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APA/AFP/GABRIEL BOUYS

Blumenaus WM-Journal

Willkommen im Intensitäts-Speicher

Das erste Halbfinale zwischen Frankreich und Belgien setzt Maßstäbe, was die Dichte eines Fußball-Spiels betrifft.

Von Martin Blumenau

Off-Topic-Beginn, obwohl Dunkerque/Duinkerke ja direkt an der französisch-belgischen Grenze liegt: ich habe gestern Abend Christopher Nolans Dunkirk nachgeholt, diesen in seiner Bedrohlichkeit und Unsicherheits-Verbreitung wahrhaft körperlich anstrengenden Anti-Kriegsfilm, der beschreibt, wie zivilgesellschaftliches Engagement ein von Populisten verursachtes Chaos bereinigt; und die Welt rettet.

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Dunkirk verströmt von Minute 1 an eine Intensität, die sich erst im hintersten Finale löst, eine Dichte, die dich umklammert wie das Babyafferl die Mama beim Sprung durch die Baumkronen. Ich hätte mir nicht gedacht, dass sich genau das keine 24 Stunden später in fast derselben Körperlichkeit wiederholt. Bei Frankreich gegen Belgien. Nicht dem schönsten oder besten, aber dichtesten Match dieser WM.

Um im Bild zu bleiben: die in sich besser verwobenere, also dichtere Mannschaft hat das Spiel gewonnen. Wobei aber ein paar Kleinigkeiten genügt hätten um Verlauf und outcome komplett zu drehen. Wie im Übrigen auch in Dünkirchen vor 78 Jahren.

Deshalb möchte ich das Spiel aus der Sicht des Verlierers beleuchten. Denn der Sieger, Frankreich, hat sich nicht bewegt, nur sein sehr dicht gewobenes System leicht verschoben.
Belgien unter Roberto Martinez hingegen hat riskiert, und bietet damit die interessantere Geschichte. Würde man das Spiel verfilmen, dann ist Martinez der Angelpunkt, bei dem die Details, die den Unterschied machen, zusammenlaufen.

Die Ausgangsposition:

Eigentlich kommen die Rode Duivels mit einer recht eingefahrenen Spielweise zur WM. Coach Martinez, ein lange in England tätiger Spanier (FA-Cupsieger mit Wigan mit Scharner-Paul) hat den strategisch unbrauchbaren Motivator Wilmots abgelöst, aber nie viel Finesse ins Spiel gebracht. Bei der Euro 2016 war Belgien mit Wilmots noch daran gescheitert, dass sie mit einem Rückstand nicht umgehen konnten und gegen eine Mannschaft, die sie taktisch ausgeschaut hatte, keine Mittel fanden. Diese Mittel hatte auch Martinez nicht; oder nicht gezeigt. Er ließ das in sich geschlossene, formidabel inszenierte 3-4-3 (defensiv ein 5-2-3) seine Dominanz verströmen, die sich in geschickter Kontrolle und noch gefinkelteren Tempogegenstößen gefiel. Sein Plan B war lange Zeit die Einwechslung von Körperspieler Fellaini; was nicht sehr viel ist an Variabilität.

Während der WM behielt Martinez sein System vier Spiele lang bei (im dritten Match, als er gegen England ein B-Team rausschickte, sah es ein wenig schief aus, war aber eine erkennbare Variante).

Dann, im Viertelfinale, als es gegen den ersten wirklich ernsthaften Gegner in einem entscheidenden Spiel ging, noch dazu gegen die überragenden Brasilianer, brach Martinez mit seinen Konventionen. Er überlegte sich etwas; eine eigens auf den Gegner zugeschnittene Strategie. Und die gewann ihm das Match.
Nicht nur weil sie völlig unerwartet kam. Sondern auch, weil sich Brasilien eben nie am Kontrahenten orientiert (das ist im Übrigen eine der Lehren dieser WM - auch die großen Ballbesitz-Teams werden das künftig beherzigen müssen).

