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Gedenkstein in Hofamt Priel für 228 ermordete jüdische ZwangsarbeiterInnen

Remigio Gazzari / Erlauf Erinnert

Auch in unserer Gemeinde

Gerade dort, wo das Erinnern an die Nazi-Verbrechen besonders schwierig ist, wachsen seit einigen Jahren neue, lokale Gedenk-Initiativen, am Land. Wie gehen kleine Ortschaften mit der eigenen NS-Vergangenheit um?

Von Claudia Unterweger

Ja, es ist Gedenkjahr heuer. Wir sind heilfroh, dass der „Anschluss“ Österreichs schon 80 Jahre zurückliegt. Im Fernsehen das Mauthausen-Gedenken und das Fest der Freude am 8. Mai auf dem Heldenplatz gesehen. Und alle waren auf obligatorischer Schulexkursion ins ehemalige KZ.

Und trotzdem.

Lebendiges Gedenken an die Verbrechen der Nazi-Zeit, abseits von Stehsätzen, ist eine Herausforderung. Vor allem im eigenen Ort. Das zeigt das Beispiel von Hofamt Priel.

Die 1.700 Seelen-Gemeinde im Bezirk Melk in Niederösterreich war - weniger als eine Woche vor Ende des 2. Weltkriegs – Schauplatz eines der größten Endphaseverbrechens im deutschsprachigen Raum. „Wohl das letzte, über das man so wenig weiß“, sagt Hans Hochstöger, Fotograf und Filmemacher, aufgewachsen in der Gegend um Hofamt Priel. Mit seinem Bruder Tobias ist er auf Spurensuche und arbeitet die Geschehnisse in einem Dokumentarfilm, der nächstes Jahr erscheinen soll, wissenschaftlich auf. Arbeitstitel: „Das Schweigen der Alten“.

Tobias Hochstöger sichtet im Archiv von Yad Vashem Bilder des Massakers

Hans Hochstöger

Tobias Hochstöger sichtet im Archiv von Yad Vashem in Israel Bilder des Massakers in Hofamt Priel.

Das große Morden

Es passierte in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945: ein SS-Kommando erschießt in Hofamt Priel 228 jüdische Frauen, Kinder und alte Menschen, die zur Zwangsarbeit von Ungarn nach Österreich verschleppt worden sind. Ortsbewohnerin Barbara W. wird Ohrenzeugin des Massakers. Im Interview erzählt die heute über 80-Jährige dem Filmemacher Hans Hochstöger davon.

Barbara ist damals 14 Jahre alt. Versteckt in der Küche hört sie mit an, wie direkt vor dem Haus ihrer Eltern das große Morden seinen Lauf nimmt:

„Wir sind durch Motorengeräusche geweckt worden. Da haben sie die Leute hergebracht. Und haben sie angeleuchtet, da gab es einen wilden Aufschrei. Weil die Leute verstanden haben, was passieren wird. Dann haben sie geschossen. Eine Salve. Danach sind sie noch überall hingegangen und haben noch extra Kopfschüsse gemacht.“

Durch ein Guckloch in der Tür beobachtet damals Barbaras Vater das Massaker. Wen er dabei erkannt hat, behält er bis zu seinem Lebensende für sich. Helfer aus dem Ort mussten in der Mordnacht beteiligt gewesen sein. Bis heute hat man die Täter nicht ausfindig gemacht. Prozess gab es keinen.

Umbettung der Ermordeten 1964 auf den jüdischen Friedhof in St. Pölten

Yad Vashem, 1869/1146

1964 wurden die Ermordeten auf den jüdischen Friedhof in St. Pölten umgebettet.

Seit 2014 setzen die Hochstöger-Brüder die Bruchstücke der Erinnerung zum Massaker von Hofamt Priel Stück für Stück zusammen. Schon als Jugendlicher, mit zwölf Jahren, ahnte Hans, der Ältere der beiden, dass dort in den Gräben der kleinen Ortschaft irgendetwas passiert war. „Man hat aber nie genau gewusst, was dort los gewesen ist. Und ich hätte auch keine Ahnung gehabt, wen ich fragen sollte.“

Wen kümmert das Gedenken?

Die Toten verlegte man – auf Betreiben des privaten Grundstückbesitzers - in den 60er Jahren vom provisorischen Massengrab in Hofamt Priel auf den jüdischen Friedhof nach St. Pölten. Damit verschwanden für Jahrzehnte auch die letzten Spuren der Opfer vom Ort des Verbrechens. Erst 1993 errichtete ein jüdischer Holocaust-Überlebender, der nicht aus Hofamt Priel stammte, einen Gedenkstein vor Ort.

