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Putin und FIFA-Chef Gianni Infantino

Alexey NIKOLSKY / SPUTNIK / AFP

Russlands große PR-Inszenierung

Bei der Fußball-WM in Russland sind Bilder von friedlichen, fröhlichen Fans um die Welt gegangen. Russland hat sich als weltoffenes Land inszeniert. Aber wie steht es mit Demokratie und Menschenrechten? Susanne Scholl im Interview.

http://Von Irmi Wutscher

Die WM geht ihrem Ende zu, mit dem Spiel um Platz drei und natürlich dem Finale Frankreich gegen Kroatien am Sonntag.

Debatte auf orf.at

Konnte der russische Präsident Wladimir Putin das Image seines Landes aufpolieren? Und welche Rolle spielte die Politik in der WM?

Mitdiskutieren kann man hier.

Sie geht auch zu Ende mit sehr viel Lob für Ausrichtungsland Russland. Bilder gehen um die Welt von fröhlichen Fans im Stadion und beim Feiern – aber keine von Hooligans oder Schlägereien. Viele Trainer und Mannschaften haben in Interviews die tolle Organisation erwähnt.

Russland hat sich als positiv und weltoffen darstellen können. Aber was steht hinter diesen schönen Bildern?

Im FM4 Studio hat uns die frühere ORF-Russland-Korrespondentin und -Auskennerin Susanne Scholl dazu Fragen beantwortet.

Russische Fußballfans

OLGA MALTSEVA / AFP

Die WM ist ein Erfolg für Russland heißt es überall, das Land hat sich von seiner besten Seite zeigen können. Oft gelobt wurde, dass die Fans ungestört feiern konnten – auch auf der Straße. Warum ist das für Russland so ungewöhnlich, wird so etwas sonst sofort unterbunden?

Ich bin mir ziemlich sicher, man hat einfach Zonen geschaffen, in denen die Leute sich betrinken und sonst alles tun konnten. Wobei das sicher intelligent gemacht war, sodass man erstens verhindert hat, dass es irgendwelche Schlägereien gibt. Da greift die russische Polizei traditionell sehr schnell und sehr massiv durch. Und zweitens hat man sich so liberal gezeigt. Und gezeigt: Wir sind ja gar nicht so, wie man immer glaubt.

Gibt es nicht eigentlich ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen? Drückt man dann für Touristen ein Auge zu?

Das Alkoholverbot, das sind immer wieder Versuche, die Trinkgewohnheiten der Russen zu ändern. Das funktioniert nie und das nimmt auch keiner besonders ernst. Und ja: Für zahlende Touristen drückt man sowieso ein Auge zu.

11freunde zu Rassismus im russischen Fußball.
Die Antirassismus-NGO FARE zur WM in Russland

Eine andere Befürchtung waren rassistische Ausfälle der Fans. Die Berichterstatter der Antirassismus-NGO FARE konnten – zumindest während der WM – keine berichten. Es gab sogar einen Anti-Rassismus-Inspektor der FIFA. Was halten Sie davon – alles für die Inszenierung? Und kann man russischen Fußballfans wirklich so pauschal Rassismus unterstellen?

Zur letzten Frage: Ja, kann man, da hat man Erfahrungen. Ich habe auch eine persönliche Erfahrung: Meine Tochter hatte, als wir dort gelebt haben, einen Mathematik-Nachhilfelehrer, der aus Guinea-Bissau war, und der ist mehrmals von Fußball-Rowdys zusammen geschlagen worden. Die Russischen Fanclubs sind schon bekannt dafür, dass sie rassistisch sind. Das andere ist natürlich glatte Heuchelei: Weil von den obersten Rängen der russischen Politik hinunter bis in die Niederungen sind Rassismus, Homophobie, Sexismus und Frauenfeindlichkeit absolut salonfähig. Antisemitismus sowieso. Das ist eine Inszenierung für die Welt, die zu Gast ist.

Und für die FIFA. Die immer auf das Fairplay pocht.

Naja die FIFA. Die pocht auf Vieles.

