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Deutschland im Rückspiegel

Nach dem Spitzenroman „Panikherz“ setzt Benjamin von Stuckrad-Barre auf Ruhepuls und veröffentlicht mit „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ ein Mixtape in Buchform. Texte aus den letzten Jahren, in denen man Boris Becker, Christian Ulmen und Helmut Dietl trifft. Und auf einen verliebten Stuckrad-Barre.

Von Pia Reiser

Da steht Benjamin von Stuckrad-Barre in der Küche von Clueso und zerdeppert Tassen am Fliesenboden. Der Autor, der früher nicht mal den ausgefahrenen Mittelfinger in die Social-Media-Suppe getaucht hat, plantscht nun schon länger auf Instagram herum. Versammelt in Videos seinen feschen Bekanntenkreis - von Mavie Hörbiger bis Clemens Schick - auch zu Promozwecken, das ist jetzt weder besonders gut, noch besonders schlecht, das ist jetzt hauptsächlich einfach mal so.

So deklamieren Hörbiger, Schick, Clueso und Christian Ulmen hintereinander den Satz „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ und man nickt verständnisvoll, die haben wahrscheinlich zu viel Zeit auf Instagram verbracht.

Am 07.12.2018 kommmt Benjamin von Stuckrad-Barre im Rahmen seiner Lesereise ins WUK, Wien

Im Herbst 2016 bei der Lesung im WUK in Wien taucht dieser Satz auch schon auf, Benjamin von Stuckrad-Barre, seine Entertainer-Qualitäten aus dem Ärmel eines Ringelshirts schüttelnd, erzählt, sein kleiner Sohn habe das mal gesagt und da habe er sich gedacht, dieser Satz ist im Grunde die Geschichte von „Panikherz“. Bzw. hätte seine eigene Biografie anders ausgeschaut, wenn er bloß auch nur mal diesen Ratschlag vom Hinlegen befolgt hätte.

Der autobiografische Spitzenroman „Panikherz“, in dem Udo Lindenberg eine entscheidende Rolle spielt, hat Stuckrad-Barre in die Feuilletons zurückkatapultiert (und Lindenberg übrigens - zwei Monate nach „Panikherz“ erscheint dessen neues Album - zurück in die Charts). Außer Maxim Biller und Martin Blumenau haben „Panikherz“ alle freudig verschlungen und sich davon verschlucken lassen. Was macht man bloß als Autor nach so einem Roman, in dem man eigentlich alles, was man von sich selbst preisgeben wollte, erzählt hat? Die eigene Biografie ist jetzt mal erzählt, die Fiktion in Romanform ohne Anknüpfungspunkte an ihn selbst hat Stuckrad-Barre bisher nicht interessiert, bleibt eigentlich nur eines über: den Blick auf andere richten. Nach dem Klopfen des Panikherzens wird es außerdem Zeit für ein bisschen Ruhepuls.

Buchcover

KiWi

Benjamin von Stuckrad-Barre, „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“, 2018 erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Nach Veröffentlichung zweier klasse Texte mit dem Max-Goldt-trifft-Element-of-Crime-artigen Titel „Nüchtern am Weltnichtrauchertag“ Ende 2016, erscheint am 8. März „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“. Die Texte darin wurden zwischen 2010 und 2015 in Zeitungen wie „Die Welt“ oder auch Magazinen wie „Rolling Stone“ veröffentlicht. Für alle, die die Texte schon kennen, die also Stuckrad-Barre auch in den Jahren, als er hauptsächlich mit TV-Formaten experimentierte, als Autor nicht aus den Augen verloren, ist das vielleicht ein Dämpfer, aber für seine Texte gilt ja, dass man die ruhig mal öfter lesen kann. Außerdem, so ein Buch ist ja schon anmutiger als, sagen wir mal, ein Lesezeichen-Unterordner mit Artikel von dem Mann, den Lindenberg Stuckimann nennt.

Lindenberg hat keinen Auftritt in „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“, ein Lied des anderen Udo (Jürgens) wummert in einer Geschichte durch die Wand, doch ansonsten sind viele vertreten, die eine Rolle in Stuckrad-Barres Leben spielen oder gespielt haben. Freunde, Bekannte, Reibeflächen, Arbeitgeber, verehrte Autoren. Walter Kempowski, Rainald Goetz, Christian Ulmen, Jörg Fauser. Der Blick zurück auf die jüngere Vergangenheit zeigt auch, dass das Buch eine Zeitkapsel ist, weil wer hätte ansonsten dieser Tage noch an Jürgen Fliege gedacht.