Die Idee gegen Brasilien:

Martinez’ Viertelfinal-Strategie war komplex und stupend. Er ordnete einen Dauerwechsel zwischen einem 4-3-3 und einem 5-3-2 an, ließ den Rechten Außenspieler Meunier zwischen den Linien pendeln und schob den eigentlichen Außenspieler Chadli als zusätzlichen linken Sechser in eine Dreiereihe, die sich im Offensivfall aber schneller auflöste, als Neymar hinfallen kann. Außerdem zog Martinez seinen Center, den bärenstarken Lukaku auf die rechte Seite und ließ seinen defensiven Playmarker De Bruyne als falschen Neuner auflaufen.
Damit verschaffte er seiner Mannschaft in jeder Spielsituation eine personelle Überlegenheit - egal ob es um die Defensive, die Spielkontrolle oder den rasanten Gegenstoß ging.

Die Mannschaft von Tite war überfordert, reagierte strategisch erst sehr spät mit einer einzigen Maßnahme (Renato Augusto stieß ins bis dorthin unterbesetzte Zentrum nach) - das war zuwenig um das Spiel noch zu drehen.

Die Idee gegen Frankreich:

Ein Geniestreich, der durch die Anfangs-Formation des heutigen Abends noch übertroffen wurde. Oder besser: die Anfangs-Formationen.
Martinez hob das, was mittlerweile alle guten Coaches machen, nämlich einerseits eine Strategie für die Defensive, die in schnelles Umschaltspiel mündet, und andererseits eine Strategie für den Ballbesitz auszugeben, auf ein neues Level: er spielte de facto mit zwei verschiedenen Teams, wie beim American Football. Die Defensiv-Formation hatte mit der Offensiv-Formation kaum etwas zu tun.

Defensiv stand Belgien wieder in einem 4-3-3. Chadli hatte die Rolle des gesperrten Meunier rechts übernommen und rückte dort neben die Kette Alderweireld - Kompany - Vertonghen. Davor eine Dreier-Reihe mit Witsel - dem leicht vorgezogenen Fellaini im Zentrum und Dembele. Davor ein Dreierangriff mit De Bruyne rechts, Lukaku im Zentum und Kapitän Hazard links.

Offensiv wurde daraus ein 3-4-3, manchmal sogar ein 3-2-5. Mit der Dreierkette hinten, Witsel - Dembele davor und einer Offensivreihe mit Chadli ganz rechts, De Bruyne halbrechts, Lukaku in der Mitte, Fellaini halblinks und Hazard links außen. In weiterer Folge tauschten Fellaini und Hazard dann auch die Plätze.

Damit zog Martinez das Spiel 30 Minuten lang an sich - die Franzosen fanden kein Gegenmittel, verloren ihre Duelle und fast auch die Contenance. Hätte Belgien in dieser Phase die Führung erzielt (und die Chancen dazu waren vorhanden), dann wäre der Sieg sicher gewesen.

In den letzten 15 Minuten von Halbzeit 1 gelang es den bis dorthin fast schon panisch reagierenden Franzosen wieder in den Aktions-Modus zu kommen, mit einer gewaltigen kollektiven Anstrengung.

Die Wahrheit gegen Frankreich:

