FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Straße und Wolken

CC0 via Pixabay

Buch

The Horror, the Horror

Cthulhu & Co. sind längst nicht die schlimmsten Monster, die einem schwarzen Menschen in gewissen Gegenden begegnen können: die furchterregendsten tragen weiße Kutten und Fackeln. Davon handelt der Roman „Lovecraft Country“ von Matt Ruff.

Von Jenny Blochberger

Die USA in den 1950er Jahren: ein Land voller Rock’n’Roll und Coca-Cola. Der Wirtschaftsaufschwung hat Straßenkreuzer und pastellfarbene Kühlschränke gebracht. Gegen Ende der Dekade wird die NASA gegründet, mit dem Ziel, den Weltraum zu erforschen. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten und wird mit offenen Armen willkommen geheißen.

So weit, so modern. Und gleichzeitig doch so rückständig: Denn Gnade dir Gott, wenn du als Schwarzer nachts in einer sogenannten Sundown Town landest - einer Stadt, in der man nach Sonnenuntergang Gefahr läuft, gelyncht zu werden. Walking while black ist als Vergehen schon ausreichend. Genau aus diesem Grund hat im Matt Ruffs Roman „Lovecraft Country“ ein findiger Mann den „Safe Negro Travel Guide“ erfunden - einen Reiseführer für schwarze Menschen, der gefährliche Gegenden ausweist und Hotels, die Schwarze beherbergen, auflistet.

Autor Matt Ruff verwendet für diese No-Go-Areas den Begriff „Lovecraft Country“: unter anderem spielt er damit auf H.P. Lovecrafts Horrorstory „Shadow Over Innsmouth“ an, in der sich in einer Kleinstadt schreckliche Dinge abspielen.

Zum Autor Matt Ruff

Matt Ruff, 1965 in New York geboren, wurde bereits mit seinem ersten Roman „Fool on the Hill“ (1991) zum Kultautor. Weitere Werke sind etwa „Ich und die anderen“ (2004) und „Bad Monkeys“ (2008, derzeit in Produktion als Film mit Margot Robbie). Matt Ruff lebt in Seattle, Washington.

„Lovecraft Country“ wartet mit einem ausufernden Cast an Charakteren auf, der „Game of Thrones“ jede Ehre machen würde. Ursprünglich hatte Matt Ruff das Projekt als TV-Serie geplant, bei der jede Figur ihren eigenen Handlungsstrang bekommen sollte. Dafür hätte er allerdings erst mal ordentlich in diesem Buch aufräumen müssen, das mit immer absurderen Plotwendungen heftig überfrachtet ist.

Geheimlogen & Gespenster

Da wäre einerseits Handlung Nummer 1: Der junge Atticus Turner macht sich auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater und sieht sich während seiner Reise dazu gezwungen, den „Safe Negro Travel Guide“ zu missachten und brandgefährliche Sundown Towns zu durchqueren. Schließlich landet er bei einer Ku-Klux-Klan-artigen Loge, die ihm und seinen BegleiterInnen mit einer seltsamen Mischung aus widerstrebender Duldung und Verachtung begegnet.

Dann betrat Atticus den Raum, und alles verstummte. Anders als die Dorfbewohner hatten die Logenmitglieder keinerlei Scheu, ihn offen anzustarren. Die meisten Blicke waren einfach bloß neugierig – allerdings in einem Maße, das man nur als unhöflich bezeichnen konnte –, aber Preston schoss den Vogel ab: Anfangs nur neugierig beim Anblick von George und Letitia, geriet er danach aus der Fassung und war schließlich hell empört: „Was, drei?!, bellte er und schwang seinen Stock durch die Luft. „Warum sind die zu dritt?“

Weitere Handlungsstränge widmen sich Atticus’ Jugendfreundin Letitia, die ein Spukhaus kauft, ihrer Schwester Ruby, die vom Logenführer in eine weiße Frau verwandelt wird, um als Spionin für sinistre Zwecke zu dienen, und dem zwölfjährigen Horace, einem begabten Comiczeichner. Jeder dieser Charaktere ist eigensinnig, vielschichtig und hätte sich ein eigenes Buch verdient, muss sich aber mit einer zunehmend wirrer werdenden Handlung herumschlagen. Am interessantesten ist Hippolyta Berry, Horaces Mutter, deren Leidenschaft der Astronomie gilt und die ihr ganz eigenes Weltraumabenteuer erlebt.

Lovecraft Country englische & deutsche Ausgabe

Jenny Blochberger/Cover: Hanser Verlag

„Lovecraft Country“ von Matt Ruff ist in der Übersetzung von Anna Leube im Hanser-Verlag erschienen.

Die wahren Monster

Auch wenn „Lovecraft Country“ fest in der wirklichen Welt verwurzelt ist, inklusive des erschreckend realistisch anmutenden Alltagsrassismus - die fantastischen Elemente kommen nicht zu kurz. Und wie um dem alten Rassisten H.P. Lovecraft eins reinzuwürgen, werden dessen von einem fanatischen Reinheitsideal geprägte Horrorszenarien subtil unterwandert: das Grauen liegt nicht in der widernatürlichen Paarung von Menschen mit Monsterwesen, sondern in der grausamen Herrschaft derer, die sich als Herrenmenschen sehen.

„Ich würde sie verklagen, wenn sie mir das Telefon sperren würden“, sagte Curtis, dessen Vater Anwalt für Fälle von Körperverletzungen war.
„Verklagen?“, sagte Neville. „Du glaubst, du könntest sie verklagen? Mein Gott, wie naiv bist du denn?“
„Vor Gericht gehen kann man immer“, beharrte Curtis.
„Nicht in Mississippi, da nicht. Für Farbige gilt das Gesetz nicht, nicht dort drunten... Verklagen!“ Neville schüttelte fassungslos den Kopf. „Am Schluss hängst du dann wahrscheinlich doch von einem Telegraphenmast.“

Wie man es von anderen Ruff-Büchern kennt, geht auch „Lovecraft Country“ von einer faszinierenden Prämisse aus. Es fängt spannend an, verzettelt sich dann aber immer stärker in gewagten Twists und Turns und übernatürlichen Volten, bis man am Schluss recht erleichtert ist, dass das hart am Entgleisen vorbeischrammende Buch mittels quietschender Vollbremsung schließlich doch zum Stillstand kommt.

Vielleicht eignet sich „Lovecraft Country“ ja wirklich besser für eine TV-Serie. Das können wir schon bald überprüfen: HBO hat sich die Rechte gesichert und Jordan Peele, den Regisseur von „Get Out“, als Produzenten engagiert.

Aktuell:

Werbung X