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The Breeders, im Hintergrund abgerissene Gebäude

Marisa Gesualdi / 4AD

Robert Rotifer

The Breeders - das Comeback des Team Last Splash

Kim Deal hasst uns nicht alle, aber zornig ist sie trotzdem. Und das gibt „All Nerve“, dem Comeback der Breeders in der Besetzung von „Last Splash“ die nötige Spannung.

Von Robert Rotifer

Es stellt sich heraus, ich war nicht der einzige, den es kurz einmal aus der Trance warf, als ich zum ersten Mal den Titelsong des neuen Breeders-Albums „All Nerve“ hörte. “I hate them all”, schien Kim Deal da zu singen:

Oh God, I hate them all / You don’t know how far I’d go

Eine Band, die wie die Breeders nach einer Tour zum Abfeiern des 20. Jubiläums ihres erfolgreichsten Albums („Last Splash“ - 1993 bzw. 2013) zu dessen 25. Jubiläum ein neues Album in derselben Besetzung abliefert, sollte ja erwartungsgemäß im Ehrenrunden-Modus operieren, deshalb sind Spätwerke von Wiedervereinten ja zumeist so unbefriedigend. Dankbarkeit für den guten Willen der Nachwelt war halt noch nie das fundamentale Sentiment hinter großer Pop- und Rockmusik, Misanthropie und Publikumsbeschimpfung dagegen manchmal schon. „Ich hasse sie alle / Ihr wisst nicht, wie weit ich gehen würde“, das könnten sich die Breeders leisten.

Allein, sie tun es nicht, ich hatte mich bloß verhört.

Als ich die Breeders in London zum Interview traf und Kim Deal auf die vermeintlichen Zeilen ansprach, musste sie mich aufklären. Ivo (Watts-Russell, der Chef von 4AD Records) habe das auch so gehört, sagte sie. „Das ist einer seiner liebsten Songs. Er sagte auch, dass er ‚I hate them all‘ gehört hätte, und dass ihm das besser gefällt als mein tatsächlicher Text.“ Dann griff sie sich ein herumliegendes Innencover mit den Texten drauf (die LPs waren gerade aus dem Presswerk gekommen) und sagte, „Ich sollte das ändern, gib mir einen Filzstift...“

Tatsächlich stand da nämlich schwarz auf weiß „I hit them all“, und ich muss zugeben, ganz verstand ich das auch nach Kim Deals Erklärung noch nicht: „Es gibt da so ein Phänomen namens Double Booking. Wenn man in einer Psychose etwas wahrnimmt und darin zwei Dinge erkennt, die das Hirn gleichzeitig als Faktum verbucht. Wenn das Hirn weiß, dass das, was es sieht, nicht wahr sein kann, aber gleichzeitig davon überzeugt ist, dass es wirklich da ist. In dem Text geht es also um diese geistige Herausforderung.“ Im weiteren Text:

I may hide and jump out at you / You don’t know how far I’d go / I won’t stop / I won’t stop / I will run you down / I’m all nerve / I’m all nerve

“All Nerve” ist sicher nicht das erste Mal, dass Kim Deal psychotischer Aggression Ausdruck verleiht (siehe zum Beispiel „Divine Hammer“ aus „Last Splash“), aber der Stoff dieses Reunion-Albums ist trotzdem ein anderer als zuvor.

Gönnen wir uns einmal einen kurzen Blick auf die Vorgeschichte der Band: Als die Breeders sich an der Wende zu den 1990ern gründeten, waren sie das gemeinsame Projekt der damals als Bassistin der Pixies berühmten Kim Deal und der von ihren Label-Kolleginnen Throwing Muses her ebenfalls alles andere als unbekannten Tanya Donnelly. Ihren ersten Auftritt absolvierten sie in Boston folgerichtig unter dem Namen „Boston Girl Super-Group“. Auch ihre frühen männlichen Mitglieder wie Schlagzeuger Brit Walford von der Band Slint (unter dem Pseudonym Shannon Doughton) und Jon Mattock von Spiritualized gehörten entschieden zur Indie-Prominenz. Weniger bekannt war Bassistin Josephine Wiggs (seit dem ersten Album „Pod“) von der britischen Band The Perfect Disaster, die entscheidende Wendung vom Nebenprojekt zur Hauptband aller Beteiligten kam aber 1992 bei ihrer Tour als Vorband für Nirvana mit der Rekrutierung von Kims Zwillingsschwester Kelley als zweite Gitarristin und Jim MacPherson am Schlagzeug.