Ich gebe zu, ich weiß nicht genau warum, ich habe mehr auf die Belgier geachtet, aber es könnte damit zu tun haben, dass Fellaini im Verlauf der 1. Halbzeit aus seiner zentral vorgeschobenen Position immer mehr nach links wanderte, womöglich, weil ihm dort Pogba als Gegenspieler zu bissig wurde.
Und weil es die WM der Standards ist, und weil die Franzosen da eine Stärke haben, gelang die Führung, die wiederum Roberto Martinez zu einer fatalen Entscheidung drängte. Er beschloss sein Experiment abzubrechen und setzte Belgien mit der Einwechslung von Dries Mertens auf die Werkseinstellung zurück: 3-4-3 mit De Bruyne im Zentrum neben Witsel. Danach gelang seiner Mannschaft nicht mehr viel. Ja, Ballbesitz und Kontrolle; aber keine Druckphase, die wirkliche Angst verbreitete. In dieser Phase lebte das Spiel nur noch von seiner lauernden Spannung, und der Möglichkeit, dass irgendwem noch was auskommt - strategisch war es verloren. In der Nachspielzeit gab Martinez sogar eine ganze Flanke völlig auf und spielte mit einem gefühlten 3-4-4 ohne rechten Flügel, kopf- und planlos.

Was gegen Brasilien gut und richtig war wirkte gegen Frankreich nur bedingt. was auch damit zu tun hat, dass Deschamps Mannschaft mit einem unerwartet auftretenden Gegner besser zurechtkommt, weil jeder der Offensiv-Spieler für sich selber einige Rollen ausdefiniert hat. Im ersten Spiel der WM haben sie das über 70 Minuten vorgeführt.

Die zwei Lesarten:

Der Verlauf des Spiels lässt zwei Lesarten zu. Die eine Konklusion besagt, dass sich in entscheidenden, von Intensität getragenen Spielen die Mannschaft durchsetzt, die (oft nur gefühlt) bereits mehr große Momente durchlaufen hat; also der Favorit, der es gewohnt ist mit allem zurechtkommen zu müssen, sich keine Ausreden gönnen zu dürfen, aber auch das Wissen um die entsprechenden Kapazitäten hat. Diese These wird bei Anhängern einer Underdog-Philosophie ungern gesehen und - nur teilweise zurecht - als langweilige Bestätigung von Eliten und Privilegierten gesehen. Frankreich ist ein schönes Beispiel dafür: solange gehören Les Bleus nämlich noch gar nicht zur Nomenklatura der üblichen Verdächtigen. Und: sich dort zu bestätigen und zu halten ist ein hartes Geschäft.

Der andere Schluss besagt, dass es an der kleinen Mannschaft liegt sich dann, wenn Ressourcen oder Personal allein nicht genügen, sich mehr in Bereichen anzustrengen, die allen gleichermaßen zugänglich sind: Strategie, Denkarbeit etc. In the long run kann das zum Anschluss an die Weltelite reichen. Dass Belgien da ab spätestens jetzt dazugehört (und etwa die Niederlande ablösen konnte) wird niemand bestreiten. Ein EM-Titel etwa ist in Griffweite. Die noch fehlenden Körner, was Gipfel-Erfahrung betrifft, liegen schon bereit aufgepickt zu werden.

Und es ist die greifbare Intensität eines Spiels, die eine solche Erfahrung der Weltklasse angemessen zu speichern versteht.

Achtelfinale
AF1: Frankreich - Argentinien 4:3 Review
AF2: Uruguay - Portugal 2:1 Review
AF3: Spanien - Russland 1:1 - 3:4 i.E. Review
AF4: Kroatien - Dänemark 1:1 - 3:2 i.E. Review
AF5: Brasilien - Mexiko 2:0 Review
AF6: Belgien - Japan 3:2 Review
AF7: Schweden - Schweiz 1:0 Review
AF8: Kolumbien - England 1:1 - 3:4 i.E. Review
Viertelfinale
VF1: Frankreich - Uruguay 2:0 Review
VF2: Brasilien - Belgien 1:2 Review
VF3: Schweden - England 0:2 Review
VF4: Russland - Kroatien 2:2 - 3:4 i.E. Review
Semifinale
SF1: Frankreich - Belgien 1:0 Review
SF2: England - Kroatien 1:2 Review
Spiel um Platz 3
Belgien - England 2:0 Review
Finale
Frankreich - Kroatien 4:2 Review

Aktuell:

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