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Diagonale / Paul Pibernig

Vom „Zauberer“ und seinem Bann

Die Diagonale geht ins Wochenende und schon sind die ersten Preise verliehen: Der faszinierende „Zauberer“ von Sebastian Brauneis, Clemens Setz und Nicholas Ofczarek hat den Spezialpreis Drehbuch gewonnen. Der Film führt zu ausgesprochenen Wünschen und Grausamkeiten.

Von Maria Motter
Es gibt Filme, die drücken einen in den Kinosessel und ziehen einen zusammen. Erstaunlicherweise bewirkt „Zauberer“ das Gegenteil. Da teilt ein Ehepaar ein Geheimnis, eine Schulärztin entführt einen Buben und eine Mutter eines schwerstbehinderten Wachkomapatienten will einen Mann für Sex im Krankenzimmer bezahlen. Die Bewegung in diesem Film von Sebastian Brauneis ist nach vorne, für noch mehr Aufmerksamkeit auf das Geschehen auf der Leinwand.

Es wird beklemmend bis kurz vor dem Punkt, an dem man sich denkt, ich will das nicht sehen. Es wird abstoßend und anziehend. Denn die Bilder sind nicht allein aufregend, sie sind gut und die Musik spielt einen Streich. Wunderschöne Melodien in befremdlichen, wie eine Zuschauerin danach empfindet „ja kranken“ Situationen.

Das Drehbuch basiert auf einer Kurzgeschichte von Clemens Setz. Wer seine Romane kennt, steigt mit diesem Film direkt in jenes Universum an Wünschen und auch Grausamkeiten. Es wohnt den Geschichten von „Zauberer“ eine Ermächtigung inne, die zu bewerten einen länger beschäftigen könnte. Überhaupt: „Zauberer“ hallt nach.

Filmstill Zauberfilm

Superfilm

„Es geht um das Träumen und um das Zaubern und darum, dass man sich in etwas anderes hineindenken möchte, um der Einsamkeit zu entfliehen“, sagt Nicholas Ofczarek nach der Erstaufführung gestern Abend vor dem vollen Saal im KIZ RoyalKino. Er spielt einen Psychotherapeuten, der seiner blinden Frau jeden Wunsch ablesen will. „Für mich geht es bei dem Film auch um Ohnmacht, die man in der Einsamkeit wohl oft empfindet. Und um Ermächtigung und um Macht. Das sind drei Themengebiete, die mit unserer Zeit sehr viel zu tun haben. Das Zaubern haben wir irgendwie verlernt.“

Der Regisseur und Autor David Schalko war es, der Sebastian Brauneis ursprünglich die Kurzgeschichte in die Hand gedrückt hat, erzählt der Regisseur im FM4-Interview.

Clemens J. Setz zu Gast bei „Willkommen Österreich“ und über „Zauberer“ und den Gedanken einer Wieder-Entführung eines einst schon mal Entführten. Den führt Setz in seinem neuen Buch „Bot - Gespräch ohne Autor“ aus, er reist darin aber auch zu den Mondfischen nach Japan. „Bot“ ist eine poetische Schatzkiste.

Sebastian Brauneis: "Clemens und David Schalko haben einander in Graz kennengelernt. Ich habe damals mit David noch sehr viel an der „Sendung ohne Namen“ gearbeitet. Clemens hat ihm eine Kurzgeschichte gegeben, die schon ein bisschen in Drehbuchzügen verfasst war. Die hat David mir gegeben, ob ich sie nicht mal lesen wolle. Ich war sofort fasziniert, kannte aber zu dem Zeitpunkt noch keinen Roman von Clemens. Das war zur Zeit von „Indigo“. Viele Leute sagen, es ist so eine filmische Sprache, aber mir hat dieser abstraction layer so gut gefallen, der da drinnen ist. Wir haben uns getroffen und „verstanden" wäre das falsche Wort. Es war ein gegenseitiges Fasziniertsein und aus dieser Gegensätzlichkeit hat sich eine gute Diskussionskultur entwickelt. Daraus ist dieses Buch geworden.“

Der Roman „Indigo“ hat dich dann nicht abgeschreckt?

„Nein, nein, warum abgeschreckt? Mich interessiert sehr auch dieses Lokale. Ich finde es immer schön, eher da zu bleiben, wo ich wohne, und nicht immer diesen Internationalismus zu pflegen, obwohl ich natürlich Weltbürger bin auf eine gewisse Art und Weise. Da war „Indigo“ sehr befreiend, weil es auch mit Sprache anders umgegangen ist. Das hat angedeutet, dass ein sehr komplexer und vielleicht auch sehr nerdiger Charakter dahintersteckt und das bin ich auf eine gewisse Weise auch“.

Ich meinte auch, vielleicht abgeschreckt, weil „Indigo“ sehr gruselig ist. Bei der Entwicklung des Films war dann auch der Schauspieler Nicholas Ofczarek involviert?

