schauspielerin des Planeten, wenn die Blockbuster-Filmreihe, der sie ihren Erfolg verdankt, tatsächlich zu Ende ist? Jennifer Lawrence scheint nach dem Finale der „Hunger Games“-Saga vor allem an riskanten Herausforderungen interessiert. Im letzten Jahr durchlitt sie in der verstörenden Horror-Allegorie „mother!“ eine psychische und physische Tour de Force, die auch privat an ihre Grenzen ging.

Jetzt schlüpft Lawrence im rabenschwarzen Spionagethriller „Red Sparrow“ erneut in eine Rolle, in der sie sich in jeder Hinsicht entblößt, auch im ganz wortwörtlichen Sinn. Die Emotionen, die in ihrer Figur brodeln, versteckt sie allerdings meist hinter einem frostigen Blick. J-Law spielt Dominika Egorova, eine gefeierte Ballerina in der Moskauer Ballettszene, deren Träume durch einen schweren Unfall zerstört werden. Das Leben der jungen Frau, die sich – ja, der Film setzt diverse Ostblockklischees nicht sparsam ein - in einem trostlosen Plattenbau um ihre kranke Mutter kümmert, scheint auf einen Schlag perspektivlos.

Bis sich plötzlich ihr zwielichtiger Onkel Ivan (Matthias Schoenaerts) mit einem Vorschlag meldet: Dominika soll Spionin für ihr Vaterland werden. Allerdings weder als Schreibtischtäterin noch als weiblicher James Bond. Die Ex-Tänzerin wird auf erpresserische Weise in die „Red Sparrow“-Schule gedrängt, um dort zu lernen, wie man mächtige Männer geschickt verführt und manipuliert.

Jennifer Lawrence in „Red Sparrow“

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Schön-schundiges Edel-B-Movie

Während Dominika eine sadistische Ausbildung zur staatlichen Prostituierten erfährt, bei der sie jegliche Gefühlsregungen zu unterdrücken versucht, bemüht sich der CIA-Mitarbeiter Nathaniel (Joel Edgerton) den russischen Geheimdienst zu infiltrieren. Es dauert nicht lange, bis die beiden ganz gezielt in einem Hallenbad in Budapest aufeinandertreffen. Eine gefährliche Affaire in Wohnungen mit ausgesucht desolaten Inneneinrichtungen beginnt, die von Secret-Service-Bossen in Ost und West genau beobachtet wird.

Auch wenn es in der Welt von Katniss Everdeen brutal zuging, „Red Sparrow“, basierend auf einem gleichnamigen Bestseller des ehemaligen US-Agenten Jason Matthews, ist nochmal eine ganz andere knochenharte Kategorie. Jennifer und Francis Lawrence, in keinster Weise verwandt, verabschieden sich mit ihrem neuen gemeinsamen Film deutlich vom Young-Adult-Genre. Die Hauptdarstellerin und der Regisseur der letzten drei „Hunger Games“-Teile betreten nun eindeutig erwachsenes Terrain.

Dabei überrascht der Wandel von Francis Lawrence noch entschieden mehr als J-Law mit ihrer ausgesprochen gewagten Performance. Von der verunglückten Comicverfilmung „Constantine“ über das verschenkte Apokalypse-Spektakel „I Am Legend“ bis zum peinlichen Ausklang der „Hunger Games“ erwies sich der Videoclipprofi und gebürtige Wiener bislang als Garant für ein Genrekino, das seine edgy Inhalte stets den Gesetzen des Mainstreams opferte. Man kann es auch einfacher sagen und durfte Francis Lawrence bislang als unspannenden Hollywood-Erfüllungsgehilfen abhaken. Umso erstaunlicher, dass sich der vermeintlich glattpolierte Thriller „Red Sparrow“ Stück für Stück als schön-schundiges Edel-B-Movie entpuppt - und nebenbei noch als düstere Parabel über die menschliche Ausbeutung.

Jennifer Lawrence in „Red Sparrow“

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Ungeniert unkorrekte Spionagestory

Trotz des drastischen Inhalts - und das ist eine weitere positive Überraschung - verzichtet der Film formal auf die Plakativität, mit der etwa im Vorjahr „Atomic Blonde“ seine vorhandene Substanz ziemlich verschleuderte. Während sich Charlize Theron im hektischen Schnitttempo durch endlose Autoverfolgungsjagden und Nonstop-Shoot-outs quälte, um endlich ein feministisches Actionvehikel zu präsentieren, stolziert Jennifer Lawrence in ähnlich hohen Stilettos durch einen langsam inszenierten Old-school-Krimi. Unterbrochen wird die konstante Ruhe vor dem Sturm immer nur durch aufblitzende Nacktheit und minimalistische Actionausbrüche.

Mittendrin in dieser ungeniert unkorrekten Spionagestory tummeln sich tolle Akteure. Joel Edgerton, schon seit langem einer der besten Nebendarsteller des aktuellen Kinos, spielt den CIA-Topagenten Nathaniel zurückhaltend und voller Ambivalenz, Matthias Schoenaerts darf dagegen als schmieriger Onkel russische Machismo-Attitüden personifizieren. Jeremy Irons kümmert sich als Moskauer Geheimdienst-Chef erst gar nicht um irgendeine Art von Akzent, funktioniert aber fast so eindringlich gut wie die ikonische Charlotte Rampling, die mit einem Auftritt voller perverser Grandezza fasziniert.

Jennifer Lawrence in „Red Sparrow“

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Wenn sich das alles jetzt reichlich überschwenglich anhört: Natürlich werden Logik-Nerds etliche Plotlöcher in diesem Film finden, dürften sensible KinobesucherInnen manche Szenen nahe am Torture-Porn-Bereich schwer erträglich finden und könnte man sich lange über kulturelle Stereotypen unterhalten. Dem Schreiber dieser Zeilen ist das alles eher egal. Eiskalt, sexuell explizit und ordentlich blutig wirkt „Red Sparrow“ nämlich wie ein herrlich bizarrer Gegensatz zum angepassten Blockbuster-Entertainment der Gegenwart.

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