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187 Straßenbande

Martin Wiesner

Straßenrap und Liebeslieder beim Ring Festival in Graz

Beim ersten Ring Festival in Graz steht deutschsprachiger HipHop auf dem Programm. Die Headliner in der Freilufthalle der Grazer Messe: Die 187 Straßenbande zwingt ihr Publikum mit Straßenrap in die Knie, Bausa spielt den erfolgreichsten deutschen HipHop-Song ever und steirische Bands gustieren lokale Hausmannskost.

Von Florian Wörgötter

So gerne hätten steirische Politiker die olympischen Ringe auf ihre Fahnen gedruckt, doch das Feuer für die Winterspiele 2026 in Graz ist schneller erloschen, als es entfacht werden konnte. Halb so wild, denn seit heute hat Graz sein Ring Festival. Für knapp 2.000 Freunde der härteren Gangart des HipHop heißt es: Dabei sein ist alles.

Nach zwei Jahren Ring Festival in Bruck an der Mur mit Jennifer Rostock und The Subways wurde ein Jahr pausiert. Offenbar hatte der Brucker Gemeinderat damals auch seine Schwierigkeiten mit den rauen Texten von Rapper SSIO. Nun findet das neu positionierte Ring Festival seine Heimat in der Grazer Messe und richtet mutig seinen Fokus auf HipHop-Musik.

Hierzulande ein reines HipHop-Festival zu veranstalten, zeugt von wahrer Liebe zur Musik, enden doch viele Versuche meist in Liebhaberei. Ambitionierte Initiativen wie Am Strom, das KRUNK Festival oder die HipHop-Connection gehören ebenso der Vergangenheit an wie das HipHop Open Austria, das 2016 den vielfältigsten Querschnitt der (inter)nationalen HipHop-Kultur sogar an zwei Tagen abbildete. Dieses Vakuum füllt das Ring Festival nun mit Headlinern wie der 187 Straßenbande, Bauser und Dardan, und gibt steirischen Acts eine Bühne.

Frisch, g’schaftig, steirisch

Am Nachmittag gehört die überdachte Freiluftbühne B der Messe Graz dem steirischen HipHop: Die Noedge-Crew, Destillat eines monatlichen Freestyle-Abends in Graz, zeigt den traditionellsten Boom-Bap-Rap des Tages. Der Knittelfelder Jagga Juice nimmt Rap schon ernster und wirft in seinen Texten mit Drogen um sich wie Pablo Escobar. Producer und Rapper Young Gola aus dem Murtal duettiert mit seinem (eigenen?) Cloud-Rap-Playback. Und der motivierte BJØVAN zeigt sich kämpferisch auf seinem steirischem Afro-Trap. Noch sind die wenigen Schreie des Publikums jedoch meist mit einer Ansage zum Headliner 187 Straßenbande verbunden.

187 Straßenbande

Martin Wiesner

Währenddessen entdeckt der 187-Fan in den halbstündigen Pausen im „Festivaldorf“ Interessantes: Im Halbschatten der Freilufthalle rasiert der Friseur El Haario einem 187-Schriftzüge in die Friese oder „pudert“ Jungs den Haaransatz, um ihren Bart voller zu machen oder die Geheimratsecken zu verstecken. In der Shisha Zone dampft der hauseigene 187-Tabak aus den Wasserpfeifen – einer davon soll sogar nach Weed schmecken. Nebenan verkauft ein Laden stolz seine Caps mit eingenähter Schmugglertasche am Kopf. Schon Weedheads wie Method Man und Cheech & Chong sollen sie benutzt haben. Und ein Sweet Foodtruck verkauft Erdbeeren in Schokolade und die Zuckerwatte danach.

Dardan: „Lass ma’ bisschen Turn up machen“

Als Dardan das Set übernimmt, kommt Leben in die spärlich gefüllte Halle. Der Rapper wurde 1997 in Stuttgart geboren, im selben Jahr, in dem Freundeskreis mit ihrem Debüt „Quadratur des Kreises“ die Postleitzahl 0711 auf die Rap-Landkarte holten. Doch der Sohn von albanischen Flüchtlingen verortet sein Leben auf der härteren Seite des Grimes.

Auch wenn er Notorious B.I.G. mit 50 Cent verwechselt, es gelingt ihm, sein Publikum einzubeziehen – mit „Ich sag, ihr sagt“-Chören und den ersten Moshpits, die er gleich mehrfach wiederholt wie sein DJ den „Aaaaaah Yeaaaaah“-Cut. Erste Umfrage: „Wo sind die Männer? Wo die Frauen?“ Das erwartbare Ergebnis: Die Jungs sind in der Überzahl. Angehende Männer in Jogginganzügen – frei nach Karl Lagerfeld: Wer ohne Jogginghose aus dem Haus geht, hat die Kontrolle über s1 life verloren.

Zum Schluss spielt er für seine albanischen Landsleute noch den Song „Albo-Trap“. Diese goutieren ihn mit flatternder Doppel-Adler-Handbewegung, die dem Adler in der Landesflagge gewidmet ist.

