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Stefan Weber

APA/Helmut Fohringer

ROBERT ROTIFER

Stefan Weber ist tot

Zum Gedenken an den großen unkorrumpierbaren Chef von Drahdiwaberl - Verkörperung einer Zeit, als Überschreitung und Provokation noch der Linken und der Rockmusik gehörten.

Von Robert Rotifer

Lasst euch zum Tod des großen Stefan Weber was von einem Boring Old Fart erzählen, der mit ihm aufgewachsen ist, aber ihn nie kennenlernen durfte (oder wollte, vielleicht hatte ich ein bisschen Angst davor). Manchmal erzählt sich Popgeschichte am Besten aus Publikumsperspektive:

Im Grunde wurden wir Wiener Kinder der Achtziger alle gleich sozialisiert. Wer immer in dieser Generation in Wien je eine Klassenbucheintragung kassiert hat, kann nicht ohne eine intime Kenntnis des Werks von Stefan Weber und seiner Band Drahdiwaberl aufgewachsen sein. Ja, und wir wussten natürlich, dass Weber selbst im Gymnasium in der Waltergasse Zeichenprofessor war (ein anderer Walter, der Gröbchen, wurde von ihm dort unterrichtet, für uns in der unweit entfernten Rainergasse ein utopischer Traum).

Das erste Rock-Konzert, das ich ohne elterliche Aufsicht besuchte, war 1984 die Eröffnung der Wiener Festwochen auf einer Open Air-Bühne am Schottentor. Da spielten die Undertones in Originalbesetzung samt Feargal Sharkey, das war ein prägendes Erlebnis. Nicht weniger prägend war aber der andere große Gig des Abends, davor oder danach, ich erinnere mich nicht mehr, auf jeden Fall Drahdiwaberl.

Freiluft-Urinieren auf der Festwocheneröffnungsbühne

Wie gesagt, meine Erinnerung ist unverlässlich, aber sie beinhaltet tief ins Hirn gebrannte Bilder eines Stefan Weber in S&M-Montur, und rund um ihn ein fantastisches Schauspiel, das sich mit dem unmöglichen, auf diese Band immer wieder angewandten Wort „Rock-Kabarett“ nicht im geringsten beschreiben lässt. Was immer da passierte, es kulminierte damit, dass eine Frau in Strapsen und Strümpfen dem auf dem Boden liegenden General Guglhupf ins Gesicht pinkelte, während die von Ketchup-Blut getränkten Überreste zerfetzter Hamburger in alle Richtungen über die Bühne flogen. Und die Band spielte weiter, als wäre nichts geschehen.

Stefan Weber wird 60

APA/WOLFGANG HAUPTMANN

Stefan Weber an seinem 60. Geburtstag

Ein paar Tage drauf ging ich in den Plattenladen Hannibal und kaufte mir das Album „McRonalds Massaker“, das meine Freunde Christoph und Niki, die Drahdiwaberl-Komplettisten sowieso schon längst hatten. Das war die Lizenz zum Mitzitieren kompletter Dramolette im Pausengang:

Lotte Pawek (glaub ich): „Stefan, du bist ein Old Boring Fart, pfui, hahahaha“
Weber: „What you call me?“
Chor: „Boring old fart boring old fart boring old fart“...
Polizist 1: „A ha, wos hea ma unsn do fia a plottn an?“
Polizist 2: „Na jetzt drah ma glei amoi des gerät ob, gemma“
Polizist 1: „Ich fordere ihnen hiermit auf, na woatns!“
Geräusch einer quer über die Platte fahrenden Plattennadel.
Polizist 2: „Sangns homs des nodwenig, dass ina sowos anhean miassn?“
Weber: „Ja, ich seh’s ein, züchtigt mich bitte, liebe Exekutive, ich hab Strafe verdient. Nie mehr wieder werd ich sowas tun. Nie mehr wieder werd ich mir diese Platte anhören, diese Schweinerei, diese perverse.“
Pawek: „Du bist a Masochist, Stefan!“
Polizist 1: „Widersetzte sich, fiel über Kellerstiege.“
Polizist 2: „Dabei löste sich auf unerklärte Weise aus der Dienstwaffe ein Schuss.“
Polizist 1: „Mussten Armwinkelsperre anlegen.“
Beide zusammen: „Beschweren? Müssens eine schriftliche Eingabe machen.“

Darauf folgte die Synthesizer-Fanfare zur Einleitung von „Supersheriff“, deren Refrain „Supersheriff – alles auf die Knie – Schlagen bitte schlagen bitte schlagen bitte schlagen“, ich die Band vor den Ohren und Augen sich ungerührt gebender Polizisten skandieren gesehen hatte. Ebenso wie den Chor „Haut die Bullen flach wie Stullen – Schau wie sie rennen, sie rennen, sie rennen“ aus der Mini-Oper „Terrorprofi aus der BRD“.

