FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Gorillaz

Gorillaz

Artist of the Week

The Blue, The Green and The Queen

Wenn Gorillaz unsere Artists of the Week sind, dann meinen wir natürlich Damon Albarn. Das neue Album „The Now Now“ hat er gänzlich im Modus der Melancholie geschrieben. Besuch in seinem Dachgeschoss.

Von Robert Rotifer

Man könnte leicht vergessen, dass Damon Albarn schon 50 ist, so wach blitzen seine blauen Augen. Und er könnte heute längst 2Ds Vater sein, auch wenn seine Stimme nicht danach klingt.

Da sitzt Damon nun in seinem Büro in einem aufgepfropften Dachgeschoss aus Blech über einer ehemaligen Autoersatzteilhandlung in einer unglamourösen Straße in West-London, wo ein Großteil des Werks der Gorillaz entstanden ist, hinter ihm hängt an der Wand das Neon-Artwork des letzten Blur-Albums „The Magic Whip“, und zwischen seinen Lippen funkelt sein Goldzahn hervor.

Er zeigt dir seinen goldenen Armreifen, auf dem das Wort „Makandjan“ steht, und erklärt dir, dass das die erste Hälfte seines malischen Namens ist, der ihm letztes Jahr in einer feierlichen Zeremonie verliehen wurde. „Makandjan Kamissoko“ heißt er vollständig, und Kamissoko, erklärt dir Damon, sei eine der ältesten Griot-Familien, die auf das Mandinka-Reich von König Sundiata im 13. Jahrhundert zurückgehe (und ehrlich gesagt könnte er dir da jetzt alles erzählen, denn du hast keine Ahnung). Die Verleihung dieses Namens sei eine unheimliche Ehre gewesen, sagt Makandjan Kassimoko.

Später wirst du dir zum ersten Mal seit langer, langer Zeit „Mali Music“ anhören, das Album, das Damon Albarn damals 2004 zusammen mit Toumani Diabaté und anderen aufnahm, und dich wundern, wie gut das aus der Entfernung klingt. Der Entfernung vom Zynismus damals, als man noch denken konnte, Damon sei bloß wieder so ein Musiktourist auf der Suche nach ein bisschen Auffrischung durch Exotismus wie schon so viele andere Popstars vor ihm.

Gorillaz, Damon Albarn

Gorillaz, Damon Albarn

Damon Albarn

Inzwischen betreibt er schon die längste Zeit konsequent das egalitäre inter-kontinentale Improvisationsprojekt Afrika Express, und wie sich herausstellt, fährt er auch 14 Jahre nach „Mali Music“ immer noch regelmäßig in das westafrikanische Land, wo er viele Freund_innen und jetzt eben auch offiziell Familie hat.

Wir reden darüber, dass nicht nur die Franzosen, sondern mittlerweile auch die Briten Truppen nach Mali schicken. „Mindblowing“, sagt Makandjan Kamissoko. Der Terror islamistischer Gruppen sei noch nicht so richtig in die Hauptstadt Bamako vorgedrungen: „Touch wood“

Und du denkst daran, was sein kontinuierliches Zurückkehren in ihr Land den Leuten bedeuten muss, die im Schatten dieser Bedrohung leben. Und was die Leute hier und in den USA für engstirnigen Schwachsinn über „cultural appropriation“ reden, so als gäbe es nach der Mitte des letzten Jahrhunderts überhaupt noch sowas wie eine homogene, weiße, europäische Kultur (und for fuck’s sake, an diesem alten Blödsinn scheiterte Ewan MacColl in seinem Singer’s Club schon in den Sechzigerjahren, weil sein hehrer Zwang, in der „eigenen Tradition“ zu singen, anhand der bunt vermischten Herkunft eines Folk-Innovators wie Davy Graham ad absurdum geführt wurde – und ist die Welt nicht gerade deshalb ein besserer Ort?).

Du fragst dich, was die Leute, die geknüpftes Haar auf weißen Köpfen für unkorrekt halten, zu Damon Albarn sagen würden, der einst seine monokulturelle Britpop-Phase exorzierte, in dem er sich kopfüber in die Kiste mit der Aufschrift „Rest der Welt“ stürzte. Und er gibt dir die Antwort auf die Frage, was er selbst von solchen Dünkeln hält: „We’re all doing it! It’s Bullshit!“ Cue funkelnder Goldzahn.

damon albarn in mali

robin deslow

Damon Albarn in Mali

Übrigens, sagt Damon, sei seine Ehrung durch die Menschen in Mali auch der Grund gewesen, warum er nun doch seinen O.B.E. angenommen hätte, obwohl er sowas früher ganz militant abgelehnt hätte.

