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Crossing Europe: Die Preise sind vergeben

Von Herzen und bis zum „Schneemann“: Das Crossing Europe Filmfestival in Linz hat sich zum 15. Mal als ein betörendes Kaleidoskop europäischer Ansichten und Geschichten erwiesen.

Von Maria Motter

31°C und Kino! Das geht sich aus, sehr gut sogar! Das Crossing Europe hat ein mehr als treues Publikum und gestern Abend wurden auch schon die PreisträgerInnen gekürt. Obwohl noch ein ganzer Festivalmontag vor uns liegt. Wie viele Kugeln Eis kannst du essen, bis dir vor Euphorie über den Sommerausbruch ein wenig flau wird, und was willst du noch sehen?

Sicht von außen in einen Kinosaal

Maria Motter

Oder aber auch: Ist das wieder eine Jury, die sich nicht entscheiden konnte? Fakt ist, die Jury für den besten Spielfilm des Crossing Europe 2018 hat ihre Top 3 ausgemacht und den Preis gesplittet. Der Löwenanteil ging trotzdem an eine Produktion: „Antonio One Two Three“ ist das Spielfilmdebüt von Leonardo Mouramateus, das von Dostojewskis St. Petersburger Erzählung „Weiße Nächte“ inspiriert ist und doch seinen Schauplatz in Lissabon hat. „Ein junger Mann geht mit seinem Vater aus dem Haus, er besucht das Zuhause seiner Exfreundin, um dort die Nacht zu verbringen, und trifft dort auf eine andere Frau. Und der Film besteht aus Variationen dieser einen, ersten Geschichte“, erklärt Leonardo Mouramateus. Er und sein Hauptdarsteller Mauro Soares freuen sich so über den Preis, dass ihre wuscheligen Haare vor Lachen fliegen. Der fabulierende „Antonio One Two Three“ hat Liebe und Herzschmerz im Fokus und ist einer der Filme im Crossing-Europe-Programm, die auch einen regulären Kinostart in Österreich haben.

Platz vor dem OK mit vielen Menschen

a_kep / subtext.at

„Nur Kino? Oder schon auch dann zur Nightline?“, fragt der freundliche Security-Mann im OK und malt mit Zaubertinte-Edding ein X auf den Handrücken. Im Moviemento läuft der Spielfilm „Hjärtat“ („The Heart“) der Schwedin Fanni Metelius, die in Ruben Östlunds „Höhere Gewalt“ zu sehen war. Für ihr Regiedebüt hat sie in Personalunion Regie, Hauptrolle, Schnitt und Produktion übernommen. „Hjärtat“ ist eine perfekte Mogelpackung, ein Glücksfall von Erzählung. Girl meets boy, Fotografiestudentin trifft Musiker, doch das Label „Liebesgeschichte“ ist hier eine Verkennung der Warnzeichen.

Entzückend: „The Heart“!

Erst entzückend, dann bedrückend und zugleich noch immer hinreißend erzählt Fanni Metelius in „The Heart“ von einer lebenslustigen Frau Anfang 20, die in jeder Szene ein anderes Cropped-Top trägt, Sex einfach super findet, und von einem jungen Mann, der diese Mia erst begehrt, ihr bald jedoch mit Missachtung und Ablehnung begegnet. Sex? Nicht so wichtig für ihn. Ausgehen oder schwimmen gehen an einem heißen Sommertag? Nicht mal ein Schulterzucken. Aber Eifersucht zum Quadrat und nur dann ein „Koala Boy“, wenn Mia einmal wagt, nicht mehr Abend für Abend auf der Couch zu verbringen und nicht mehr angeschwiegen werden will.

Frau und Mann im Bett, Bild aus "Hjaertat"

Garagefilm International AB

Hjärtat/The Heart

In all seiner genauen Beobachtung macht „Hjärtat“ den ZuschauerInnen nichts vor. Die Verhaltensmuster sprachen Bände. So krass, dass man Mia zurufen will: Leave, just leave. Und Fanni Metelius ist eine kluge, konsequente Geschichtenerzählerin. Nach der Vorführung und nach dem Publikumsgespräch sagt Fanni Metelius am Gang: „Es ist eigentlich keine Liebe.“ Ihre Geschichte jedoch wollte sie möglichst weit anlegen. In Schweden würden sehr viele junge Männer so agieren.

