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Florida Project Still

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Definitiv kein Disney-Film

Auf dem Highway, der zum Disneyland Orlando führt, lebt das Mutter-Tochter Paar Halley und Moonee, die wie viele andere auch von der Hand in den Mund leben. „The Florida Project“ präsentiert uns ihre Welt.

Von Dalia Ahmed

Das Walt Disney World Resort in Orlando wurde 1959 konzipiert, da Walt Disney einen Ort erschaffen wollte, an dem er alles kontrollieren konnte. Ein riesiges Stück Land, auf dem alles bis ins winzigste Detail dem Disney Universum zugehörig ist. Ein magischer, wundervoller Freizeitpark in dem Familien den Alltag vergessen und verzaubert werden. Zumindest, die Familien, die es sich leisten können. Und an genau dieser Stelle setzt Sean Bakers „The Florida Project“ an.

Der Titel des Films bezieht sich auf den Arbeitstitel eines Konzepts des notorischen Antisemiten, Rassisten und Sexisten Walt Disney für eine „Stadt der Zukunft“. Das Florida Project hätte eine Stadt auf dem heutigen Grund des Walt Disney World Resorts sein sollen, in der neue Ideen für urbanes Wohnen ausgetestet werden und die gleichzeitig amerikanisches Wirtschaftswachstum hätte ankurbeln sollen. Doch daraus wurde nichts.

Genauso wie aus dem „American Dream“ nicht besonders viel geworden zu sein scheint. „The Florida Project“ stellt uns die Verlierer/innen des amerikanischen Wirtschafts- und Sozialsystems vor. In einem Motel an einem Highway, der nach Disneyland Orlando führt, wohnen Familien und Menschen, die sich keine monatlichen Wohnungsmieten leisten können und stattdessen die Zimmer im „Magic Castle“ und anderen benachbarten Motels beziehen.

„The Florida Project“ legt dabei den Fokus auf die junge, alleinerziehende Halley (gespielt von Bria Vianaite) und vor allem auf ihre sechsjährige Tochter Moonee (Brooklynn Prince) Moonee wird von ihrer Mutter, die selbst kaum Zeit hatte erwachsen zu werden anti-autoritär erzogen, sie streift im Motel und auf der Straße mit ihren Freunden umher und treibt Unfug. Während die anderen Kinder für ihr teils kleinkriminelles Verhalten bestraft werden, findet Halley es eher amüsant, wenn Moonee beispielsweise das Auto einer Motelbewohnerin minutenlang bespuckt, klaut oder Touristen Geld abschwatzt.

Glossy-pastellfarbener Kinderblick

Moonee und ihre Bande sind jung und neugierig. Sie wollen etwas erleben, streifen umher und testen ihre Grenzen aus. Mit ihren bescheidenen Mitteln machen sie das Beste aus einer trostlosen Situation.In „The Florida Project“ macht uns die Kamera zum Teil der dreiköpfigen Kindergruppe. Wir sehen die Welt des heruntergekommen Magic Castle Motels durch Moonees Augen. Und die Sechsjährige scheint zwar zu erahnen, dass das Leben der Menschen um sie herum schwer ist, hat aber trotzdem ihren Spaß. Der glossy, pudrige Look des Films imitiert in weiten Einstellungen den neugierigen Blick der Kinder. Obwohl objektiv betrachtet ein solches Motel eine eher triste Angelegenheit ist, sieht es durch Moonees Blick wie ein in pinke Pastellfarbe getauchter Vergnügungspark aus. Ein Ort des kindlichen Müßigangs und der Entdeckung.



Florida Project Still

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Während Moonee auf Entdeckungstour geht, versucht ihre Mutter Halley mit allen Mitteln die wöchentlich fällige Motelzimmer Miete zusammenzubekommen. Sie hustled und verkauft auf Parkplätzen vor Hotels gefälschte Parfums und gestohlene Disneyland Pässe an Touristen auf dem Weg zum Vergnügungspark. Anfangs charmant aber oft auch ruppig versucht Halley ihre Waren schnell los zu werden, da Hotelmitarbeiter/innen stets Ausschau halten und versuchen sie zu verscheuchen.
Nachdem ihre Verzweiflung steigt, erstellt Halley eine Annonce auf einer Craigslist/Backpage-artigen Webseite, in der sie sexuelle Dienste anbietet.

