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Publikum bei Depeche Mode

Michael Dornbierer für OpenAir St- Gallen

Ein Festival für Genießer

Das OpenAir St. Gallen bleibt weiterhin ein Festival mit einem ganz eigenen Spirit. Woher der kommt ist nicht so leicht zu beantworten.

Von Christoph Sepin

Man muss es selbst gesehen haben, das OpenAir St. Gallen, um es richtig zu verstehen. In den Suburbs der 75.000-Einwohner-Stadt in der Schweiz befindet sich der Sittertobel, eine riesige Lichtung zwischen Bäumen und Feldern, die wie ein Kessel nach unten geht. Ganz unten befinden sich die Bühnen, rund herum Zelte, Stände für Essen und Trinken, Promobauten von Schweizer Unternehmen und jede Menge Publikum, das sich aneinander vorbeischiebt, zuprostet und einklatscht.

Die Atmosphäre ähnelt weniger einem klassischen Festival, sondern mehr einem Zeltfest. Leute stehen um Bars herum und schunkeln zu schrecklicher elektronischer Musik, essen und trinken und lachen. Dass sich da nebenbei auch noch Bühnen mit Bands befinden und ein Line-Up, das jedes Jahr beeindruckend ist (vor zwei Jahren spielten schließlich sogar Radiohead eine ihrer raren Shows), das scheinen viele Leute gar nicht mitzubekommen. Oder es ist ihnen egal. „Wir Schweizer, wir sind eben Genießer“, hat mir jemand dort verraten.

Es stellen sich sehr viele Fragen am OpenAir St. Gallen: Warum diese Zeltfeststimmung? Warum kann hier anscheinend überall gezeltet und gegrillt werden? Warum rennen so viele Menschen mit Flaggen von allen möglichen Ländern herum? Warum kriegt man hier noch Getränke in echten Gläsern? Ist das alles ein Festivalrelikt aus der Vergangenheit? Ein Dinosaurier der Livemusiklandschaft? Und warum ist das Booking jedes Jahr so gut?

Bühne

Manuel_Lopez für OpenAir St- Gallen

„Schlammgallen“, so lautet der Spitzname des Festivals. Weil es immer regnet und der Kessel dann unglaublich schlammig wird. Hotels und Einkaufszentren in der Gegend wissen das, und bieten einen Schuhwaschservice an. Dieses Jahr regnet es aber kaum, die Schuhwaschutensilien bleiben unbenutzt. Wobei es mir sowieso ein Rätsel ist, wie die überhaupt funktionieren.

Es ist entspannt und toll und gechillt, jedes Jahr. Das Publikum, fast nur aus Schweizern und Schweizerinnen bestehend, ist tatsächlich sehr, sehr freundlich. Urlaubsfreundlich mag man das nennen. Als ob hier eine Pause genommen werden kann vom ganzen Druck, vom Arbeiten und Geldverdienen und dem alltäglichen Stress. Wie das die allermeisten Festivals gut können, eine Auszeit kreieren, eine temporäre autonome Zone, wo man sich mal nicht die Füße abwischen muss.

Was aber auch zutrifft: Wenn die Leute sich prinzipiell mehr fürs Feiern und den simplen Spaß interessieren, als für die Musik, dann merkt man das auch oft vor den Bühnen und bei den Performances der Bands. Natürlich könnte man an dieser Stelle über gute Shows von Acts schreiben, die heuer dort gespielt haben: über Raf Camora, Editors, Chvrches oder Nine Inch Nails (die sich während ihrer Show den Kommentar: „Well, what a polite audience“ nicht verkneifen konnten). Aber über die kann man an anderer Stelle besser nachlesen. Weil um die Musik geht es eben nur sekundär. Oder, wie mir eine Besucherin erzählt: „Wer wegen der Musik aufs OpenAir kommt, ist am falschen Ort“.

Das ist ein Herausbrechen aus Korsetten, ein kindlicher, naiver Umgang mit Freiheit, bei Leuten, bei denen so mancher Beobachter anmerken würde, dass die schon viel zu alt für das Ganze sind. Nicht zu verurteilen ist für viele das Motto am Festival, es wird wiederholt wie ein Mantra: „Hier darfst du einfach Spaß haben, hier gelten nicht die Regeln der echten Welt“.

Was übrig bleibt und jedes Jahr gilt: Wenn man mal eine Show einer Lieblingsband sehen will, sei es Radiohead oder Nine Inch Nails, Depeche Mode oder The Killers: bei kaum einem anderen Festival kommt man so nah an die Bühne heran, wie am OpenAir St. Gallen. Ja, sogar das Sicherheitsgitter in der ersten Reihe, vor dem bei anderen Liveshows stundenlang Leute campen, ist des Öfteren in greifbarer Nähe.

Gleichzeitig ist es kaum möglich, nicht in den entspannten Modus der anderen Festivalbesucher und -besucherinnen zu kommen, wie als wäre das ansteckend. Und dann stellt man sich auch gar nicht mehr die Fragen, warum das alles so ist, wie es ist und chillt. Genießen wie die Schweizerinnen und Schweizer eben, am OpenAir St. Gallen.

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