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Nicole Krauss mit langen schwarzen Haaren steht unter den halb welken Blättern einer Kletterpflanze.

Goni Riskin

Im Meer denkst du anders

In „Waldes Dunkel“ schickt die Autorin Nicole Krauss zwei jüdische New YorkerInnen in die Wüste. Der Roman ist eine gewitzte Konstruktion. Wie oft wird einem schon eine derartige Phantasie und ein Koffer voller Kafka-Manuskripte in die Hand gedrückt?

Von Maria Motter

Franz Kafka und König David, Mahmud Abbas und Madeleine Albright - die Autorin Nicole Krauss will all die erwähnten historischen und prominenten Personen, die in ihrem neuen Roman „Waldes Dunkel“ vorkommen, am Ende von jeder Haftung freistellen. Fürwahr, es ist ein komplexes und gewitztes Spielen mit Realität und Vorstellung, das die US-amerikanische Autorin in „Waldes Dunkel“ treibt. Und die Ausgangslage ist dafür geradezu ideal: Nicole Krauss schickt zwei erfolgreiche, jüdische New YorkerInnen unabhängig von einander auf eine Pilgerreise, die wohl keine der beiden Hauptfiguren so benennen würde.

Gelbes Buchcover mit Landschaft

Rowohlt Verlag

„Waldes Dunkel“ von Nicole Krauss ist vor kurzem bei Rowohlt erschienen, Grete Osterwald hat den Roman aus dem Englischen übersetzt. Es ist der vierte Roman der 1974 in New York geborenen Krauss, deren Bestseller „Die Geschichte der Liebe“ auch verfilmt wurde.

Da ist zum einen die höchst einnehmende Figur des Jules Epstein. Der angesehene, ältere Anwalt und Milliardär, dem sein Besitz plötzlich zuviel geworden ist und der sich von seiner Ehefrau getrennt hat, hetzt eingangs durch die Fifth Avenue. Er liest Psalme, verschenkt seine Kunstsammlung an Museen und drückt seinen Siegelring dem Pförtner seines New Yorker Appartments in die Hand. Doch als bei einer Veranstaltung sein Mantel an der Garderobe von einem anderen mitgenommen wird, steht er kurzzeitig mittellos da. Epsteins Assistentin nimmt die Spur auf. Doch nicht nur das Mobiltelefon, auch Epstein wird verloren gehen. Das wird gleich zu Beginn suggeriert und im Laufe der Handlungen aufgerollt.

„Epstein erinnerte sich jetzt, dass sein Großvater, den er nicht kannte, angeblich viermal den Namen gewechselt hatte, damit der böse Blick ihn nicht fand. Aber damals war die Welt noch größer gewesen. Es war einfacher gewesen, nicht gefunden zu werden.“

Zum anderen gibt es eine Ich-Erzählerin, die von Parallelwelten fasziniert ist und denselben Vornamen wie die Autorin von „Waldes Dunkel“ trägt. Die weibliche Hauptfigur weist auch weitere biografische Übereinstimmungen mit ihrer Erfindern auf. Nicole Krauss erzählt von einer erfolgreichen Schriftstellerin, die den Glauben in ihre Ehe verloren und eine Schreibkrise hat. Die Mutter zweier Söhne tanzt und sie entwickelt eine Obsession für das Hilton Tel Aviv, in dem sie Sommer ihrer Kindheit verbracht hatte und in dem ein Mann kürzlich zu Tode gekommen sein soll. Verifizieren lässt sich das nicht via Telefon, also reist die Autorin schließlich nach Tel Aviv und quartiert sich wie Epstein im Hilton ein.

Aufnahmen des Hotels, dieses am Stadtstrand von Tel Aviv erbauten Hochhaus-Komplexes, sind auf Romanseiten abgedruckt. Es ist ein beeindruckender Komplex. Komplex sind auch die beiden Charaktere Jules Epstein und Nicole, die Nicole Krauss in „Waldes Dunkel“ wortwörtlich in die Wüste schickt.

Die kleine, feine Abhandlung über die Herkunft des Wortes „das Unheimliche“ ist einer von mehreren Exkursen, die all jene, die Sprache lieben, zurecht beachten werden. Das Unheimliche in Freuds wie Schellings Definition als „Etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist“, wird sich in „Waldes Dunkel“ ausbreiten und doch alles andere als eine Schauergeschichte ergeben.

Krauss entwirft ein Gedankenspiel und steigert es derart, dass man sich unversehens in diese Vorstellungswelten hineinbegibt. Als ein Literaturprofessor und ehemaliger Mossad-Agent Nicole kontaktiert, kommt Kafka ins Spiel.

„Und ich vermute, dass ich es, wie bei allen unglaubhaften Dingen, denen wir uns öffnen, glauben wollte: dass Kafka am Ende wirklich die Schwelle überschritten haben, durch einen Spalt in der sich schließenden Tür geschlüpft und in die Zukunft entschwunden sein könnte.“

Kafka, so lernen wir, ist gar nicht 1924 im Sanatorium Hoffmann in Kierling bei Klosterneuburg verstorben, sondern nach Palästina verzogen. „Dass es in Tel Aviv, nicht weit von der Wohnung meiner Schwester entfernt, ein Haus geben könnte und hinter dem Haus einen Garten und in dem jetzt verwilderten und überwucherten Garten einen Orangenbaum, den Kafka selbst gepflanzt hatte.“

Schließlich wird der Ich-Erzählerin Nicole vom Ex-Mossad-Mann ein Koffer in die Hand gegeben, in dem sich unveröffentlichte Tagebücher und Manuskripte Franz Kafkas befinden.

Meer vor Tel Aviv

Maria Motter

Vor Tel Aviv

Nicole Krauss ist eine Geschichten-Erzählerin und eine sehr gute noch dazu. Mit „Waldes Dunkel“ legt sie eine Romankonstruktion vor, die Epsteins und Nicoles Geschichten abwechselnd in Kapiteln erzählt und mehrere Abhandlungen über Poetik, speziell jüdische Geschichten enthält. Doch am stärksten ist die Erzählung, wenn einem die Stimmung der ProtagonistInnen regelrecht entgegenschwappt.

„Im Meer zu denken war anders, als an Land zu denken. Er wollte weiter nach draußen, hinter die Brecher, dorthin, wo er denken konnte, wie man es nur kann, wenn man vom Meer gewiegt wird. Man ist immer von der Welt umfangen, fühlt sich aber nicht körperlich gehalten, bekommt die Wirkung nicht zu spüren.“

Und ganz nebenbei ist „Waldes Dunkel“ - der Titel geht auf Dantes „Göttliche Komödie“ zurück - auch eine Liebeserklärung speziell an Tel Aviv.

„Die Art, wie die Stadt jede Einengung abzulehnen schien; wie man überall, ständig, urplötzlich auf Einschlüsse von Surrealität stieß, wo die Vernunft gesprengt wurde wie ein herrenloser Koffer am Ben-Gurion-Flughafen.“

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