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Jerry Mina aus Kolumbien und Harry Kane aus England im Zweikampf

APA/AFP/FRANCK FIFE

Blumenaus WM-Journal

Sich in die kollektive Erinnerung dieser WM zu spielen...

... das ist England und Kolumbien mit ihrem Achtelfinal gelungen. Für die anderen bleibt keine Emotion.

Von Martin Blumenau

Manchmal wäre es besser, wenn aus einem Ausscheidungs-Spiel keiner weiterkommt und aus einem anderen stattdessen beide. Heute war so ein Tag.

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Nicht dass England oder Kolumbien Extraklassiges geboten hätten - aber beiden Mannschaften war der Wille etwas Besonderes leisten zu wollen, sich in die nachhaltige kollektive Erinnerung dieser WM hineinzuspielen, Teil der „ja, das war leiwand!“-Reminiszenz zu werden, anzumerken. Der ging im Nachmittags-Match ab. Zu diesem Trauerspiel, das in die schlimmste Kategorie die’s gibt (nämlich „wurscht“) fiel, später.

England besiegt Kolumbien

Ja, es war das erste Penalty-Schießen bei einer WM, das England gewinnen konnte, eh. Aber das ist nicht die ganze Geschichte; und auch nicht der interessanteste Teil der Partie.

Kolumbien hatte die gesamte reguläre Spielzeit höllische Probleme seinen Plan (gut stehen, schnell und präzis gegenstoßen) einigermaßen umzusetzen. Und brauchte dazu eine (forcierte, also künstliche) Verschärfung der Gangart und der schlechten Sitten. Das hatte mehrere Gründe.

Hier die Analyse des wichtigsten:
Jose Pekerman ist ein altgedienter und großer Trainer. Was er sich bei seiner durch den Ausfall von James und den Respekt vor dem guten Gegner erzwungenen Umstellung (von einem rollenden 4-2-3-1 auf ein 4-3-3 mit drei defensiven Mittelfeldspielern) gedacht hat, ist klar: die zwei äußeren der drei Sechser sollten vor allem an den Flanken aushelfen und die von dort drohende Gefahr eindämmen. Das hat auch funktioniert. Nicht geklappt es mit der Aufgaben-Zuteilung in der offensiven Dreierreihe davor. Falcao sollte die linke Position halten, Cuadrado die rechte, Quintero war der Zehner dahinter. Das war aber nur auf dem Papier so, Falcao zog immer in die Mitte. Die Folge war eine offensive linke Seite, die Verteidiger Mojica allein zu bespielen hatte.
Später kamen dann Muriel und Uribe, beide mit der Aufgabe die linke Seite zu übernehmen - schief blieb das Spiel aber bis in Minute 116, als sich Pekerman dann traute die Wahrheit auf dem Platz durch einen Wechsel zu bestätigen und Mojica zum linken Außenbahnspieler zu befördern.

In so einer Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität sind schon viele Teams verhungert. Dass Kolumbien es trotzdem geschafft hat wieder einen Fuß ins Spiel zu kriegen, ist mehr als bemerkenswert.

Team England wiederum war von beiden Gegner-Maßnahmen getroffen. Zum einen kam die Mannschaft wegen der Dopplung der in den bisherigen Matches prägenden Außenspieler nicht in ihren gewohnten Dauerdruck-Modus, auch zu weniger Standards und damit zu deutlich weniger Torchancen, zum anderen konnte das junge Team mit der künstlich herbeigeführten Erregungs-Spirale in die das Spiel nach dem Führungstor geriet, nicht gut umgehen. Die Kolumbianer zogen ihre Kraft zunehmend aus Härte, Verschleppung und Reklamation (aus jedem Schas entstand Hektik) - dem stand Southgates Truppe eher hilflos gegenüber. Bis man, gegen Ende der regulären Spielzeit und dann vor allem in der Extra-Time, die Hoheit dann aus der Hand geben musste.

Um es final in jener Disziplin noch zu drehen, die für englische Fußballer zu einem Trauma geworden ist. Auch mehr als bemerkenswert.

Gar nicht bemerkenswert war das Vorspiel am Nachmittag:

Schweden, Schweiz, whatever

Ich gebe zu, es geht um Emotion. Und ich habe - wie viele - zu fast jeder Nation bei dieser WM einen Zustand, einen emotionalen. Zu 12 der 16 Achtelfinalisten sogar einen intensiven. Nur zwei sind mir völlig egal. Und sie haben in ihrer Begegnung wohl auch gezeigt warum.

Schweden war einmal eine lässige Truppe, die man mögen konnte, dann wurde sie so grau wie die Wand und egal. Dann kam Ibrahimovic und man durfte sie hassen (oder lieben) - jetzt ist wieder die Wand da.
Schweden spielt den ödesten Vorkriegs-Kick, den man sich vorstellen kann. Brav sein, gut stehen, Mittelfeld überfliegen, vorne Zielspieler erreichen, zweite Bälle ergattern, irgendwie aufs Tor schießen. Wenn nicht, dann Standards, weil Körpergröße. Das ist alles jenseits dessen, was das Spiel so spannend, schön und lässig macht. Und es macht einen unsichtbar. Wer wie Schweden spielt, wird nicht gesehen.

Mit der Schweiz ist das ähnlich: früher einmal ein lässiges Team, mit Typen, aber seit einiger Zeit, gefühlte zehn Jahre: Schablone, Schablone, Schablone. Die aktuelle Mannschaft ist die schlimmste, weil sie auch noch so tut, als wäre sie mehr. Nämlich feurig und originell, wegen der Herkunft der Eltern vieler Spieler (Balkan, Afrika, Spanien etc). Nur ist die Nati (sprich: Nazi) das eben genau gar nicht. Im Gegenteil: die Secondos sind Leistungs-Anpassler reinsten Wassers, haben sich zu braven und stocksteifen Schweizern entwickelt. Also genau die Assimilation vollzogen, die SVP oder bei uns ÖVP/FPÖ einfordern.

Dass in der Schweiz jetzt nach der politisch instrumentalisierten Debatte über die doppelte Heimat (der albanische Adler aus dem Serbien-Spiel wirkt nach) jetzt auch ein selbstkritischer Blick auf das uneingelöste „Potential“ vieler Spieler gerichtet wird, ist sicher nicht verkehrt.

Aber auch das sehe,lese, höre ich ohne einen Anflug von Emotion, weil, sorry: wurscht. Vielleicht nachdem sich strukturell was ändert bei diesen Mannschaften dann irgendwann einmal wieder: willkommen in der Wahrnehmungs-Zone; die ohne emotionale Zuschreibung eben nicht funktioniert.

Aktuell:

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