Kelley konnte zu diesem Zeitpunkt nicht Gitarre spielen, aber sie und Jim teilten mit Kim ihre Wurzeln in Dayton, Ohio, einer Stadt, deren größter Anspruch auf Glamour für immer im nach ihr benannten Randy-Newman-Song bestehen wird. Dieses Line-Up nahm 1993 das erfolgreichste Album der Band „Last Splash“ samt dem internationalen Indie-Disco-Hit „Cannonball“ auf und zerbrach bald darauf, weil Kelley wie damals so viele dem Heroin verfiel.
Nach Kelleys Gesundung gegen Ende des Millenniums fanden die Schwestern wieder zusammen und machten die beiden Alben „Title TK“ (2002) und „Mountain Battles“ (2008).

Kim: „So um 2012 saß Kelley bei mir auf der Couch, und sie sagte: ‚Ist dir bewusst, dass es nächstes Jahr 20 Jahre her sein wird, dass wir Last Splash gemacht haben?‘ Und sie sagte... Was sagtest du noch gleich?“

Kelley: „Also ich wusste ja, dass die Leute alle diese Jubiläumsdinge machen. Also sagte ich: ‚Sollen wir auch sowas machen?‘ Es schien so unmöglich. Ich hatte mit Jo lange Zeit nicht gesprochen. Und ich hatte Jim auf der Canal Street gesehen, aber die Idee, mit einander Musik zu machen, kam nie zur Sprache. Deswegen war es nett, als Kim sagte: ‚Du schickst eine SMS an Jim, und ich eine an Josephine.’“

Es ist so sympathisch wie typisch für die Schwestern Deal, dass sie keine Anstalten machen, die ursprüngliche Motivation ihrer Reunion zu verbrämen. Ebenso typisch aber auch, dass der nun fünf Jahre nach den Comeback-Konzerten und zehn Jahre nach dem letzten Breeders-Album „Mountain Battles“ (ohne Wiggs und MacPherson) erscheinende zweite Langspieler des Team Last Splash so weit über diese Vorgabe hinausschießt.

Und damit zurück zu den Psychosen und den Wurzeln des schwelenden Zorns, der dem Album „All Nerve“ seine nötige Dringlichkeit verleiht: Kim und Kelleys Mutter ist schwer an Alzheimer erkrankt, verbringt ihr Leben im Rollstuhl, kann kaum noch kommunizieren. Jims Frau gehört zum Team ihrer Pflegerinnen, er – von Zivilberuf Tischler – hilft in seiner Freizeit beim Schneeschaufeln und hat Mama Deal neulich einen großen Hund vorbeigebracht, um sie aufzuheitern.

Kim: „Es verursacht eine tiefe Traurigkeit, so etwas mitzuerleben. Alle sind traurig darüber, dass meine Mutter nicht da ist, obwohl sie da sitzt. Und es sorgt auch für viel Ärger und Düsternis. Es ist ein Quell düsterer Gedanken, die einen auch in der langweiligsten und härtesten Stadt heimsuchen können.“

Josephine Wiggs wiederum hatte ihren eigenen Kummer zu verkraften, ihre Mutter starb während ihrer Arbeit an „All Nerve“ in ihrer britischen Heimat. Der songschreiberische Beitrag der Bassistin zum Album, eine Nummer namens „Metagoth“, beruht auf einem Gedicht ihrer Mutter, das sie in deren Nachlass fand (Wiggs‘ Vater Richard, der übrigens eine gewisse Berühmtheit für seine Kampagnen gegen Nuklearwaffen sowie das zivile Überschallflugzeug Concorde erreichte, war schon 2001 gestorben).

Die musikalischen Mittel, mit denen die Breeders heutzutage arbeiten, sind dieselben wie früher. Sie machen ihren Sound, und die Jahrzehnte auf Tour haben ihnen Kompetenz verliehen, ohne sie ihre ungestüme Energie zu kosten (siehe das Amon-Düül-Cover „Archangel’s Thunderbird“, den bezeichnenderweise knackigsten Song der Platte). Nummern wie das nach den Vorfällen Charlottesville umso ominöser klingende „Skinhead #2“ oder das schon von einer von Kim Deals Solo-Singles in anderer Version bekannte, unheilvolle „Walking With A Killer“, eine Jugenderinnerung übers Heimfahren durch das Nirgendwo von Ohio, auf dem Nebensitz im Auto eines möglichen Mörders, atmen dieselbe spannende Ambivalenz, die schon auf „Pod“ Kim Deals Songwriting auszeichnete.

Kelley: „Ja, wer ist hier wirklich das Opfer?“

Kim: „Es ist ein psychosexueller Song, nicht wahr? Ich fühle mich gut dabei, das zu sagen, solange mich niemand fragt, was ich damit meine.“ Gelächter seitens des Rests der Band. Lachen kann den Umgang mit schwierigen Gefühlen erleichtern. Gute Rockmusik auch.

Eine Listening Session zum Album „All Nerve“ läuft heute, Donnerstag, Abend in der FM4 Homebase.

Eine längere Fassung meines Interviews ist bis Ende der Woche in der Stream-Version meiner letzten Ausgabe von FM4 Heartbeat zu hören.

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