Wann reißt die Geduld?

Das Crossing Europe ist Luxus, weil hier soviel besprochen, geplaudert und diskutiert wird. Der Gesprächsbedarf ist groß. AfD, Pegida oder die Burschenschaft „Germania“ sind Themen dreier unterschiedlicher Dokumentationen. Marc Eberhardt porträtiert in „Meuthen’s Party“ den AfD-Politiker Jörg Meuthen während seines Wahlkampfs. Während der Dreharbeiten war der Ausgang völlig offen, Eberhardt wusste nie, wie viel er noch drehen können würde, und sammelte viel Material. Mit dem Wort „Hyperness“ beschreibt er die aufgedrehte, seltsame Atmosphäre bei Auftritten Meuthens. Punktgenau wurde die Doku dann im Schnitt montiert. Trotzdem findet der deutsche Regisseur bei der Podiumsdiskussion über Strategien des politischen Dokumentarfilms, dass sein Film ein Gespräch danach braucht. Doch kann ein Film als gelungen betrachtet werden, wenn es weiterer Erklärungen bedarf? „Meuthen’s Party“ ist definitiv gelungen. Gern ist von gesellschaftlichen Bubbles die Rede, auch dass ein Filmfestival eine Blase darstellt, wird offen ausgesprochen.

Abgeordnete heben rote Karten hoch, Bild aus "Meuthen's Party"

Filmakademie Baden-Württemberg

Meuthen’s Party

Sabine Michel ist in der DDR geboren worden und hat mit 18 Jahren das Weite gesucht. Für ihre Doku „Montags in Dresden“ (der englische Titel entspricht dem Protest-Ruf von Pegida-DemonstrantInnen: „Merkel must go“) ist sie zurückgekehrt nach Dresden, wo sie aufgewachsen ist. Sie wollte verstehen, was da vor sich geht und näherte sich über drei Personen dem Phänomen Pegida.

„Wir sind nicht besser als die, wir müssen da rangehen, an den Rand gehen“, habe Thomas Heise zu ihr in Vorgesprächen gesagt. Heises Dokumentarfilm „Stau – Jetzt geht’s los“ über deutsche Neonazis hat bei Erscheinen 1992 heftige Kontroversen hervorgerufen. Heute ist der Film via Vimeo kostenfrei zu sehen. Man müsse sich reinbohren in so eine Welt und sie sich zu eigen machen und nicht von vornherein mit festgefahrener Meinung zu den Menschen gehen, riet Heise.

Menschlich kommt Sabine Michel ihren ProtagonistInnen nahe – einer Alleinerzieherin mit autistischem Sohn, einem Mann aus dem Gründungskreis von Pegida und einem Unternehmer, der sein Verständnis von katholischem Glauben mit Abendlandsfantasien kombiniert. „Aber politisch war es problematisch und das finde ich spannend“, sagt Michel in Linz. Dass Pegida die Doku alles andere als gut fand, ist nicht ganz nachzuvollziehen. Die ProtagonistInnen sind nicht bloß Pegida-“Fans“, sie sind tragende AktivistInnen und kommen ausführlich zu Wort. Deutlicher Widerspruch ist nicht auszumachen. „Montags in Dresden“ wird kontrovers aufgenommen und heftig diskutiert. „Ein Gespräch kommt halt nicht zustande, wenn man dem anderen nicht Raum gibt, Gedanken zu formulieren“, so Michel.

Einer schlagenden Verbindung widmet sich Lion Bischof in der Doku „Germania“, die Teil der Programmschiene „Cinema Next Europe“ war: Über junge Mitglieder führt er in die Strukturen der titelgebenden Burschenschaft. „Germania“ sollte man nicht verpasst haben ebenso wie „Playing Men“, einen Film über Männlichkeitsbilder.