Abgesehen von Jürgen Fliege widmet sich das Buch aber den erfreulichen Dingen, „Happy“ von Pharrell etwa, das Stuckrad-Barre im Interview als Weltkulturerbe bezeichnet und „Sommerwochen, in denen es kein Gestern und kein Morgen gab, sondern alles Heute war“, da gibt es dann eine schöne Deckungsgleichheit mit Tocotronic, die in „Unwiederbringlich“ besingen, dass früher die Zukunft nur im Science-Fiction-Film stattgefunden hat. Eine klitzekleine Sehnsucht nach dem Früher, Nostalgie wäre ein zu großes und traniges Wort, findet man in den Ritzen von „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“.

War also „Panikherz“ das Selbstporträt - wer Selfie dazu sagt, muss zurück an den Start und den Text nochmal von Anfang an lesen - richtet „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ den Blick auf die Welt, oder halt zunächst mal auf Deutschland, doch es ist ein Blick zurück. Im Wohnzimmer von Boris Becker schaut der Autor in Reporterfunktion im Jahr 2010 Beckers legendären Wimbledon-Sieg im Jahr 1985 an.

Dem 17-jährigen Becker im Jahr 1985 jubeln damals Millionen zu. Beckers Frau und Sohn Elias blinzeln jetzt nur mäßig interessiert Richtung Fernseher. Ob er damals gewonnen hat, fragt Elias. Autsch. Könnte man jetzt verstehen, wenn sich Becker, den Buchtitel ausborgend, verziehen würde. Stuckrad-Barre meißelt in diesem „Dramolett in vier Sätzen“ alles weg, was man über Becker zu wissen glaubt, und übrig bleibt - man ist selbst vielleicht überrascht - Sympathie. Der Zynismus aus Stuckrad-Barres ersten Veröffentlichungen ist ja schon lange verpufft, aus seiner Weltsicht und aus seiner Sprache. Sein Held in „Panikherz“ entscheidet sich „Für das Gefühl gegen die Coolness“, so Stuckrad-Barre selbst im Interview im Herbst 2016.

Und auch im neuen Buch, dieser Sammlung verschiedener Textformen, kann sich die Coolness ruhig mal hinlegen, sie wird nicht gebraucht. Die Frauen in seinem Leben wurden aus „Panikherz“ rausgehalten, jetzt schreibt Stuckrad-Barre in einem Text vom verliebten Überschwang, der einen zwar nicht vor den Altar, aber zum Tätowierer führt. Fast noch zärtlicher aber sind zwei Texte über Männer, die zu Stuckrad-Barres Freunden zählen. Christian Ulmen und der 2015 verstorbene Regisseur Helmut Dietl, der der Münchner Schickeria einen TV- („Kir Royal“, „Monaco Franze“) und Leinwand-Spiegel vorgehalten hat ("Rossini).

Man flaniert also durch die deutsche Prominenz, trifft Ferdinand von Schirach und Florian Henckel von Donnersmark, dann ist es aber Schluss mit den Von und Zus und Stuckrad-Barres schnörkellose, herrlich rhythmische Prosa formt sich zu einem Gruppenbild - mit Dame. Denn zwischen all den Herren sticht der Text über eine Frau heraus: Madonna.

Ein Konzertticker, bei dem die verstrahlte Fan-Perspektive mit Pop-Analyse versprudelt wird. Sagen sie niemals Popliteratur dazu, aber das ist so ein Text, zu dem man tanzen kann - oder auch ein T-Shirt am Merchstand kaufen würde. Everybody goes to Hollywood, hat Madonna auch mal gesungen und so landet man Ende des Buches wieder am Sehnsuchtsort Chateau Marmont, dort, wo „Panikherz“ streckenweise spielt - und wo es auch geschrieben wurde.

Ein Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre aus dem Jahr 2000 hieß „Blackbox“, der Absturz war damals also schon passiert, zu retten gab es nichts mehr. Im Jahr 2018 gilt es nun Abstürze zu verhindern. Wenn es einem nicht gut geht, eben hinlegen. Und: Alle anderen straucheln und stolpern ja auch.

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