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Autorin Karosh Taha

Havin al-Shindy

Buch

Wo hört dein Leben auf, fängt meines an?

In ihrem Debütroman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ erzählt die iranisch-deutsche Autorin Karosh Taha eine intensive Geschichte über kulturelle Entwurzelung und die Bürde einer jungen Frau, ihre Familie im fremden Land zusammenhalten zu müssen.

Von Lisa Schneider

„Er erzählte mir vom Krabbenvolk, das eines Tages beschloss, auszuwandern, und sie vergaßen in einer Höhle die kleinste Krabbe, weil diese geschlafen hatte. Als sie aufwachte, waren all ihre Freunde und Verwandten weg, sogar ihre Eltern, die Geschwisterchen, und die kleine Krabbe bewohnte seitdem allein den riesigen Strand. Sie irrt also im Chabur umher und kniff jedem in die Wade, der ihr zu nahe kam.“

Diese Geschichte einer kleinen, einsamen Krabbe wird der jungen Kurdin Sanaa von ihrem Vater erzählt, sie spielt im Iran, dabei ist Sanaas Familie schon längst in Deutschland eingebürgert. Es ist genau diese Einsamkeit der kleinen Krabbe, die sie im fremden Land, viel mehr noch aber innerhalb der Familie, die sie im Stich lässt, spürt.

Cover Roman "Beschreibung einer Krabbenwanderung"

Dumont

Karosh Tahas Debutroman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ erscheint im Dumont Verlag.

Wie auch die Romanautorin Karosh Taha verlässt die 22-jährige Protagonistin Sanaa noch im Kindesalter den Iran, ihrer Familie, vor allem ihrem Vater folgend, der sich wie viele in Europa ein besseres Leben ausmalt. Dieses stellt sich aber schnell als nicht nur wenig glorreich dar, sondern zieht auch schlimme Nachwirkung mit sich: Asija, Sanaas Mutter, versinkt in Depressionen; sie wirkt, als wäre sie nur körperlich mitgereist, während ihr Geist im Iran hängen geblieben ist. Nachts flüchtet sie im Negligé auf den Balkon oder sogar hinauf aufs Dach - für Sanaa bleibt dann jedes Mal nur zu hoffen, dass ihr nichts zustößt.

Nasser, das Familienoberhaupt, ist keine Stütze. Vielmehr ist er nach dem Zerplatzen seines europäischen Traums und ohne Arbeit in sich gekehrt, weiß nichts mehr mit sich anzufangen. „Wenn ich Nasser beschreiben müsste: rennen, rasen, auf Steinen schlafen, hasten, runterwürgen, schwitzen, zittern, kratzen, kratzen, Arme aufreißen, springen, Dächer verlassen, Länder verlassen, Töchter zurücklassen, Arme aufreißen, rennen, rasen, auf Steinen schlafen, hasten, runterwürgen, schwitzen, zittern, kratzen.“

Und als ob die Vermittlung zwischen ihren Eltern für Sanaa nicht genug wäre, gibt es auch noch ihre kleine Schwester Helin, mitten in der Pubertät, für die sie eine Art Ersatzmutter sein muss.

Der Wohnblock als Überwachungsstaat

Die Familie lebt in Deutschland in einem wenig charmanten Plattenbau, zusammengepfercht mit vielen anderen kurdischen Familien. Sanaa will auf keinen Fall eine dieser tratschenden, bösartigen, kettenrauchenden „Hochhausfrauen“ werden, wie ihre als besonders pikiert beschriebene Tante Khalida und ihre krötenähnliche Freundin Baqqe welche sind. „Wenn ich das Viertel beschreiben müsste, dann bräuchte ich keine Adjektive, sondern zwei Handvoll Verben: wachen, bewachen, überwachen, beobachten, observieren, spionieren, bespitzeln, kontrollieren, aufnehmen, inspizieren, dirigieren, reglementieren, belehren, einschätzen, kommandieren, notieren, registrieren, erfassen, taxieren, abstempeln, bemessen, bewerten, ermahnen, bedrohen, ängstigen, bestrafen.“

Die kurdischen Familienmütter ihres Buchs zeichnet Karosh Taha als anfangs leidenschaftliche, später resignierende Figuren, die Highlights im Leben sind die Heirat, das Kinderkriegen, der Haushalt eben. Sanaa selbst studiert, mehr als Ablenkung denn aus echter Leidenschaft, sie ist aber schon einen Schritt weiter, als es ihre Mutter damals war. Und trotzdem halten sie die alten Ketten zurück. „Hochhausfrauen, die vom Balkon aus andere Menschen beobachten, Frauen, deren Lebenswelt bis zum Supermarkt reicht. Frauen, die auf Spielplätzen Passanten beachten statt ihre Kinder, weil sie ihre Kinder satthaben, weil sie andere Menschen nur aus dem Fernsehen kennen. Frauen, deren Füße vom vielen Warten platt sind, die warten und warten, bis ihr Mann nach Hause kommt, aus dem Fenster schauen, die auf dem Balkon die Wäsche aufhängen und gucken, ob auf dem Marktplatz etwas passiert, endlich etwas passiert, Allah, wenn du mich liebst, lass etwas passieren.“

Wenn die Flucht nicht gelingt

Aufgrund ihrer Angst, in dieselbe Kluft aus Tratsch, Klatsch und gegenseitiger Unterdrückung zu stürzen, flüchtet sich Sanaa in gleich zwei Affären. Eine Pseudo-Rebellion gegen die strenge Heiratskultur, denn: Es hilft nichts. Sie kann sich nicht dort fallenlassen, in die weißen Laken, immer ist es die Sorge um ihre Mutter, die sie wieder zurück nach Hause, in den Mikrokosmos des Wohnblocks zieht. „Ich fürchte mich vor einem Liebesgeständnis, vor einem Versprechen. Ich werde ihm erklären, dass ich Asija versprochen bin, für ihr Glück die Verantwortung trage. Solange Asija nicht lachen kann, kann ich nicht mit Adnan schweben. Ich würde ihn zwischen meinen Gedanken und Erinnerungen ersticken, und ihn dann neben dem Rotkehlchen und dem graublaulila Fisch ins Grab zurücklegen, von wo aus er mich verwünscht.“

Als LeserIn stellt man sich unwillkürlich dieselbe Frage wie Sanaa: Wo beginnt mein Leben, bzw. wo hört das eines anderen auf? Wie viel Eigenverantwortung muss ich tragen, und bis zu welchem Grad Verantwortung für andere?

Karosh Tahas Roman ist eine Auseinandersetzung mit kultureller Entwurzelung und der Suche nach der eigenen Identität. Er ist aber vor allem auch die Geschichte einer tief empfundenen Einsamkeit, obwohl gerade in Sanaas Fall alle so zusammengepfercht im Plattenbau leben, dass sie oft kaum zum Aufatmen kommt. „Manchmal wünsche ich mir, kurzsichtig zu sein, -4,75 Dioptrien mindestens, wie angenehm muss es sein, nicht jedem Blick zu begegnen, jedes Lächeln zu erwidern, ein Grüßen nicht kommen zu sehen.“

Man wünscht Sanaa inneren Frieden, ein Ankommen, ein Leben. Dass das Ende des Romans offen bleibt, ist eine technisch schöne Entscheidung; weil, auch wenn man es Sanaa anders wünscht, die tragische Ahnung im Raum schwebt, dass sich an ihrer Situation so schnell nichts ändern wird.

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