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Boris Johnson und David Davis bei ihren Rücktritten

APA/AFP/Daniel LEAL-OLIVAS, APA/AFP/Ben STANSALL

ROBERT ROTIFER

Death of Two Clowns

Boris Johnson wollte die britischen Radfahrerinnen vor ausländischen Fernfahrern beschützen, aber man ließ ihn nicht. David Davis wollte lieber fotografiert werden als verhandeln. Zwei beleidigte Engländer und das Ende ihres persönlichen Brexit-Traums.

Von Robert Rotifer

Die britische Regierung demontiert sich also gerade Stück für Stück selbst. Erst ging EU-Austritts-Minister David Davis, dann Außenminister Boris Johnson. Und auf die Gefahr hin, dass der Verlauf jener galoppierenden Implosion diesen Text noch während des Schreibens überholt, gibt es zu beiden schon ein paar Dinge festzustellen:

Bluffen als Beleg der Blödheit

1) Es war nie leicht, einen britischen EU-Austritts-Minister wie David Davis ernst zu nehmen, der immer nur für die Gruppenfotos und die Pressekonferenzen nach Brüssel fuhr, insgesamt im letzten Jahr bloß vier Stunden mit dem EU-Chefverhandler Michél Barnier verbracht haben soll und – nach seinen Interviews und seinen Auftritten bei parlamentarischen Fragestunden zu schließen – nie die Energie oder intellektuelle Kapazität aufbrachte, sich mit den wesentlichen Details des Brexit auseinanderzusetzen.

Der noch am Morgen nach seinem mitternächtlichen Rücktritt im BBC-Interview mit banalen Gemeinplätzen um sich warf und meinte, man hätte gegenüber der EU nicht zu früh zu viel Konzessionen machen sollen, da solche Verhandlungen „bis zur letzten Woche, zum letzten Tag, zur letzten Stunde, zur letzten Minute dauerten.“

Nicht begreifend, dass ein Großbritannien, das bis zur letzten Minute mit „No Deal“ droht, ohne sich auf die für das eigene Land absehbar katastrophalen Konsequenzen eines solchen Szenarios vorzubereiten, ausschließlich im Beleg seiner unendlichen Blödheit glaubhaft erscheinen würde.

Theresa May hat sich mit ihren roten Linien, wie jener des Verlassens der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (was zum Beispiel die vom Befolgen europäischer Richtlinien abhängige Exportindustrie sinnlos gefährdet) oder des Ausstiegs aus Euratom, selbst jede Menge unnötige Eier gelegt. Doch man muss ihr eines zugutehalten: Ganz so dumm wie Davis ist sie nicht.

„A weird sense of power“

Aber wie gesagt, den haben sie ja auch in Brüssel schon längst wieder vergessen, er war ja eh nie da, also weiter zum Nächsten:

2) Es war nie leicht, einen britischen Außenminister ernst zu nehmen, dessen Standpunkt zum Brexit bei Briefings für ausländische Journalist_innen von Beamt_innen seines eigenen Ministeriums als irrelevant abgeschmettert wurde. Boris Johnson spielte ausschließlich für die Galerie der heimischen Presse, denn er hat nie was anderes gelernt.

Als er Ende der Achtzigerjahre als Brüssel-Korrespondent für den Daily Telegraph anheuerte, kreierte er mit seinen als Journalismus verkauften Fiktionen über vorgebliche EU-Vorschriften zum Geruch von Jauche oder die Klassifizierung von Nacktschnecken als Fische genau jenes Narrativ eines europäischen Schilda, von dem sich schließlich die Bewegung zum Brexit nähren sollte. Später, als Londoner Bürgermeister sprach er in einem BBC-Interview von dem „weird sense of power“, den er empfunden hatte, wann immer er aus Brüssel „Steine über die Gartenmauer warf“ und das „erstaunliche Krachen im Glashaus drüben in England“ vernahm.

