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CC BY-SA 3.0, Roman Klementschitz via Wikimedia Commons

Lukas Beck

In der Provinz ein Prinz

Mit „Der Räuber“ hat Martin Prinz einen atemraubenden Roman geschrieben. Jetzt ist sein neues Buch erschienen. Das heißt „Die unsichtbaren Seiten“, erzählt von den Sienbziger Jahren in der Provinz und ist ein Gegenprogramm zu „Wickie, Slime und Paiper“.

Von Maria Motter

L’Ennui, die Langeweile, ist ein literarisches Motiv. Das haben wir letzte Woche beim Bachmannpreis gelernt. Und Langeweile ist durchaus super, wenn man in den ersten Sommerferien am Land gelandet ist. Ob in Traisen oder einem Ort in der Provence. Binnen weniger Minuten zaubert der Kopf einem dann Hirngespinste. Der Blick fällt auf irgendein kleines, krabbelndes Getier, das einen vor die erste Entscheidung stellt: erschlägt man es oder schaut man ihm weiter wie paralysiert zu? Wenn keine Nachbarskatze in Sicht ist, hat man im Idealfall mehr als ein Buch dabei.

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CC BY-SA 3.0, Roman Klementschitz via Wikimedia Commons

Die Hauptfigur in Martin Prinz’ Debütroman „Der Räuber“ könnte in einer solchen Situation einfach lossprinten: Als „Pumpgun-Ronnie“ macht da ein Bankräuber Schlagzeilen, bei den Überfällen trägt er eine Maske des 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan. Die nervenaufreibende Geschichte des Marathonläufers und Verbrechers wurde mit Andreas Lust in der Hauptrolle verfilmt. Die Banken auf dem Land allerdings haben ihre Filialen längst geschlossen und montieren den letzten Bankomaten ab. Damit sind wir in der Stimmung für das neue Buch von Martin Prinz: Es trägt den Titel „Die unsichtbaren Seiten“ und setzt sich aus autobiografischen Anekdoten zusammen.

Der Autor Martin Prinz

Lukas Beck

Martin Prinz

Der König von Lilienfeld

Gleich zu Beginn ein großer Auftritt für einen eingebildeten König: „Der König von Lilienfeld“ spricht von sich in der dritten Person Singular, dann wieder ist er ein Ich-Erzähler. Der Großvater mütterlicherseits des Autors war Bürgermeister und das färbte auf den Enkel ab. Die Welt, sie teilte sich nicht nur politisch in Schwarz und Rot. Zu „Konsum“ geht die Familie in Ausnahmefällen, für die proletarische Großelternseite geniert sich der kleine Prinz, der im Gymnasium zum ersten Mal von anderen als „der kleine Prinz“ tituliert wurde. „Ohne Sohn oder Enkel zu sein“.

Zwei Dinge macht Martin Prinz deutlich: Standesdünkel abzulegen, fällt schwer. Und die uns verwandtschaftlich nächsten Menschen kennen wir in vieler Hinsicht viel zu wenig. Mit „Die unsichtbaren Seiten“ unternimmt der Autor eine autobiografische Erkundung der Orte seiner Kindheit, Jugend und der eigenen Erinnerung vor. Weit mehr als er über sich preisgibt, erzählt er über seine Verwandtschaft.

Es bleibt beim Versuch

An den ausgezeichneten Roman „Der Räuber“ kommt das neue Buch nicht heran. Zu deutlich wird, dass hier jemand einen Versuch unternimmt. Die große Geschichte im Persönlichen widerzuspiegeln oder sie gegenzulesen führt zu keiner größeren Erkenntnis. Martin Prinz hält fest, dass er sich für von klein auf Rangordnungen und Machtverhältnisse interessiert hat. Er zoomt in die österreichische Provinz der Siebziger und Achtziger Jahre. In Niederösterreich zwischen Lilienfeld und Traisen ist er aufgewachsen und dort bewegt er sich in Erinnerungen und in der Gegenwart.

Buchcover "Die unsichtbaren Seiten"

Insel Verlag

Martin Prinz: „Die unsichtbaren Seiten“ ist im Insel Verlag erschienen. Hier kann man hineinlesen und hier liest der Autor den Beginn.

„Am Platzl, dem historischen Zentrum unterhalb des Stiftseingangs, fehlt das Papier- und Buchgeschäft, der Schuhhändler, der Greißler, die Eisenwarenhandlung, das Sportgeschäft, der Uhrmacher und die Post. Verschwundene Geschäftsfassaden, zugemauerte Auslagen, ins Leere starrende Hausfronten“, so malt Prinz eine Ansicht, die doch ungezählte österreichische Kleinstädte porträtiert. „Das ist das Heute, doch vermutlich ist das erstickende Gefühl nur eine Ablenkung vor einer ganz anderen Unheimlichkeit solcher Erinnerungen und Rückblicke. Es ist die hauchdünne Haut von Gegenwart, die ich in Lilienfeld stets so nah wie nirgendwo anders spürte.“

Damit ist „Die unsichtbaren Seiten“ ein Kontrastprogramm zu Erinnerungs-Kitsch wie „Wickie, Slime und Paiper“. Allerdings: Unbeschwertheit und Fröhlichkeit sucht man in diesen Erzählungen vergebens. Zu angestrengt reflektiert Prinz über den Wahrheitsgehalt von Erinnerung. Das Nachdenken über autobiografisches Schreiben beim Schreiben - es ist nichts Neues. Anderes wäre wesentlich spannender gewesen, allen voran der beengende, stellenweise unheimliche Grundton, der jedoch keine Auflösung findet.

Die interessantesten Seiten sind jene, in denen Prinz die Biografie seiner Großmutter väterlicherseits skizziert. „Von der Traisner Großmutter, die ihren Mann um beinahe 20 Jahre überlebte, wollte ich auch später möglichst weniges wissen“, schreibt Prinz am Beginn des Exkurses, der Stoff für einen eigenen Roman böte. Der Vater der Großmutter, die dem Enkel antisemitische Reime aufzählt, war ein zaristischer Soldat im Ersten Weltkrieg, ihre Mutter eine österreichische Bauerntochter. Doch Prinz belässt es bei dem Aufzählen der Lebensstationen. Vielleicht wird das doch noch ein Roman? Vielleicht aber auch nicht.

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