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„Der Klügere lädt nach“

Castle Freeman erzählt in seinem neuen Krimi eine bitterböse Geschichte über Selbstjustiz und zeichnet nebenbei ein gelungenes Portrait einer amerikanischen Kleinstadt.

von Ali Cem Deniz

Sheriff Wing hat eigentlich andere Probleme. Seit den Budget-Kürzungen wird sein Gehalt immer weniger. Deswegen schlägt er sich mit Nebenjobs durch. Er hilft auf den Feldern und bei Bauarbeiten. Seine demente Mutter wird zum Pflegefall und Zuhause läuft es auch nicht gut. Denn er hat kein Zuhause mehr.

Er schläft auf der Couch in seinem Büro. In seinem Haus schläft seine Frau - mit ihrem Geliebten. Abgesehen von den zunehmenden Kreuzschmerzen, lässt die Situation den hartgesottenen Sherrif kalt.

Die Sache ist die: Clemmie und ich führen nicht irgendeine offene Ehe. Wir führen eine ganz besondere offene Ehe. Sie ist offen für Clemmie, aber nicht für mich. Wie es aussieht, ist unsere offene Ehe an einem Ende offen und am anderen nicht, wie eine Keksdose oder Fischreuse. Tja, sowas passiert eben, wenn eine Frau unter ihrem Niveau heiratet.

Mysteriöse Unfälle

Als ein Außenseiter in Sheriff Wings Tal zieht, muss der Stoiker seine Gleichgültigkeit aufgeben. Zumindest um seinen Job nicht zu verlieren. Steve Roark hat in der Army Karriere gemacht und in seiner Pension will er in Vermont Karriere machen - als Gemeinde-Vorsitzender. Mit militärischer Disziplin und politischen Ambitionen macht sich Roark an die Sache.

Titelbild des Romans "Der Klügere lädt nach" von Castle Freeman

Nagel&Kimche Verlag

„Der Klügere lädt nach“ ist in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren im Nagel&Kimche Verlag erschinen.

Und schon bald fällt ihm auf, dass mehrere Kleinkriminelle in der Gegend eine richtige Pechsträhne erleben. Einer sägt sich seinen Arm ab, der andere schießt sich in den Fuß und ein anderer verliert sein Auge. In den Verhören versichern alle, dass sie Opfer von Unfällen waren.

Der Gemeinde-Vorsitzende Roark ist der einzige, dem das verdächtig vorkommt. Er will Antworten - doch niemand ist an einer Aufklärung interessiert. Die Menschen im Ort sind dem Sheriff nicht unähnlich.

Die Leute in diesen kleinen Orten gehen letztlich dahin, wohin sie müssen, aber sie lassen sich nicht antreiben. Man muss sie in ihrem eigenen Tempo gehen lassen. Alles regelt sich - nicht immer auf eine perfekte, ordentliche, sanfte oder auch nur gerechte Art. Nicht auf eine Art, die alle oder auch nur irgendwen glücklich macht. Aber alles regelt sich, wenn man es zulässt.

Abgründe der Kleinstadt

„Der Klügere lädt nach“ ist nicht nur ein spannender Krimi, sondern ein gelungenes Portrait einer amerikanischen Kleinstadt. Dem Autor Castle Freeman ist das Setting vertraut. Er lebt selbst seit über 30 Jahren in Vermont. Die Eigenheiten und die Konflikte der Kleinstadt-Bewohner beschreibt er mit einer präzisen und schnörkellosen Sprache. Und stets mit lakonischem Humor. Egal wie düster die Erzählung wird, es gibt hier kaum eine Seite, wo man nicht schmunzeln muss.

Das funktioniert auch in der deutschen Übersetzung von Dirk van Gunsteren gut. Angefangen vom Titel bis zum Schluss schafft die Übersetzung eine authentische Wiedergabe der zutiefst amerikanischen Erzählung.

Eine absolute Empfehlung für alle Fans von Filmen wie „Fargo“, „No Country for Old Men“ und „Hell or High Water“.

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