In der von Johnson gewählten Allegorie ist es bezeichnenderweise ein Glashaus in England, und nicht Europa, das den Schaden an seinen journalistischen Lausbubenstreichen erleidet. Er wirft die Steine in den Garten der eigenen Familie, weil das erst richtig Spaß macht. Das war auch im Februar 2016 so, als er beschloss für den Brexit und gegen seinen Schulfreund David Cameron in die Schlacht zu ziehen. Zwei Tage davor hatte er, während er sich die für seine Karriere beste Strategie überlegte, eine Kolumne geschrieben, in der er für „Remain“ eintrat. Die Kernpassage darin ging so:

„Shut your eyes. Hold your breath. Think of Britain. Think of the rest of the EU. Think of the future. Think of the desire of your children and your grandchildren to live and work in other European countries; to sell things there, to make friends and perhaps to find partners there.
Ask yourself: despite all the defects and disappointments of this exercise - do you really, truly, definitely want Britain to pull out of the EU?”

Der Artikel blieb (bis er nach dem Referendum von einem Redakteur der Sunday Times ausgegraben wurde) in der Lade liegen. Kaum hatte er diese Sätze geschrieben, entschied Johnson sich nämlich dafür, besser doch nicht an Britannien, den Rest der EU, die Zukunft und die Begehren seiner Kinder und Enkel, sondern an sich selbst zu denken.

Viel wichtiger als all die anderen war schließlich sein persönliches Projekt, Premierminister zu werden. Sich an die Spitze einer populistischen Brexit-Kampagne zu stellen, die dann knapp verlieren, ihn aber für den innerkonservativen Machtkampf als die Stimme der unerschrockenen Patriot_innen etablieren sollte.

Es lief dann bekanntlich nicht so, weil Johnson die Wirkung seiner betrügerischen Versprechungen an das Wahlvolk (nicht zuletzt die berühmten 350 Millionen Pfund pro Woche für das von der eigenen Regierung kaputt gesparte Gesundheitssystem) unterschätzt hatte. Wir erinnern uns an seinen verdatterten, ratlosen Rückzug nach dem Referendum, ehe die in ihrem Instinkt zur Macht und deren Erhaltung noch zielstrebigere und besser organisierte Theresa May die grenzenlos fahrlässige, aber taktisch schlaue Idee hatte, Boris durch seine Ernennung zum Außenminister an sich zu fesseln.

Das zeigte damals bereits, dass auch ihr Britannien, der Rest der EU und die Zukunft weniger wert waren als ihre eigene Position. Denn sie musste wissen, dass jener Elefant im Porzellanladen, der Barack Obama wegen seiner „teils kenianischen“ Herkunft eine „angestammte Abneigung zu Britannien“ angedichtet hatte, sich nicht seinem neuen Amt zuliebe in einen verantwortungsvollen Diplomat verwandeln würde.

Stattdessen lieferte Johnson erwartungsgemäß jede Menge verbaler Ausritte in ehemaligen Kolonien (in Myanmar musste ihn der Chef der eigenen Delegation unterbrechen, als er beim Besuch der Shwedagon Pagode Rudyard Kiplings „Mandalay“ zu rezitieren begann, das Zeilen wie „Come you back, you British soldier; come you back to Mandalay!“ und „wastin’ Christian kisses on an ´’eathen idol’s foot: Bloomin’ idol made o’ mud / Wot they called the Great Gawd Budd” enthält). Und als Bonus schenkte er den Verhandlungspartner_innen in der EU die perfekte Metapher für den unmöglichen britischen Standpunkt zum Brexit: „Have your cake and eat it.“ Ein Satz, der in der britischen Kindererziehung seit Menschengedenken Einsatz findet, allerdings mit dem Vorsatz „You can’t...“

Bloß, dass Alexander Boris de Pfeffel Johnson eben in einer aristokratischen Welt aufwuchs, wo immer wieder neuer Kuchen auf dem Tisch stand, sobald er sich die Krümel vom Mund gewischt hatte. Verblüffenderweise hatte er genau dasselbe paradoxe Wortbild auch in seinem unveröffentlichten pro-EU-Artikel als Beschreibung der britischen Privilegien in der EU gebraucht: „Shouldn’t our policy be like our policy on cake - pro having it and pro eating it? Pro Europe and pro the rest of the world?“

