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Besucher des Roskilde Festivals

Jesper Bjarke Andersen

Ein Besuch am Roskilde Festival 2018

130.000 Musikfans pilgern heuer zur 48. Ausgabe des Roskilde Festivals nach Dänemark. Am Programm stehen Künstler_innen wie Eminem, Massive Attack oder Newcomer Acts wie die österreichische Musikerin Mavi Phoenix. Musikalische Abwechslung aber ein Rund-Um-Programm, das mehr als nur eskapistische Ablenkung bietet: so wird das Roskilde jedes Jahr zu einem Highlight der Festivalsaison.

Von Susi Ondrušová

Wer gerne auf Festivals fährt, weil man sich ob der Masse der Bands an einem Wochenende fast schon mit dem Jahresvorsatz an Live-Musik-Knowhow eindecken kann, ist hier am Roskilde Festival richtig. Sommerzeit ist Reisezeit. Wen beim Anblick auf internationale Festival-Lineups ein Deja-Vu-Gefühl überkommt, darf sich über eine Festival-Regel freuen, die vom Roskilde Team gelebt wird. Jedes Jahr sind 75% des Musikprogramms Künstler_innen, die noch nie auf dem Festival zu sehen waren. Beim Lesen der dieses Jahr gleich 184 Namen der Auftretenden Künstler_innen überkommt also einem nicht das Gefühl, dass man es hier mit Wiederholungstätern zu tun hat. Etwas weniger als die Hälfte der Bands kommt aus Skandinavien, die restlichen Bands sind international und vor allem: Genre-übergreifend. Das Roskilde Festival versteht sich nicht als Genre-Festival. Das Publikum ist also im besten Sinne durchmischt und mit einem Durchschnittsalter von 24 Jahren auch relativ jung und immer euphorisch.

Die Euphorie und Offenheit nennt man hier am Roskilde Festival auch „orange feeling“. Benannt nach der Orange Stage - der Hauptbühne. Der besondere „community spirit“ wird von den Besucher_innen unter anderem deswegen gelebt, weil das Roskilde Festival ein Non Profit Festival ist. Rund 30.000 Volunteers arbeiten am Roskilde Festival, sie sind Teil des Erfolgsrezeptes. An einem Tag werden Klopapierrollen nachgelegt, an anderen Tagen trifft man sich in der ersten Reihe beim Warten auf den Lieblingsact. Wir sind alle Teil und wollen eine gute Zeit haben: ob man nun eine Orange Arbeitsweste trägt oder nicht.
Während der acht Tage, an denen das Festival stattfindet, wächst das kleine Städtchen Roskilde mit dem Festivalvolk zur viertgrößten Stadt Dänemarks auf. Ein Teil des Roskilde Areals hat schon letzten Samstag eröffnet, das Hauptareal mit der Orange Stage erlebte am Mittwoch den ersten Fan-Ansturm. Bei perfektem Sonnenschein waren ausnahmsweise nicht die üblichen 60.000 Fans vor der Hauptbühne sondern gleich 40.000 mehr. Es war eine Premiere fürs Land, die zum Ausverkauf der Festivaltickets gut beigetragen hat, denn Eminem hat heuer also nun endlich sein allererstes Konzert in Dänemark gespielt. In seinem Freestyle-Rap „The Storm“ heißt es: „Racism’s the only thing he’s fantastic for. ‚Cause that’s how he gets his fucking rocks off and he’s orange. Yeah, sick tan” Gemeint ist Donald Trump.

Eminem am Roskilde

Jeremy Deputat

Die Farbe „orange“ wird ihn in Zukunft vielleicht auch ein bisschen an diesen grandiosen Abend auf der „orange stage“ erinnern. Nicht nur einmal hat er gemeint, dass er überwältigt ist von der Menschenmasse die sich vor der Bühne versammelt hat.
100.000 Augenpaare, die dicht aneinander gedrängt bis in die hintersten Reihen an seinen Lippen hängen. Nicht weniger eng war es dann auch bei Mr. Uptown Funk Bruno Mars am gestrigen Abend, ganz zu schweigen vom Grime-Superstar und Mercury Prize Gewinner Stormzy, der auf der zweitgrößten Bühne hier aufgetreten ist. Ein 60 Tonnen schweres Zelt, das trotz „Stadthallen“-Kapazität eine gewisse intime Stimmung während einem Konzert erlaubt. Beim gestrigen Auftritt von Stormzy platzte das Zelt aus allen Nähten. Selbst bei großen Events gibt es doch die berühmte Ameisenstraße, also einen Weg, der sich während dem Warten auf das Konzert einfach organisch zwischen den Besucher_innen bildet, hier war die Aufregung und Vorfreude des Publikums allerdings so groß, dass es statt Straße einfach nur Stau gab. Mit zigtausenden Menschen mit unterschiedlicher Sichtposition für die Dauer eines Gigs „befreundet“ sein und eine gemeinschaftliche Decke aus erhobenen Armen bilden: das ist nicht nur ein imposanter Anblick sondern ein Highlightwürdiges Szenario.