Der O.B.E. ist der Order of the British Empire und einen Rang über den Kaugummi-Automaten-Orden, den die Queen einst den Beatles an die Brust steckte. Er müsse dir jetzt was ganz ehrlich sagen, sagt Damon Albarn. In seiner Familie habe es Kriegsdienstverweigerer (Conscientious Objectors) gegeben und eine politische Grundstimmung, die „solches Benehmen“ (also das Annehmen von Orden) gar nicht geduldet hätte. „Buchstäblich“, sagt er.

Aber dann sei es ihm komisch vorgekommen, einen malischen Namen anzunehmen und den Zeremonien seines eigenen Landes den Rücken zuzukehren. Er ging also zum Palast, um sich seinen Deckel abzuholen, und er bereute es nicht. Denn es habe ihn dann schon berührt, als William, der so nett zu ihm war und „genuine“, ihm erklärte, dass Damons Musik ein wichtiger Teil seiner Kindheit gewesen sei.

Außerdem, erzählt Damon, habe er im Buckingham Palace mit den Leuten geredet, die dort so arbeiten. Erstaunlicherweise seien einige davon aus Leytonstone gewesen, also aus jenem Winkel am östlichen Ende der Central Line, wo Damon seine Kindheit verbrachte, ehe seine Hippie-Eltern beschlossen, raus nach Colchester zu ziehen, wo es die „Green Fields“ gab, die mittlerweile alle in Stein verwandelt worden sind.

„We saw the green fields turn into stone, such lonely homes“. Das ist das Zitat, das dir dabei einfällt, es kommt aus der 2007 erschienenen Platte „The Good, The Bad & The Queen“, die Damon Albarn damals mit Tony Allen, dem Schlagzeuger von Fela Kuti, Paul Simonon, dem Bassisten von The Clash, und Simon Tong, dem ehemaligen zweiten Gitarristen von The Verve, machte. Vielleicht seine beste, denkst du dir manchmal. Und Damon beginnt passenderweise von sich selbst als Bauer zu sprechen, der eines seiner Felder eine zeitlang brachliegen lässt, ehe er sich entschließt, dort wieder was anzubauen.

Kurz vor unserem Treffen hat er nämlich gerade das zweite Album von The Good, The Bad & The Queen fertiggestellt, das Ende des Jahres erscheinen wird. „Das wird dir gefallen“, sagt er, weil er weiß, dass du nicht so der House- und Hip Hop-Typ bist. Dabei ist das neue Gorillaz-Album, das hier noch gar nicht erwähnt wurde, „The Now Now“, das für dich wahrscheinlich durchhörbarste je, besteht es doch zu 87,5% aus Melancholie, dem Modus Albarns, den du am liebsten hast und für den du ihm den gelegentlichen Hang zum Klotzen immer noch vergeben hast.

gorillaz

gorillaz

Nicht vergessen:
Gorillaz spielen am Donnerstag, 16.August 2018 am FM4 Frequency Festival!

Du hast also nach einer durchgearbeiteten Nacht im Zug und im Taxi per Stream mit Wasserzeichen das neue Album gehört und bist emotional ein bisschen mitgenommen von der Müdigkeit und der Musik (vorher beim Warten aufs Interview hat dich zwischen Managerin und Promoter ein paarmal der Sekundenschlaf übermannt), du spürst die Nerven in deinen Zähnen zittern und deine Gesichtsmuskel zucken, und du merkst an, dass diese Melancholie ja auch deshalb so rüberkommt, weil auf dem von James Ford (Simian Mobile Disco) koproduzierten Album außer Snoop Dogg auf „Hollywood“ überhaupt keine Gast-Rapper vorkommen.

Du erinnerst dich, dass Damon dir beim letzten Gorillaz-Album „Humanz“ voriges Jahr erzählt hat, er habe sich bei seiner Teenager-Tochter Tipps abgeholt, wen er für die Raps anfragen sollte. Und tatsächlich, diese Vater-Tochter-Absprache, sagt Damon, habe es diesmal nicht gegeben, denn seine Tochter, die jetzt gerade maturiert, sei dieser Tage eine ziemliche Dame und viel zu cool, um ihre Meinung abzugeben.

Als Gorillaz vor 20 Jahren von Damon und seinem zeichnenden Freund Jamie Hewlett zum Leben erweckt wurden, war Damons Tochter noch gar nicht geboren. Und heute, fällt dir wieder ein, könnte Damon 2Ds Vater sein.

„The Now Now“ von den Gorillaz erscheint am 29.6.2018

Aktuell:

Werbung X