Gescheiterter American Dream

Halley ist ein Highschool Dropout, die jung Mutter wurde und wahrscheinlich das Zuhause ihrer Eltern früh verließ. „The Florida Project“ erzählt uns nichts von ihrer Vorgeschichte und doch ist sie zu erahnen. Halley wurden nie die Fertigkeiten gelehrt, um in der amerikanischen Gesellschaft erfolgreich zu sein. Sie hat ihre Finanzen nicht im Griff und sie kann sich nicht ein- und unterordnen. Daher leben sie und ihre Tochter defacto chancenlos von der Hand in den Mund. Ähnlich geht es jedem sechsten US Bürger, der und vor allem die unter der Armutsgrenze leben. Denn alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sind besonders stark betroffen (die Lage verschlechtert sich noch mehr, wenn man nicht weiß ist). Während auf den repräsentativen Boulevards in Disneyland Paraden für diejenigen abgehalten werden, die sich 100 Dollar für ein Ticket leisten können, gibt es auf den Highways rund um den Freizeitpark nur Armut und den gescheiterten American Dream zu sehen. 




Der Regisseur und Drehbuchautor Sean Baker wagt sich bei „The Florida Project“ nicht zum ersten Mal an die Ränder der Gesellschaft raus. Sein 2015 erschienener Breakout Hit „Tangerine“ erzählt vom gehetzten Leben von transgender Frauen, die ihr Geld am Strich in Los Angeles verdienen, während sie ständig mit der Polizei und gewalttätigen Freiern konfrontiert sind. Das auf dem iPhone gefilmte „Tangerine“ war ein Thriller über schwarze und latina Trans-Frauen, die sogar innerhalb ihrer Communities diskriminiert werden. Im Gegensatz dazu ist „The Florida Project“ um vieles entspannter, der Film lässt sich viel - fast schon zu viel - Zeit, um uns das öde Leben der Motelbewohner/innen zu zeigen, die es aber trotzdem Schaffen sich ihre Momente der Freude selbst zu basteln. Moonee und Halley haben es sehr schwer und doch haben sie Spaß miteinander. Die Mutter und Tochter sind fast wie Freundinnen, die dem Struggle gemeinsam trotzen. 



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Und wir sehen ihnen dabei zu. Obwohl Sean Baker seine Geschichte sehr einfühlsam erzählt und nie mit dem Finger zeigt oder zu lange auf voyeuristische Weise „draufhält“, wird man beim Schauen dennoch nicht das Gefühl los, dass der Film und die Handlung dem Blick eines Bildungsbürgers entspringen. Am offensichtlichsten wird das, als uns der nonplusultra Goodguy des Films vorgestellt wird. Der vom hierfür oscarnominierten Willem Dafoe gespielte Motelmanager Bobby. Eine Vaterfigur für sowohl Halley als auch Moonee und alle anderen Kinder auf dem Areal. Bobby ist eine gute Seele durch und durch, er kümmert sich um alles im Motel, ist nachsichtig bei der Eintreibung der Zimmermieten und schaut auf die herumtollenden Kinder und schimpft auch mal, wenn sie Unfug anstellen. In einer Schlüsselszene vertreibt Bobby sogar einen pädophilen Mann, der versucht Kinder vom Spielplatz neben dem Motel wegzulocken.

(Fast) nur Laiendarsteller/innen

Bobby ist der Hollywood Moment im sonst realistisch tristen Film. Er ist weiß, männlich, hehr und vom einzigen „echten“ und berühmten Schauspieler gespielt. Denn alle anderen Figuren des Films werden von (unglaublich talentierten) Laiendarsteller/innen gemimt. Doch ob es in der Realität von den alleinerziehenden Müttern und Migrantenfamilien, die in diesen Motels überall in den USA verstreut leben, tatsächlich einen ritterhaften Bobby gibt, ist wohl eher unwahrscheinlich.




„The Florida Project“ ist teils lang und zäh, so ungefähr wie das Leben in Armut wohl auch. Doch er ist auch schön und verträumt. Durch Kinderaugen sehen wir eine Gegend Floridas, die für viele Ausreißer/innen aufgrund der Natur und des klimas aufgesucht wird. Ein Ort der im Film mit Kinderaugen abgetastet und erkundet wird. Wir haben Spaß mit den Kindern obwohl wir und sie selbst wohl auch, wissen, dass ihr Leben sehr hart ist und immer härter werden wird. Das Durchhaltevermögen beim Schauen des Films wird schließlich auch mit einem fulminanten Befreiungsschlag am Ende belohnt. Der Gegenentwurf zum Disney Happy End. Das „Florida Project“ Happy End ist eigentlich gar keines, aber das ist den Zuseher/innen und Halley und Moonee egal, weil man in diesem Moment einfach auf das Elend vergisst und sich der Freude hingibt.

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