Roskilde Campingplatz

Jesper Bjarke Andersen

Das Roskilde Festival ist ein Non Profit Festival, die Einnahmen des Festivals werden jedes Jahr auf verschiedene karitative Organisationen aufgeteilt. (Letztes Jahr hat das Roskilde zum Beispiel auch das FM4 Licht Ins Dunkel Projekt PILOT mit einer Spende aus den Einnahmen unterstützt)
Das Roskilde Festival hat eine immense Vorbild-Funktion für die Festival- und Musikwelt und setzt jährlich auch thematische Schwerpunkte, um auch während dem Festival an gesellschaftspolitischen Diskursen teilzunehmen. Wie geht das Festival also mit dem durch die #metoo Kampagne losgetretenem Thema des Jahres um: „Time´s Up“? Viele der Forderungen der Times Up Kampagne lassen sich 1:1 auf die Musikindustrie umlegen. Wo sind sie die weiblichen Headliner-Acts?

Erst letzte Woche hat die BBC über ein britisches Festival berichtet, dass im zweiten Jahr des Bestehens erklärt hat, dass man in Punkto Gleichberechtigung und Ausgewogenheit von männlichen und weiblichen Bands am Lineup noch einen weiten Weg zu gehen habe und diesen auch gehen möchte.
Vielen Musikfans und Festivalgeherinnen geht es in dieser Diskussion um das sehr einfache Prinzip der Sichtbarkeit, während auf der anderen „Argumentationsseite“ die Fans zu Worten wie „Femnazi“ greifen und sich damit abfinden wollen, dass „es so ist, dass in den besseren Bands halt Männer spielen“.

Angesprochen darauf, ob sich das Roskilde Festival vorstellen kann, das Programm die nächsten Jahre mit einer selbst auferlegten Quote zusammenzustellen, antwortet der Pressespecher des Festivals: „Wir möchten das gerne verändern, wir möchten gerne mehr Frauen auf der Bühne oder hinter der Bühne haben. Wir glauben nicht dass eine Quote notwendigerweise das richtige ist und deshalb haben wir das auch nicht als erklärtes Ziel. Das könnte vielleicht irgendwann notwendig sein, wenn sich nichts verändert. Wir unterstützen zum Beispiel verschiedene Organisationen, die in den Schulen probieren was zu ändern. Warum ist das natürlich dass ein Junge Schlagzeug spielen darf und ein Mädchen Triangel spielen soll? Etwas ist falsch. Fast überall. Sowas müssen wir ändern, damit wir auch eine größere Auswahl von weiblichen Musiker_innen haben. Wir spenden für verschiedene Organisationen damit wir strukturell etwas verändern können!“

Das Thema der Gleichberechtigung, nämlich „economic equality“ ist auch Thema in der diesjährigen Artzone, jenem Teil des Festival Areals zwischen Hauptbühne und Food Court, den alle Festivalfans an einem der Tage hier bewandern. Hier stoßen sie auf verschiedene Skulpturen und Installationen von Künstler_innen, die sich mit dem Thema der „economic equality“ im weitesten Sinne auseinandersetzen.

Es sind Sitzskulpturen aufgestellt, die an deformierte Enzis aus dem Wiener Museumsquartier erinnern und den ergonomischen Körperstellungen von Handybesitzern angepasst sind. Eine Armlehne für den Arm mit Selfie-Stick zum Beispiel. Wer also kein Handy hat, sitzt unbequem.

Roskilde Festival

Susi Ondrusova

Die wirkungsvollste Umsetzung des „economic equality“ Themas ist allerdings die Beschilderung der Toiletten: „working poor“ steht beim Männer WC und beim Frauen Klo liest man: „working poorer“.

Roskilde Festival

Susi Ondrusova

Die größte Installation in der Artzone heißt „Equality Walls“: vier riesige Mauern, die unübersehbar am Weg zur Hauptbühne platziert sind. Es sind Nachbauten von vier der acht Prototypen, die die Trump Regierung für die Mauer an der Grenze zu Mexiko einsetzen will. Hier am Roskilde sollen sie symbolisch daran erinnern, dass es in einer Welt des technologischen Fortschritts noch immer Mauern zu überwinden gibt.

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