Auch in seinem gestrigen Rücktrittsbrief war es wieder seine Wortwahl, in der der selbstverliebte Autor Boris Johnson am meisten über seinen Charakter preisgab. Die britischen Zeitungen stürzen sich heute auf seine Sätze über die enttäuschten Hoffnungen des Brexit „Dieser Traum liegt im Sterben, erstickt durch unnötige Selbstzweifel“, den verletzten Stolz des untergegangenen Empire „wahrlich steuern wir den Status einer Kolonie an“ und die martialische Passage: „Es ist so, als schickten wir unsere Vorhut mit über ihnen flatternden weißen Fahnen in die Schlacht.“

Boris, der Beschützer der britischen Radfahrerinnen

Viel interessanter ist aber Johnsons Abschweifen ins Anekdotische: „Tatsächlich scheint es so, als wären wir noch weiter zurückgewichen seit dem letzten Treffen in (der Landresidenz der Premierministerin) Chequers im Februar, als ich meine Frustration darüber beschrieb, wie ich als Bürgermeister von London versuchte, Radfahrer_innen vor Fernlastwägen zu beschützen. Wir wollten die Kabinenfenster tiefer legen, um die Sichtbarkeit zu verbessern. Und obwohl solche Modelle bereits auf dem Markt waren und es einen furchtbaren Schwall an Todesfällen vor allem weiblicher Radfahrerinnen gegeben hatte, sagte man uns, dass wir warten müssten, bis die EU ein Gesetz zu dieser Materie verabschiedet habe. Deshalb arbeiteten wir bei unserer vorigen Chequers-Sitzung eine ausführliche Prozedur zum Abweichen von EU-Vorschriften aus. Aber selbst das scheint jetzt vom Tisch zu sein, und es gibt tatsächlich kein leicht zugängliches Recht zur Initiative für das Vereinigte Königreich. Doch wenn der Brexit irgendetwas bedeuten soll, dann muss er doch dem Kabinett und dem Parlament die Chance geben, die Dinge anders zu machen, um die Öffentlichkeit zu schützen. Wenn ein Land nicht ein Gesetz verabschieden kann, um die Leben weiblicher Radfahrerinnen zu retten, auch wenn dieser Vorschlag auf jeder Ebene der britischen Regierung unterstützt wird, dann sehe ich nicht, wie sich dieses Land als wahrhaft unabhängig bezeichnen kann.“

Da steht so viel drin, das Johnson eigentlich nicht sagen wollte. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass die EU gerade dazu da ist, so Dinge wie Vorschriften für Fensterhöhen von Fernlastwägen, die per Definition Grenzen überqueren, auf transnationaler Ebene zu reformieren. Gerade weil eine einzelne Stadt, auch wenn sie London heißt, so etwas nicht bewirken kann.

Es fällt ihm auch nicht auf, dass das leicht zugängliche Recht zur Initiative gerade in der EU-Mitgliedschaft Großbritanniens bestand und logischerweise mit dem Austritt verschwindet.

Er begreift auch noch immer nicht, dass gerade das Abweichen von EU-Vorschriften die Möglichkeit des weiteren Handelns mit offenen Grenzen logisch ausschließt.

Und er wählt zur emotionalen Untermauerung – die unvermeidlich angeschlagene Taste auf dem rechtspopulistischen Gefühlsklavier – den Schutz gefährdeter, wehrloser Frauen. Britische Frauen auf Fahrrädern, bedroht von ausländischen Lastwägen, beschützt vom weißen Ritter Boris. Wenn man ihn denn nur ließe.

Immerhin: Endlich wieder ein Boris, über den man herzhaft lachen kann.

Aber am Ende ist das das existentielle Problem des Clowns. Lustig liegt so nah an lächerlich, und von lächerlich führt kein Weg mehr zurück.

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