Bausa: „Casanova, Casanova“

Der Rapper aus dem berühmt-berüchtigten Bietigheim-Bissingen, der Heimat von Kollegen wie Shindy und Rin, überführt mit seinem Pop-Sound den bisherigen HipHop in eine größere Dimension. Er mimt den nachdenklichen Kuschel-MC, der sensibel genug ist zu wissen, dass seine Mädels was Besseres verdient haben als einen verkoksten Casanova auf Jackie Cola. Hart klingt er nur, wenn er zwischen den Songs seine Reibeisen-Ansagen macht. „Wo sind meine Jungs in Graz?“ Sie sind da, doch die Mädels kreischen erstmals lauter. Denn immer mehr Mädelsgruppen ohne Boys im Schlepptau tauchen auf. Als sich Bausa auch noch ans E-Piano setzt und fragt, „Was kostet mich deine Liebe?“, schmelzen sie dahin.

Zum Höhepunkt spielt Bausa „ein Lied, auf die Gefahr hin, dass es keiner kennt“, namens: „Was Du Liebe nennst“. Der Song ist der kommerziell erfolgreichste Hit, den deutschsprachiger HipHop jemals hervorgebracht hat – die erste Diamant-Schallplatte für Rap, neun Wochen auf Platz eins in Deutschland, sogar zehn Wochen an der österreichischen Chartsspitze. Das Publikum schunkelt und jault in die Abenddämmerung. Dass Bausa meist zum Playback singt, stört keinen. Der Ohrwurm gräbt sich tief hinein durch die Lauscher mit den schulterlangen Creolen und den schwarzen Ear-Plugs. Daher hätte Bausa darauf verzichten können, ihn zwei Songs später mit vollem Playback noch einmal zu wiederholen.

187 STRASSENBANDE: „1 Graz 7“

Um 21:30 Uhr werden die über den Tag wiederholt skandierten „1-8-7“-Chöre endlich erhört: Der bühnengroße Vorhang mit den fiesen Fratzen der Hamburger Bonez MC, Gzuz, LX, Mixwell und Sa4 fällt. Die 187 Straßenbande, das aktuell größte Straßenrap-Phänomen Deutschlands, überfällt das Ring Festival Graz. „Alle runter“, zwingen sie ihr Publikum mit Maschinengewehr-HiHats immer wieder in die Knie.

Die Straßenbande gilt als besonders real, weil sie auch abseits ihrer Songs regelmäßig mit dem Gesetz im Clinch steht. Wenn sie rappen, sie werden von der Polizei beschattet, stimmt das sogar: Vor kurzem wurden im Zuge einer Großrazzia 16 Wohnungen aus dem 187-Dunstkreis wegen Verdachts auf Drogen und Waffenhandel durchsucht. Alle Verhafteten mussten wegen Mangels an Beweisen jedoch wieder freigelassen werden. Die Straßenbande bedankte sich im Internet: „Danke für die Promo, aber teuer vong Steuergeld her ...“

Heute haben die Gangster ihren Kiez auf die Bühne gestellt, eine Mauer samt den wilden Graffiti von Frost (von „ACAB“ bis „THC“) und einem Schild von „Imbiss bei Schorsch – das Original“. Mastermind Bonez MC cruist auf dem grünen Damenrad über die Bühne, Fahnenschwinger wehen ihre Flaggen, Hanfbäumchen werden vom Publikum zur Band vorgetragen, Gzuz füttert die erste Reihe mit Schnaps.

Mütter mit ihren Kindern schauen zu, wie Jungs und auch Mädels in der ersten Reihe jeden Satz mitrappen. Im Vergleich zu vielen Cloud-Rappern sind ihre Texte reich an Worten. Der Inhalt ihres Gangster-Narrativs lässt sich allerdings einfach destillieren: Die Jungs haben’s geschafft, aus dem Knast auf die große Bühne. Endlich haben auch sie eine Chance bekommen. Jetzt haben sie Geld, Drogen, Autos und Frauen, die sie auch in der selben Reihenfolge respektieren. Jugendschützer könnten sich nächtelang an stumpfsinnigen Gangster-Machismen die Zähne ausbeißen, aber das Blockbuster-Phänomen Straßenrap – und mit ihm auch 187 – findet auch heute noch Anklang bei der Jugend.

Zum Finale entern auch Bausa und Dardan ein letztes Mal die Bühne, verspritzen das restliche Wasser ans Publikum, wacheln T-Shirts und vermitteln ein Gefühl, das man von früheren HipHop-Jams kennt: Als alle anwesenden Rapper nach dem Konzert miteinander auf der Bühne freestylten und den Gemeinschaftsgedanken von HipHop zelebrierten. Auch wenn dieser im Falle der 187 Straßenbande zur Gangmentalität hochstilisiert wird, am Ende steht der große Zusammenhalt, der HipHop-Fans auch heute noch verbindet. Und ohne ihre vielen Fans hätten Bonez MC, Gzuz und Co ihre zweite Chance vielleicht nicht bekommen.

Wer die Straßenbande verpasst hat: Bonez MC kommt mit seinem Wiener Hawara RAF Camora am 17. August zum FM4 Frequency Festival nach St. Pölten. Gzuz präsentiert sein Solo-Album „Wolke 7“ am 5. Oktober im Wiener Gasometer.

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