„Ja, Nik und ich haben uns erst vor Kurzem kennengelernt, sind mittlerweile aber enge Freunde. Wir verstehen uns gut, jetzt nicht so sehr über unsere Freizeitaktivitäten, sondern über die Beschäftigung mit dem Schauspiel. Die Bilder sind wichtig, der Ton ist wichtig, aber im Zentrum steht der Mensch, den ich sehen möchte. Ich finde es auch immer wichtig, dass das jemand ist, der das auch als Berufsbild hat. Darüber haben wir uns kennengelernt und uns viele Gedanken gemacht. Und Nicholas denkt auch viel darüber nach, was die Leute eigentlich sagen. Weil Worte können so mächtig sein und so grausam, aber auch so hoffnungsvoll. Darum haben wir begonnen, gemeinsam die Dialoge des Films zu erarbeiten. Sprache ist so wichtig, weil sie eigentlich unsere wirkliche Heimat ist, viel mehr als das Haus, indem wir wohnen, und auch viel freier als dieser depperte Heimat-Begriff, der jetzt von Mitte-Rechts bis Rechts immer so vereinnahmt wird.“

Filmstill Zauberfilm

Superfilm

Die Geschichte hört sich ja schon sehr gruselig an und hat viele Elemente, die sich perfekt eignen, um die Möglichkeiten des Mediums auszunutzen. Wie bist du daran gegangen?

„Mich hat ‚Terminator 2‘ genauso fasziniert wie ‚Persona‘ von Ingmar Bergman. Man merkt so stark die Persönlichkeit der Menschen, die darin arbeiten, aber es muss irgendetwas drinnen sein, eine Geschichte, die drei Dinge, wie Bill Wilder sagt: A good book, a good book, a good book. Die uns überhaupt erst motivieren, etwas zu erzählen oder etwas erleben zu wollen. Das ist das andere Wichtige: Ich möchte etwas entdecken! Ich mag diese Bevormundung nicht. Ich möchte nicht, dass das, was wir machen, so glatt oder so perfekt oder so gerade ist, dass es zu Propaganda verkommt oder zu Bevormundung. Weil immer, wenn ich mit Bevormundung konfrontiert bin, mache ich genau das Gegenteil, weil ich das einfach nicht aushalte. Ich glaube, wir brauchen nicht nur Realismus die ganze Zeit, nicht nur Dokumentarisches, nicht nur immer eine starke Story, sondern die Kamera selber, wie das Bild komponiert ist, alle Schichten, aus denen er besteht, müssen auch eine Erzählung haben.“

Das führt zur Diagonale: Hast du schon eine Entdeckung gemacht dieser Tage und etwas gesehen, was dich geflasht hat?

"Ich muss gestehen, dass ich „Licht" noch nicht sehen konnte und ich habe ihn gestern ansehen dürfen. Er hat mich wirklich mitgenommen. Ich möchte mir wirklich viele Filme anschauen. Ich kenne auch keinen schlechten Film, weil ich selber ja so viel mitbringe. Ich kann da immer was entdecken“.

Verleihung Drehbuchpreise Diagonale

Diagonale / Miriam Raneburger

Sebastian Brauneis, Kathrin Resetarits,Timothy Bidwell

Ich mag dieses Ereignis Kino so gerne, weil ich finde, das ist so etwas Ähnliches wie ein Ausstellungsbesuch: Man committed sich, man geht bewusst an einen Ort. Man muss dann auch akzeptieren, dass man nicht weg kann und sich da ausliefern. Natürlich habe ich manchmal ein Unwohlsein, weil mir etwas so derart missfällt und dann habe ich auch einen Hass und möchte das nicht sehen, weil ich denke, das Gut Film ist wertvoll. Damit kann man nicht irgendein Larifari machen. Dieses Überemotionalisierte zum Beispiel, das überhaupt auch gar nicht abbildet, wie wir sind. Wir leben dafür, Emotionen zu vermeiden. Niemand geht herum und sagt die ganze Zeit, wie es ihm geht. Jeder geht herum und sagt, wie es ihm nicht geht. Hoffentlich. Die Gesellschaft wäre überhaupt nicht fähig, wenn das jeder ständig machen würde. Wir würden durchdrehen und uns alle an die Gurgel springen und würden uns selbst auch nicht ertragen. Ich mag konstruierte Dinge, weil ich glaube, wir leben in einer wahnsinnig konstruierten Welt, in konstruierten Gebäuden, in konstruierten Beziehungen, in konstruierten Arbeitssituationen. Und ich möchte das auch abgebildet sehen, ich möchte das auch erleben. Ich glaube da wirklich an das Kino aus dem Frankreich der 50er und 60er Jahre. Ob das jetzt das cinema du papa von Melville war, so perfekte Krimis, oder von Godard, der nur versucht hat, immer auch theoretische Ansätze einzubringen. Ich mag Carlo Sauras Filme, weil sie so beinhart auch immer das Regime kritisieren, aber dabei nie so offensichtlich sind. Ich mag mir nichts erzählen lassen, ich mag Miterzähler sein, wenn ich ins Kino gehe."

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