Wie gut konnte Russland die WM sonst nutzen, um sein Bild vor allem im Westen aufzupolieren?

Ich habe den Eindruck, dass man vor allem die Fußballstadien gesehen hat und dort herrschte ein strenges Regime, damit nur ja nix Komisches über die Fernsehsender geht. Im Übrigen hat man die Berichterstatter, die aus Europa hingekommen sind und nicht russisch sprechen etc., sehr gekonnt in bestimmte Schienen gelenkt, sodass sie nicht sehen, was außerhalb ist. Dieses Bild von Russland: Putin ist der große Papa, der macht eh alles und will Russland öffnen – dieses Bild möchte der Westen ja. Weil das einfacher ist und man sich um nix kümmern muss. Aber Russland ist ein autoritäres Regime, das mit all den Werten die für uns für Demokratie stehen, eigentlich gar nichts anfangen kann und daran ändert auch eine Inszenierung wie eine Fußball-WM nichts.

Putin und FIFA-Chef Gianni Infantino essen Kuchen im Kreml

Alexei Druzhinin / Sputnik / AFP

So eine Inszenierung spielt sich ja vor allem auf der Bildebene ab – ich denke da an eine Szene, wo FIFA-Chef Gianni Infantino im Kreml bei Putin sitzt und Kuchen und Erdbeeren von so kleinen Etagèren isst. Die beiden bestätigen sich gegenseitig, wie toll sie sind. Eine perfekte Inszenierung. Welche Bilder sind Ihnen aufgefallen?

Ich gestehe, dass ich kein großer Fußballfan bin und nicht so viel geschaut habe. Aber ja: Das ist eine typische Inszenierung! Putin lässt sich gerne vor diesem ganzen Glamour im Kreml filmen. Er empfängt auch gerne wie der Zar Menschen und ist huldvoll. Das ist eine bekannte Inszenierung, das macht er von Zeit zu Zeit auch mit seinen Ministern, wo das dann schon ins Lächerliche geht.

Gründe, warum man solche Sportgroßereignisse an demokratisch nicht einwandfreie Länder vergibt, lauten immer: Die große Öffentlichkeit bringt etwas für die Lage der Menschenrechte in diesem Land. Können Sie da irgendwas beobachten? Es gab ja schon die Olympischen Spiele in Sotschi mit dem gleichen Argument.

Im Gegenteil! Sotschi hat dazu gedient, dass im Windschatten der Konflikt mit der Ukraine ausgetragen und die Krim besetzt wurde. Ich halte eigentlich gar nichts von dieser Behauptung, dass man damit den Menschen hilft. Ich hab das mehrmals beobachtet: Das fängt an in Südafrika und hört auf in Russland. Es bringt einer ganz kleinen Minderheit von Menschen, die dort leben, vielleicht ein paar finanzielle Vorteile. Es bringt den Menschen insgesamt gar nichts - im Gegenteil: In den Regionen, wo die Stadien gebaut wurden, wurden Menschen enteignet und sind die Preise auch so gestiegen, dass die Leute sich die Wohnungen jetzt nicht mehr leisten können. Es ist also das Gegenteil der Fall und ich bin eigentlich eine strikte Gegnerin dieser Politik, Diktaturen zu belohnen, indem man ihnen solche Verdienstmöglichkeiten zuschanzt.

Während der WM-Euphorie hat Putin unpopuläre Maßnahmen durchgesetzt: die Mehrwertsteuer soll erhöht werden, was niedrige Einkommen am stärksten trifft. Es soll eine Erhöhung des Pensionsatrittsalters kommen. Demos gab es in der Peripherie, es sind – offiziell wegen der WM – keine in den großen Städten zugelassen, schon gar nicht in der Nähe internationaler Fernsehteams…

Ja, das ist eine wunderbare Ausrede!

Wie wird das nach der WM weitergehen?

Das wird so weitergehen. So war das ja schon vor der WM: Dass man alle Demonstrationen, die Putin am Image Putins kratzen können, nicht gern gesehen und auch verboten hat. Und zum Teil auch mit brutaler Gewalt niedergeschlagen hat.

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