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Cosmo Sheldrake

Simon Wolf

artist of the week

Die Symphonie, die das Leben schreibt

Der Londoner Produzent und Musiker Cosmo Sheldrake verwebt Field Recordings und klassische Instrumente; heraus kommt ein komplett neues Hörerlebnis. Unser FM4 Artist Of The Week.

Von Lisa Schneider

„Music is liquid philosophy“, erzählt Cosmo Sheldrake gestern auf der Terrasse des Wiener Fluc, während die letzten Sonnenstrahlen untergehen. „You don’t need a way of transportation, or to put it in other words, it’s just the quickest way to transport emotions and feelings directly.“ Die Sonne genießt der 28-Jährige ganz besonders; ist er wenige Stunden vor seinem ersten, ausverkauften Auftritt in Wien aus dem verregneten London angereist. Der Auftritt war ursprünglich fürs Wiener B72 geplant, wurde dann aber ins Fluc hochverlegt.

Cosmo Sheldrake im Wiener Fluc

Lisa Schneider

Cosmo Sheldrake vor seinem Auftritt im ausverkauften Wiener Fluc.

Von einem Instrument zum nächsten

Cosmo Sheldrake ist Komponist, Produzent und Multiinstrumentalist; und auch wenn mit diesem Begriff mehr und mehr inflationär um sich geworfen wird, trifft er hier tatsächlich zu: vor drei Jahren noch wurde geschätzt, dass Cosmo 30 Instrumente beherrscht (dass das stimmt, zeigt er auf einer der Singles seines eben veröffentlichten Debutalbums „Come Along“); wieviele es mittlerweile sind, kann er selbst nicht mehr ganz genau sagen. Dabei bleibt er aber bescheiden: „You know, I see them quite as a continuum. If you know how to play the guitar it’s a rather easy step to go further and play for example the Banjo. I treat them all like families of coordination. Once you learn muscle memory on one, you can every time expand it.“

Bescheiden, freundlich, ein bisschen exzentrisch, das ist Cosmo Sheldrake. Sein Vater ist der Wissenschaftler und Biologe Rupert Sheldrake, seine Mutter Jill Purce unterrichtet mongolischen Obertongesang. Von dort war es für Cosmo nicht weit, selbst Anthropologie zu studieren, bis er die Musikethnologie für sich entdeckt hat. Sein teils wissenschaftlicher Zugang zur Musik lässt vermuten, er sei vor allem von experimenteller, neuer Musik beeinflusst; es ruckelt und zuckelt und fällt aus klassischen Rhythmusschemata; Songs bekommen außerdem schön schräge Namen wie „Axolotl“, „Wriggle" oder Beetroot Kvass“. Hört man aber genau hin, sind aber alle seine Songs von Melodie- und Harmoniebestimmtheit angetrieben.

“I’d like to find a way to incorporate the theory and processes of a lot of these musicologists in a way that doesn’t have to be instantly challenging to the ear. I have a commitment to melody, and to making things sound nice, whether that’s just for me or for others as well, I’m not sure.”

Am Anfang ist das Geräusch

Trotzdem beginnt die Musik bei Cosmo Sheldrake nicht mit Melodie oder Gesang, sondern immer mit einem Geräusch. Man kann sich einen wunderbaren Spaß daraus machen, Cosmo Sheldrake auf Youtube durch seine Videos zu begleiten, und ihm dabei zuzusehen, wie er auf Fischerbooten die Wellen aufnimmt, einen Hund zum Bellen anstachelt, einem Igel am Boden nachkriecht - oder einen neuen Song in den Bulgarischen Bergen improvisiertund das alles dann ein seinem Schlafzimmer im DIY-Style nachstellt. Es sind aber natürlich nicht nur Tiergeräusche, die er in seine Songs einbaut, sondern grundsätzlich every noise der ihn umgibt.

