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Preoccupations

Alessio Boni

When I Counted All My Demons

Die kanadische Postpunkband Preoccupations spielt sich mit „New Material“ an den inhaltlichen Abrund. Es ist der sehr hörenswerte Schmerz.

Von Lisa Schneider

Ein dunkler stiller Keller, mit der eisernen Schelle wird an die Wand gedroschen, das Echo widerhallt, widerhallt, widerhallt. Und dann mischen sich New Order ein: süße Synthesizer wedeln um die kalten Schablonen, das ist Industrial Rock, so wie man ihn von Preoccupations noch nie gehört hat.

So beginnt das, dritte Album der Band, die eine zähe Phase der Umbenennung und Rechfertigung ihres neuen Bandnamens hinter sich hat; die kanadische Postpunkband hat sich zu ihrer Gründung 2012 noch „Viet Cong“genannt, das war für viele KritikerInnen zu politisch, zu brutal, zu brachial. Brutal und brachial sind Preoccupations aus Calgary noch, aber nur mehr gegen sich selbst.

Auf ihrem neuen Album „New Material“ gibt der erste Song „Espionage“ jetzt dem Katalog der acht Songs die Richtung vor, die allesamt Einworttitel tragen, „Manipulation“, „Antidote“, „Dissaray“. Klar und ohne Punkt, direkt hinein.

„Changes everything, change is everything, changing everything, changes everything“ singt Matt Flegel, offensichtlich gepeinigter Frontman des Quartetts, gleich an erster Stelle, hier ist nichts wie vorher, die Welt dreht sich weiter, die Band auch. Der Refrain von „Espionage“ bricht schließlich in einem wütenden Chor nieder, gegen den Flegel anschreit. Ein Lied vom eigenen Untergang, und gleichzeitig der unwiderbringlichen Hoffnung; er weiß, was er verloren hat. „It’s an ode to depression; to depression and self-sabotage, and looking inward at yourself with extreme hatred.“

Matt Flegel spricht nicht gerne über seine Texte, deshalb, aber nicht nur, hat er es den ZuhörerInnen diesmal einfach gemacht, nennt das neue Album pragmatisch “New Material” und ist ebenso präzise und direkt in seinen Texten. Kitsch mag nicht zur Band passen, aber auch er nimmt im Interview Worte wie “Tagebucheintrag” in den Mund; die Vertonung seines Inneren ist das neue Album, dabei geht es aber nicht um die positiven, sondern ausschließlich um die negative Erlebnisse. Der Sound im Gegensatz ist nicht so präzise, will es auch gar nicht sein; auch wenn das Genre Postpunk das Verschwimmen, Ineinanderdriften der Spuren, das Eins im Klang in sich trägt, treiben Preoccupations den Wunsch zur Soundeinheit noch um eins weiter, weiter als in der bisherigen Bandgeschichte.

„My ultimate goal would be to make a record where nobody knows what instrument is playing ever,“ sagt Bandmitglied und Multiinstrumentalist Scott Munro, „and I think we’ve come closer than ever, here. It shouldn’t sound robotic - it should sound human, like people playing instruments. It’s just maybe no one knows what they are.“

Und tatsächlich, die Gitarren und Synthesizer auf diesem “New Material” von einander zu unterscheiden, wird einen in den gedanklichen Wahnsinn treiben; bis zur Spitze geht dieses Vorhaben im abschließenden “Compliance”, das erste rein instrumentale Stück der Band, das ohne Worte erzählt. Nichts ist mehr erkennbar, es ist ein dunkles Drücken auf die Repeattaste. Man will an die Feingliedrigkeit von Sigur Ros denken, nur ist alles nicht schön, verwaschen, verhaucht und traumreich; schwer dröhnt die Dunkelheit aus den Boxen, es ist vorbei, das Album, aber auch alles andere.

Preoccupations

Pooneh Ghana

Matt Flegel singt auf „New Material“ mit einer eigenen Dringlichkeit, die sich erst beim zweiten Hören bemerkbar macht; beim oft monotonen - aber nur scheinbar distanzierten - Wortklauben sieht man ihn vor sich, am Abgrund, er blickt ab und zu über die Schulter, während hinter ihm berstend die Welt in Trümmer fällt. Die instrumentale, totale Überschichtung von Spuren geht gerade auf „New Material“ Hand in Hand mit den Texten, die um den Untergang kreisen: wir hauen noch einmal alles raus, bevor es zu spat ist.

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Preoccupations Cover "New Material"

Jagjaguwar

„New Material“ von Preoccupations erscheint via Jagjaguwar.

Und eigentlich sind Preoccupations eine Band, die man live erleben muss; wo die Stimme im Mix so tief sitzt, dass sie kaum mehr zu verstehen ist; wie erwähnt hält Flegel nicht nur die Bedeutung derer, sondern auch seine Texte gerne zurück, und verbirgt sie dann auf der Bühne in der komplett dichten Abmischung, die wie ein dunkler Sog funktioniert. “For me, it’s not just an listening, but more of a physical experience".

Man will sich gerne fragen, aus welchem Grund man sich ein Album anhören soll, das die Brutalität, die Depression, die Dunkelheit zwar nicht feiert, sie aber trotzdem zum Protagonisten macht. Deshalb, weil sie ironiefrei daherschreitet; hört man sich noch die ersten beiden Alben der Band an, das erste selbstbetitelte noch als Viet Cong, das zweite, ebenfalls selbstbetitelt, als Preoccupations – dann hört man den Entwicklungsprozess einer Band heraus, die mit ihren eigenen Dämomen erst umzugehen lernen musste.

“New Material” handelt ab; handelt ab mit Massenmedien, Selbstsucht, dem politischen Desaster; ironisch ist hier nichts mehr, deshalb ist es der erste Schritt aus dem Schwarz ins Grau. Songs zum Haareaufstellen, die die Konfrontation so sehr wünschen, dass sie nicht verwährt werden kann. Kein Schlupfloch, kein doppelter Boden. Diese Wendung zur gezielten Ansage schafft es auch, Songs wie “Dissaray” hervorzubringen; im Schritt zur inhaltlich totalen Offenheit finden Preoccupations nämlich gleichzeitig einen Weg zum breiteren Publikum, den, der Eingängigkeit mit sich bringt. „Dissaray“ ist als Beispiel dafür ein 80er-Jahre-Postpunk-Mitbringsel, mit Hooks, wie sie die Band vorher nie geschrieben hat. So wie es auch kürzlich bei der ebenso kanadischen Band Ought passiert ist: die Postpunkband, die zerrüttet, harmonieunsüchtig startet, die dann aber immer mehr hinwill zur Melodie; zu dem, was den noch unbedarften Zuhörer hineinzieht ins Schattenreich. Ein für Preoccupations im Verhältnis positiver Uptempo-Song, das ist „Dissaray“.

Stillstand ist wie für jede Band auch für Preoccupations das Letzte, “New Material” ist ihre neue Interpretation zwischen dem guten alten Punk der 70er und dem Postpunk der 80er Jahre; stärker melodiös als je zuvor schippern sie ihrem und dem Menschheitsuntergang entgegen, irgendwann zerstören wir uns gegenseitig. In der Negativität liegt dabei eine tief begrabene Wahrheit, der sich Preoccupations verschrieben haben. Ein Album, sie alle zu knechten; vielmehr, sie freizulassen. Die Sorgen, die Ängste, die Manipulation. Hinaussingen, hinausschreien, wenn nichts anderes mehr hilft.

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