Die Platte war ein Rundumschlag quer durch die Themen der Zeit. Von der Polizeigewalt über den Thatcherismus („Short Sharp Shock“) über Feminismus (das von Syverl gesungene, aber übrigens von Weber getextete „Putzfleck Femme Fatale“) und den tendenziösen Kolumnen von Staberl in der Krone („Gestern die Neger, heut waren Emanzen dran / Lenk ma die Volkswut in die rechte Bahn“) via den österreichischen Umgang mit dem linken Terrorismus in Westdeutschland, zwischen Hysterie auf der Rechten und Romantisierung auf der Linken (erwähnter „Terrorprofi“) versus das „gesunde Volksempfinden“ in der zweiten Hälfte desselben Songs („Heast, host des in da Zeitung glesn?“ „Jo, die Auslända-Gfrasta“ „Geh, die gheratn doch alle...“ „Wonn da Adolf wieder kummt, war i da erste Schoafrichter!“) bis hin zum zum sinnentleerten Macht- und Machismo-Wahn der Rockmusik („Heavy Metal Holocaust“, mit dem Beisatz im Textblatt: „Damit ja kein Verdacht wegen des Titels aufkommt: Wir kokettieren nicht mit den Schrecken der Nazizeit. Heavy Metal Holocaust war der Titel einiger großer Hard Rock-Festivals in London 1981. Diese Nummer soll als Parodie auf den Heavy Metal-Boom verstanden werden“). Und dann als Finale der Titelsong über den jüngsten USA-Import: Fast Food in Burger-Gestalt.

Dass die am Cover dieser LP vermerkten Musiker_innen sich weitgehend mit der Band von Falco deckten, der da als Bassist geführt wurde, war uns allen wohl bewusst und hob die Credibility des Kommerz-Phänomens Falco („Nach der ersten Platte nur mehr Schas“ war damals der gnadenlose Konsens).

Und wir kriegten natürlich auch mit, dass Drahdiwaberl auf dem selben Label (Markus Spiegels Gig Records) erschienen.

Wir hatten auch gehört oder gelesen, dass es die Band angeblich schon seit 1968 gab, aber das machte sie selbst in New Wave-Zeiten bloß noch legendärer. Sie waren unser lebendes Missing Link zu den vom Kunstbetrieb bereits assimilierten Zeiten des Wiener Aktionismus.

Wenn der Austropop zu einer neuerdings mit Neue Deutsche Welle-Ästhetik aufgefrischten, unerträglich zuckrigen Airplay-Zockerei verkommen war, dann war Drahdiwaberl der Beleg, dass diese Leute irgendwie irgendwo tief in sich drin subversive Wurzeln hatten.

Wann immer Stefan sie rief, entdeckten sie alle ihre Radikalität wieder (man spürte aber, dass das bereits mehr ein Verweigern des Rückzugs als ein Nach-vorne-Preschen war).

Schmutz und Schund als reinigender Exorzismus

Dazu konnte man damals schon zurecht ein gespaltenes Verhältnis haben. Die Frage, was nun tatsächlich das authentische Gesicht dieser Musiker_innen war, hatte in diesem Fall nichts mit dem freien Identitätentausch des Pop zu tun, sondern mit dem Rechtfertigungsproblem der politischen Elastizität. In Drahdiwaberls Exzessen schwang eindeutig auch sowas wie ein umgekehrter, in seinem Innersten paradoxerweise sehr katholischer Exorzismus mit, ein in seinem Zelebrieren des Schmutz und Schund doch reinigendes Ritual der Befreiung vom beschmutzenden Geld-Job. Mit Stefan Weber in der Rolle des unkorrumpierbaren Anti-Priesters.

Das wiederum traf sich allerdings auch ziemlich genau mit unserer Erfahrung als Publikum: Beim Drahdiwaberl-Konzert die Sau rauslassen, am nächsten Tag wieder (verhältnismäßig) brav hinter der Schulbank sitzen.
Und Drahdiwaberl schreckten auch nicht davor zurück, die ihnen nachgewachsene Generation (also meine) aus der Perspektive der Altvorderen im „ausgeflippten Lodenfreak“ zu verarschen. Stefan Weber ahnte, was da kommen würde.