Aus der Natur, aus Allem ergibt sich ein so breites Spektrum an Klang; Cosmo Sheldrake ist darob zwar ehrfürchtig, genießt aber mehr die Nicht-Limitierung seiner Sounds und Song. Damit hat sich gleichzeitig eine nie enden werdende Quelle für seine Musik gefunden. „Of course I got a filter, I can either listen or not listen. But yeah, I definitely listen more intently to things around me, and figure out which potential is there.“ Einmal etwa, als Cosmo Sheldrake in New York zu Besuch bei Freunden war, hat ihn eine Bohrmaschine direkt vor dem Haus um den Schlaf gebracht. Anfangs noch ein Störgeräusch, hat er es in wenigen Minuten umgewandelt in einen Rhythmus, in einen Beat: „It no longer was of an annoyance, and I went back to sleep.“

Natürlich bearbeitet und verfremdet er die Aufnahmen, um sie in seine Songs zu integrieren. Manche aber, wie seine Owl-Recordings etwa für seine Tedx „Interspecies Collaboration“, klingen wirklich noch wie direkt aus der Natur gegriffen.

Cosmo Sheldrake kreiiert eine Symphony aus eigener Stimme, Beatbox-Elementen, dem Gesang englischer Eulen und dem Geräusch (!) der oszillierenden Sonne.

„It’s a piece I wrote for my girlfriend, she painted me a picture of an owl, and asked for an owl in return - so I recorded all the English Owls. It started from there, but it came from a longer interest in fusing bird sounds, animal sounds in my songs.“

Tagebuch in Musikform

Für Cosmo Sheldrake hat das Musikmachen vor allem auch eine dokumentarische Funktion: „It’s like music journalism. Some of those sounds, when I listen to them, they bring me back to the time, to the place where I was recording it.“

Cover "The Much Much How How And I" Cosmo Sheldrake

Transgressive Records

Das Debutalbum „The Much Much How How And I“ von Cosmo Sheldrake erscheint via Transgressive Records.

Seine Inspiration holt sich Cosmo Sheldrake in seiner Umgebung, über seine Texte befördert er seine Songs ins Übernatürliche: auf seinem Debutalbum „The Much Much How How And I“ (eine Burrough’sche Beatpoetry-Anspielung) tummeln sich schräge Gestalten, Übersinnliches, Märchenhaftes. „I’m just really interested in this magic realm, in this phantastic world. Some of the first literary references in my head are child stories, the world of fairy tales, nursery rhymes. And those pop up in the place when I’m just dreaming what a song should be and should sound like, so these weird characters frame what I want to say.“

Live-Choral, Loops, Samples

Momentan steht Cosmo Sheldrake noch alleine auf der Bühne, gerne würde er live mit zusätzlichen MusikerInnen auftreten.

Aktuelle hört er sehr gerne die „Misa Criolla“ vom argentinischen Komponisten Ariel Ramirez aus den 1960er Jahren. Es ist die erste auf Spanisch gesungene katholische Messe. Live schichtet er dann auch seine Stimme über seine Stimme, loopt sie, lässt etwas Choralhaftes entstehen; dichte Harmonien, die live noch einmal eine ganz andere Klangfarbe und Intensität bekommen als auf Platte gepresst. Zwischen der harten, abgehackten Intonation von alt-J (man denke an „Tesselate“) und der weichen Stimmfarbe von José Gonzalez bettet sich Cosmo Sheldrake wahrlich in seinen eigenen Kosmos aus dichten Beats, während er, ganz der Showman, zwischen jedem Song erklärt, welche Sounds gleich zu hören sein werden. Schlangen, die zerquetscht werden, Türen, die knallen. Schreiende Babies – oder sein schreiendes Selbst, als er es sich einmal als 17-Jähriger angetan hat, einen Beatboxworkshop für 6-Jährige zu geben.

Workshop ist auch für die Liveshow von Cosmo Sheldrake ein gutes Stichwort: wie der leicht exzentrische Junglehrer steht er auf der Bühne und erklärt mit strahlenden Augen, wie man aus einem Schweinequieken eine Bassdrum machen kann.

Was dabei herauskommt, hat man in den letzten Jahren so nicht zu hören bekommen: Cosmo Sheldrake darf sich mit Recht als einen der originellsten aktuellen Popexporte aus UK bezeichnen; viel Gutes, Schräges, Neues kommt da noch auf die Welt zu.

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