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Mare Verlag

Noch mehr Schrecken des Eises und der Finsternis

Eis, Blut und Dreck: Ian McGuires Roman „Nordwasser“ ist ein ebenso faszinierender wie brutaler Eintrag ins Genre des arktischen Abenteuerromans.

Von Rainer Sigl

Im kalten Polarsommer geht die Sonne niemals unter, und trotzdem herrscht eisige Düsternis - zumindest an Bord des Walfangschiffs Volunteer. Mitte des 19. Jahrhunderts sticht das Segelschiff von seinem nordenglischen Hafen aus in See, um einen kalten Sommer lang im Polarkreis Wale und Robben zu jagen. An Bord eine Crew bärbeißiger Matrosen - und ein gewissenloser Mörder.

Der Roman “Nordwasser” des britischen Autoren Ian McGuire zitiert in Thema und Setting zwar große literarische Vorbilder wie “Moby Dick” oder Jack London, doch schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass der Literaturwissenschafter McGuire hier nicht nur einen historischen Abenteuerroman, sondern einen düsteren Thriller mit einer zeitweise schwer erträglichen Portion Realismus und Brutalität vorlegt: So viel Dreck, Blut und alle denkbaren anderen Körperflüssigkeiten sowohl von Menschen wie auch Tieren fanden sich weder in den historischen Vorgängern wie Melvilles weltliterarischem Mammutroman noch in der zeitgenössisch literarischen Polarexpedition Christoph Ransmayrs in „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“.

Am nächsten kommt McGuires Höllentrip in dieser Hinsicht wohl der soeben als AMC-TV-Serie auf den Bildschirmen gelandete historische Roman „The Terror“ von Dan Simmons - und der wartet im Original auch mit übernatürlichen Horror-Elementen auf. „Nordwasser“ hingegen begnügt sich mit höchst irdischen Schrecken; der wahre Horror liegt in den Dingen, die Menschen sich gegenseitig anzutun bereit sind, und in einer Natur, die ebenso faszinierend wie gleichgültig ist.

Ein unverwüstlicher Mörder

Der Tod kommt dementsprechend schnell und lakonisch in “Nordwasser”. Schon bevor das Schiff seinen Heimathafen verlassen hat, hat der Harpunier Henry Drax einen Mann aus Habgier erschlagen und einen Jugendlichen vergewaltigt und erwürgt. Drax ist ein roher, aber jederzeit dumpf berechnender Spiegel seiner Umwelt; die Brutalität und Skrupellosigkeit, mit der sowohl Natur als auch Menschen ausgebeutet und „verbraucht“ werden, macht ihn in McGuires Roman zur Verkörperung eines Bösen, das ganz tief in unserer Zivilisation sitzt. Kein Wunder, dass dieser ebenso diabolische wie irritierend primitive Mörder sich als fast unverwüstlich herausstellt.

Cover Nordwasser

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„Nordwasser“ von Ian McGuire, erschienen 2017 im Hamburger mare Verlag.

Dabei wäre das Leben auf See auch ohne ihn tödlich genug: Die Brutalität der Jagd, die gefährliche Arbeit und eine Natur, die so faszinierend wie menschenfeindlich ist, fordern ein ums andere Menschenleben. Drax’ Gegenpart an Bord ist Patrick Sumner, der als Chirurg die Expedition begleitet; unehrenhaft aus der Armee entlassen, will er an Bord des Schiffes eigentlich nur in Ruhe seine heimliche Opiumsucht ausleben. Sumner ist ein beschädigter Held wider Willen, der auf den ersten Blick sowohl der tödlichen Natur als auch Drax’ vitaler Bösartigkeit kaum etwas entgegenzusetzen hat.

Das eiskalte Herz der Finsternis

Das Tödlichste in der Welt von “Nordwasser” ist folgerichtig nicht die Natur, die so schonungslos ausgebeutet wird, dass schon die Zeitgenossen die zerstörerischen Folgen dieses Raubbaus bemerken, sondern stets die blinde menschliche Gier, die vom Versicherungsbetrug über den gewaltsamen Raub bis hin zum kaltblütigen Lustmord führt.

Trotzdem hebt Ian McGuire keinen moralisierenden Zeigefinger, sondern zeigt eine Welt, in der verstörende Brutalität und kalte Schönheit nebeneinander existieren. Wie in Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ist letztlich die menschliche Natur abgründiger und bedrohlicher, als es die dingliche Natur je sein könnte.

Dass die Volunteer ihre Jagd nach den immer seltener werdenden Walen unter diesen Voraussetzungen nicht glücklich beenden wird, ist kaum zu viel verraten, und dennoch fesselt der Roman bis zur letzten Seite, wenn das Grauen des ungezähmten Polarkreises in Form eines gefangenen Eisbären im Zoo ein letztes Mal aufblitzt: Mehr Happy End, als McGuire seinen atemlosen Leserinnen und Lesern nach diesem blutigen Albtraum anbietet, wäre auch nicht passend gewesen.

“Nordwasser” ist ein makellos geschriebener und ebenso abstoßender wie faszinierender Roman nicht nur für Freunde historischer Themen. Einen guten Magen sollte man allerdings mitbringen - die Reise ins eiskalte Herz der Finsternis führt uns nicht nur beim Abschlachten der Wale ganz nah ans grausige Geschehen.

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