„In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren es meistens Angehörige der Opfer, die sich um das Gedenken kümmerten“, erklärt die Historikerin Johanna Zechner vom Friedensmuseum Erlauf. Eine nationale und regionale Gedenkkultur entwickelte sich erst langsam. Jahrzehnte lang trug Österreich den „Opfermythos“ vor sich her. „Bis in die Waldheim-Ära in den 80ern hat sich niemand offen zur MittäterInnenschaft von ÖsterreicherInnen an NS-Verbrechen bekannt.“ Dass die Erinnerung an Verfolgung und Gräueltaten wieder ans Licht kam, war oft nur dem Engagement von Einzelnen zu verdanken.

Auch wenn Mauthausen als zentraler Gedenkort Österreichs gilt: NS-Verbrechen wurden überall verübt. Ähnlich wie die Stolpersteine auf Gehsteigen und Häuserfassaden im urbanen Raum zeigt das interaktive Online-Projekt „Zwischenräume“, wie Aufarbeitung und Gedenken an Nazi-Verbrechen und Widerstand in kleineren Gemeinden in Niederösterreich funktioniert. Vernetzt sind sichtbare, aber auch kaum bekannte Gedenkorte in der Region rund um die Städte Erlauf und Melk. Die Erinnerung an Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus sollen dadurch zugänglich bleiben.

Karte der Erinnerungsorte

Museum Erlauf Erinnert

Die online-Wissens- und Vermittlungsplattform Zwischenräume verbindet auf einer interaktiven Karte Gedenkorte in der Region Erlauf-Melk.

„Topografie der Erinnerung“

Erinnerungsarbeit ist Arbeit. Gerade in kleinen Ortschaften, bekräftigt Ausstellungskuratorin Johanna Zechner. „Wenn man sagt, dass hier im Ort Verbrechen passiert sind, verstehen das die Menschen leichter als Angriff gegen ihre eigene Identität. Sobald Namen ins Spiel kommen, wie hier im Friedensmuseum in Erlauf, dann wird die Sache heikler als in anonymisierten Gesellschaften großer Städte. Diese Namen tragen die Omas, die Mamas, die Kinder im Dorf immer noch. Und irgendwann einmal war jemand darunter, der oder die bei der NSDAP war. Damit muss man sich dann auseinandersetzen. Oder eben nicht.“

Wie sehr es auf individuelles Engagement ankommt, zeigt die Aufarbeitung des Massakers in Hofamt Priel. Hans und Tobias Hochstöger suchen per Anzeige im Supermarkt nach ZeitzeugInnen im Ort, befragen Opfer-Angehörige, betreiben wissenschaftliche Forschung. Bei den Interviews wird deutlich: es gibt Recherchelücken, die sich wahrscheinlich nie schließen lassen werden.

Ab nächstem Frühjahr wird das alles in dem Dokumentarfilm, für den Richard Bayerl die Kamera übernommen hat, auf der Leinwand zu sehen sein. Der soll vor allem den jungen Leuten im Ort vermitteln, was damals passiert ist und wie damit umgegangen wurde, sagt Filmemacher Hans Hochstöger. „Die wissen das oft gar nicht mehr.“

Bisher gab es in Hofamt Priel alle 5 Jahre eine Gedenkveranstaltung. Tobias und Hans Hochstöger ist es ein Anliegen, dieses Gedenken jährlich zu veranstalten. Ihr persönlicher Antrieb hat sich im Lauf der Nachforschungen verändert.

„Zu Beginn war es uns ganz wichtig herauszufinden: Wer aus unserem Dorf war da dabei? Aber im Lauf der Recherche ist das immer mehr in den Hintergrund getreten. Wir haben viele Opferfamilien kennengelernt und wollen die miteinander verbinden.“

Bewegender Moment

Der bewegendste Moment in der Aufarbeitung der Geschehnisse von Hofamt Priel war für die beiden Erinnerungsarbeiter die Begegnung mit einem der letzten Überlebenden des Verbrechens. Sie machten Yakov Schwartz in Tel Aviv ausfindig. Anders als seine Mutter und seine beiden Schwestern überlebte Schwartz als 10-Jähriger das Massaker. Sein Schulfreund wurde erschossen und fiel auf ihn. Yakov blieb unentdeckt.

Hans (r.) und Tobias Hochstöger besuchen den Überlebenden Yakov Schwartz und seine Frau Elisheva in Israel

Hans Hochstöger

Hans (l.) und Tobias Hochstöger besuchen den Überlebenden Yakov Schwartz und seine Frau Elisheva in Israel.

Heute hat Yakov Schwartz eine große Familie mit fünf Kindern und vielen Enkelkindern, erzählt Hans Hochstöger von einer Einladung zur Familienfeier:

„Da waren dreißig Leute in einem kleinen Wohnzimmer. Alle singen und tanzen. Und da sagt uns Yakov, das ist sein persönlicher Sieg über seine Peiniger. Er ist noch da und hat eine Riesenfamilie. Die Mörder sind tot und man weiß nichts über sie. All das hat ihn nicht zerstört.“

Seine Geschichte und seine Erinnerungen sollen auch ihn überdauern, nicht nur in seiner Familie, sondern auch in kleinen Gemeinden wie Hofamt Priel.

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