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Anstoßen mit zwei Bierflaschen

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Katrin hatte definitiv ein paar Bier zu viel

Ich kenne Katrin seit fünf Minuten. Ich ging zur Bar und sie bat mich, ihr auch noch ein Bier zu kaufen, da sie kein Geld mehr hatte.

Von Todor Ovtcharov

Wenn du zwei Bier hast, gibt das eine deinem Nächsten, sagt man. Katrin ist mir dankbar und fühlt sich verpflichtet, sich mit mir zu unterhalten. Man erfährt immer die wunderschönsten Sachen von Menschen, die offensichtlich zu viel getrunken haben. Ich habe so schon von Menschen erfahren, dass sie Weltmeister im Bodybuilding, Lottomillionäre oder Cousins von Arnold Schwarzenegger sind - oder wenigstens mit Heidi Klum geschlafen haben. Katrin erzählt mir, dass sie neulich ihre Masterarbeit in Physik und Informatik abgegeben habe. Sie spricht ohne Pause von Algorithmen und ich nicke. Ich war nie gut in Mathe, aber ich würde ihr gerne eine Aufgabe stellen. Wenn Katrin in zwei Stunden acht Bier getrunken hat, wie viel Bier schafft sie in drei Stunden? Vorausgesetzt, ich kaufe es ihr. Ob ihr Trinkverhalten sich auch mit einem Algorithmus messen lässt?

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Während ich mir das denke, hört sie nicht auf zu sprechen. Ihre Stimme ist schon ganz heiser. Das wundert mich nicht, denn die Musik ist laut und das Bier hilft auch dabei. Ich finde es immer ganz spannend, Menschen zu treffen, die den Klang ihrer eigenen Stimme gern haben. Währenddessen nicke ich nur. Das kommt Katrin verdächtig vor und sie fordert mich auf, etwas über mich zu sagen. Nach zwei Worten hat sie mich bereits erkannt. “Du bist der, der rumänische Geschichten im Radio erzählt!” Ich nicke.

Katrin spricht weiter: “Ihr, alle Ausländer, seid reich! Ihr habt Schlösser in Tschechien und Rumänien! Eure reichen Familien haben für euch gesorgt. Ihr kommt nach Österreich und erzählt uns, wie arm ihr seid, aber in Wirklichkeit habt ihr viel mehr als wir!” Sie erzählt mir, dass ihre Familie aus der „wahren Wiener Arbeiterklasse“ stammt und nach dem Krieg mit der Armut kämpfen musste, während wir – die Tschechen und Rumänen - allesamt Bonzen wären. Der Algorithmus ihrer Geschichte ändert sich. Ihre Masterarbeit in Physik und Informatik macht Platz für Hass gegen die reichen Tschechen. In ihren Augen bin ich reich und trage die Schuld dafür. Ich nicke. Vielleicht bin ich es auch, ich hab ihr schließlich auch ein Bier spendiert.

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