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An Egyptian protester makes the victory sign as thousands gather in Cairo's Tahrir Square during a mass rally against the country's military rulers on December 23, 2011

AFP PHOTO / Filippo MONTEFORTE

Buch

Inside the Revolution

Wie schnell eine Revolution blutig scheitern kann, schildert der britisch-ägyptische Filmemacher Omar Robert Hamilton in seinem atemlosen Debütroman „Stadt der Rebellion.“

Von Claudia Unterweger

Tausende Fäuste in der Höhe, wütende Sprechchöre, Tränengas, Schüsse: noch haben wir die aufregenden und verwirrenden Nachrichten-Bilder vom Tahrir-Platz in Kairo im Kopf. Ab Jänner 2011 war er einer der zentralen Schauplätze der Massenproteste in Ägypten. Es folgte der Sturz von Hosni Mubarak, der dreißig Jahre lang ägyptischer Staatspräsident gewesen war. Doch was so hoffnungsvoll für Millionen von Menschen im arabischen Raum begann, sollte bald in eine falsche Richtung abbiegen.

March on Tahrir

Gigi Ibrahim/CC BY 2.0 (Creative Commons)

Protest gegen sexuelle Übergriffe auf dem Tahrir-Platz in Kairo 2013

In rasantem Tempo erzählt Omar Robert Hamilton in seinem Erstlingswerk „Stadt der Rebellion“ vom gewaltvollen Scheitern der ägyptischen Aufstände: Polizeifolter, Terror durch bezahlte Schlägertrupps, Massaker an politischen Gegnern, Vergewaltigungen von Demonstrantinnen auf dem Tahrir-Platz, um Frauen aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Gespickt mit Original-Schlagzeilen aus jenen Tagen zeichnet Hamiltons politischer Roman nach, wie Muslimbruderschaft, Militär und skrupellose Eliten um die Herrschaft kämpften und schlussendlich General Abdel Fatah al-Sisi zum heute autoritär regierenden Machthaber Ägyptens aufstieg.

„Ich will nicht an die Macht kommen. Du etwa? Willst du Politiker werden? Wir sind der Störfaktor, wir sind die Krise!“

Buchcover "Stadt der Rebellion" von Omar Robert Hamilton

Sam Waxmann

Omar Hamiltons Debütroman „Stadt der Rebellion“ ist aus dem Englischen von Brigitte Walitzek übersetzt, erschienen im Wagenbach Verlag.

Vor diesem realen Hintergrund erzählt Hamilton die fiktive Geschichte der Menschenrechts-Aktivistin Mariam und des jungen amerikanisch-ägyptischen Journalisten Khalil. Die beiden stecken mittendrin im Revolutionsgeschehen: eine vielstimmige Collage aus raschen Dialogen, Twittermeldungen, Protestparolen und Zeitungsmeldungen offenbart ihre täglichen Kämpfe: Zwischen Aufbruchsstimmung und Kompromissen ringen Mariam und Khalil um ihre Liebe und ihre politischen Überzeugungen. Sie drohen aber im Strudel der eskalierenden Gewalt aufgerieben zu werden.

„Ich sehe hundert Kinder, die Steine ins Leere werfen“, so sieht Mariams Vater die Revolutionsbestrebungen der jungen Generation. In Sätze wie diesen wird die Desillusionierung spürbar. Doch Autor Hamilton lässt auch immer wieder die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkeimen.

Die größten Stärken des Buchs sind der Blick von Innen und die Nähe zu realen Ereignissen. Ähnlich wie sein Protagonist Khalil ist der Autor des Romans, Omar Robert Hamilton, Insider und Außenseiter zugleich. Aufgewachsen in der westlichen Welt als Sohn einer ägyptischen Schriftstellerin, war Hamilton seit Ausbruch der Proteste gegen das Regime 2011 in Kairo vor Ort.

Rasante Kamerafahrt durch die Revolution

Als Reaktion auf die Propaganda-Schlacht staatlicher und internationaler Medien gründete er mit AktivistInnen das Medienkollektiv Mosireen, „an archive of resistance“. Das Ziel: unabhängige Berichterstattung per Video direkt und ungefiltert von den Straßen ägyptischer Großstädte. Menschenrechtsverletzungen aller Art sind ungeschnitten aufgezeichnet und im Online-Archiv abrufbar.

Der Autor Omar Robert Hamilton

Sam Waxman

Autor Omar Robert Hamilton

Das Dokumentarische an diesem unorthodoxen Roman verleiht der Story eine packende Dramatik. Hilfreich sind die Personen- und Sachregister am Ende des Buches. Erläutert werden dabei kulturelle Begriffe wie „Balaklava: eine das gesamte Gesicht und den Hals umhüllende Sturmhaube“. Aber auch prägende Ereignisse in der Chronologie der Revolution und zentrale Figuren: „Khaled Muhammad Said: ägyptischer Blogger, der 2010 von Zivilpolizisten erschlagen wurde und dessen Tod weitere Protestwellen auslöste“.

„Stadt der Rebellion“ ist ein ungewöhnliches Romandebüt und ein zeitgeschichtliches Dokument für alle, die einen spannenden Blick hinter die täglichen Schlagzeilen werfen wollen.

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