Eine Sklavin von nebenan

Offiziell der beste Dokumentarfilm des Crossing Europe 2018 ist „A Woman Captured“. Bernadett Tuza-Ritter wird sich ihren Preis, das Preisgeld und eine Schneekugel mit dem Pöstlingberg, mit Marish teilen. Marish ist eine von weltweit geschätzt 45 Millionen, die als Sklaven leben. Im Hier und Jetzt, im Fall von Marish in Ungarn, wo sie als Hausbedienstete bei einer Familie schuftet und klein gehalten wird. Dass es der Regisseurin gelungen ist, Marishs Vertrauen zu gewinnen und ihr Leben zu begleiten, dafür muss man regelrecht dankbar sein. Ob sie ein Pferd wäre, weil sie nicht auf einem Bett, sondern sitzend auf einer Couch die Nächte zubringe, wird Marish in einer Szene gefragt. „Pferde schlafen im Stehen“, gibt Marish zurück. Am Weg von der Landarbeit pflückt sie Früchte und gern auch Blumen.

Eine ältere Frau sitzt in einem Auto, eine Träne läuft ihr über das Gesicht

Éclipse Film

A Woman Captured

Im Alltag des gnadenlosen Herrschaftsystems fängt „A Woman Captured“ stille Momente der Würde und Menschlichkeit ein. Bernadette Tuza-Ritter hat eine Crowdfunding-Hilfe gestartet, um Marishs Emanzipationsschritte weiter zu unterstützen. Was kann man gegen diese Versklavung Einzelner mitten in der Gesellschaft machen? „Zuallererst: Sei einfach aufmerksam! Uns ist oft egal, wer in der Nachbarschaft lebt. Es ist wichtig, darauf zu achten und die Menschen zu ermuntern, wegzulaufen. Es wäre so wichtig und gut, diesen Menschen Mut zuzusprechen und ihnen keine Schuld zuzuschreiben“, sagt Bernadett Tuza-Ritter.

Und sie hat zwei Augen und aus denen kann sie schauen

Fantastischer Film und auch Gruselgeschichten sind in der „Nachtsicht“ am Crossing Europe zuhause und demnächst am Slash 1/2-Filmfestival in Wien von 3. bis 5. Mai 2018. Filmexperte Christian Fuchs hat schon Empfehlungen für uns.

Wie ein Dampfschiff bewegt sich Trine Dyrholm in ihrer Verkörperung der Pop-Ikone und einstigen Sängerin von The Velvet Underground Nico in „Nico, 1988“. Und das ist ein Kompliment und sehr schön anzuschauen. Die Tragik, die Traurigkeit und die Eigenwilligkeit der Persönlichkeit ahnt man. Mit ihrem Schmäh und genau richtigem Anteil an Musikeinsatz im Film werden die letzte zwei Lebensjahre der gebürtigen Deutschen Christa Pägfgen erzählt. Dyrholm hat Nicos Auftritte studiert. Und in einem Moment, da schaut die dänische Schauspielerin und Sängerin so eindringlich, wie man solche Blicke von Isabelle Huppert kennt. Sie schaut und die Tränen schießen einem plötzlich in die Augen. Abgesehen davon macht „Nico, 1988“ auch Freude und hat die sehr, sehr gute Cover-Version einer Cover-Version von Alphavilles Hit „Big in Japan“ im Soundtrack. Die Achtziger Jahre, sie sind grad big im Kino, kommen in sorgsam gewählter Dosis zum Einsatz. „Things will happen while they can.“

Nico auf der Bühne

Filmladen Filmverleih

Nico 1988

Wenn heute Abend Talking Heads’ „Road to Nowhere“ den Abspann von „Transit“, dem Abschlussfilm des Festivals, begleitet, ist das ganz persönliche Europa wieder ein riesiges Stück gewachsen durch all die Geschichten, die das Crossing Europe in Linz in die Kinos bringt. Und die PreisträgerInnen-Filme, die laufen morgen noch ein Mal! Darunter auch Leni Grubers Kurzfilm „Schneemann“, der zurecht ein Publikumsliebling ist.

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