Aber noch schrieben wir die Epoche von Marcuses vielzitierter „repressiver Toleranz“, es gehörte also zum System, dass einmal im Jahr der Skandal am Schottentor mit städtischer Lizenz erlaubt war. Dass einer wie Stefan Weber sein Lehramt behalten durfte. Die subversive Geste subvertierte sich selbst, indem die Autorität sie zuließ. In ihrem gelegentlichen, großzügigen Wegschauen spiegelte sich ihr Selbstbewusstsein und damit ihre tatsächliche Unanfechtbarkeit. Die damals allein regierende Wiener Sozialdemokratie konnte dieses paternalistische Spiel allerdings nur spielen, solang die Rebellion von links kam.

In anderen Worten: Was Drahdiwaberl damals auf der Bühne machten, ist heute nicht nur undenkbar. Es würde in derselben politischen Stoßrichtung auch nie passieren. Schließlich ist die Linke heute die händeringende Hüterin des Moralkodex und hat damit der aktionistisch gewordenen Rechten die Rolle der Provokation überlassen.
Es wäre interessant gewesen, mit Stefan Weber über diese Rollenumkehr zu reden.

Der Gefahr, missverstanden zu werden, war er sich offensichtlich bewusst (siehe erwähnte Sleevenotes zum „Heavy Metal Holocaust“), aber sie hinderte ihn nicht daran, einen Song über Neonazis wie „Werwolfromantik“ zu schreiben, zu dem ich dann bei einigen Drahdiwaberl-Konzerten Nazi-Glatzen Hitlergrüße machen sah.

Ich glaube aber, er hatte trotzdem recht dabei. Er nahm sich das Recht heraus, seine Kunst nicht nach den Maßstäben der Verblödeten zu machen. Was Drahdiwaberl allen einigermaßen wachen Ohren vermittelte, war die Einsicht, dass diese ganze Rock- und Pop-Kultur sich nicht ohne ihren politischen Aspekt als kritischer Spiegel ihrer Zeit und vor allem als Vehikel jugendlicher Subkulturen verstehen lassen konnte. Das war gerade in den Achtzigerjahren, als der Pop es sich so offensichtlich mit dem Neokonservatismus gemütlich zu machen begann, eine enorm wichtige Lektion.

Dass der Sound, den Drahdiwaberl dabei machten, wenig mit unserem sonstigen Musikgeschmack zu tun hatte, spielte eigenartigerweise wenig Rolle. Die Band schob ordentlich an mit ihrem Post-Zappa-Rock zwischen Hard Rock-Riffs, Funk-Bässen und Jazz-Akkorden, und in Österreich gab es vor dieser Schule des Rock-Musikantenums auf höchstem Niveau ohnehin kein Entkommen.

Stefan Weber 2005 mit dem Amadeus für sein Lebenswerk

APA-Foto:ORF/Ali Schafler

Stefan Weber bekommt 2005 den Amadeus Austrian Music Award für sein Lebenswerk.

Es überraschte mich jedenfalls nicht, als ich ein paar Jahre später der Mod-Soul-Band mit dem herrlichen Namen The Losers beitrat und draufkam, dass deren meist in einen smarten Boating Blazer gekleideter, eine Rickenbacker schwingende Sänger Roli Vogl eines der jungen Gesichter auf dem Live-Foto am Umschlag des Texthefts zu „McRonalds Massaker“ war. Für Drahdiwaberl, ja eigentlich nur für Drahdiwaberl, ließen wir alle jederzeit die strengen ästhetischen Regeln unser gerade aktuellen subkulturellen Zugehörigkeit fallen.

Roli gründete später die Grunge-Band The Ballyhoo und spielt heute mit Wolfgang Ambros, im Endeffekt war es also die Mod-Kultur, die sich als vorübergehende Phase herausstellen sollte. Ob er heute noch Drahdiwaberl hört, weiß ich nicht. Ich hab mir gerade, nachdem ich die traurige Nachricht vom Tod von Stefan Weber gehört hatte, „McRonalds Massaker“ aus dem Plattenkasten geholt (ein Fremdkörper zwischen Doves und Nick Drake). Und auch wenn das jetzt nach Nachrufs-Klischee klingt, ich war tatsächlich überrascht, wie erschreckend relevant so vieles davon klingt. Insbesondere die zahlreichen Anspielungen auf den in Österreich nie verschwundenen und seither an die Oberfläche aufgestiegenen Bodensatz an Nazi-Ideologie und Alltagsrassismus.

Stefan Weber, der missratene Professor, war ein großer Erzieher unserer Generation. An der heutigen politischen Realität sieht man, dass er dabei gescheitert ist. Aber nur einstweilen.

Das „Grunzerl aus dem Graberl - Drahdiwaberl“, sein Hauch ist nicht verweht.

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