FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Christine Nöstlinger im Radio FM4 Doppelzimmer bei Elisabeth Scharang

Radio FM4

„Ich bin aus Langeweile Schriftstellerin geworden“

Anlässlich des Todes von Christine Nöstlinger hier ein Gespräch von Elisabeth Scharang mit der Autorin aus dem Jahr 2006

Heute Freitag, den 13.7.2018, erreichte uns die Nachricht vom Tod einer der wichtigsten Autorinnen des Landes. Im Jahr 2006 traf Elisabeth Scharang Christine Nöstlinger zum ausführlichen Gespräch im FM4 Doppelzimmer. Das File aus dem Archiv sowie die Webgeschichte von damals haben wir an dieser Stelle wieder hervorgeholt.

Dieses Element ist nicht mehr verfügbar

Von Elisabeth Scharang

Um halb sieben hat der Wecker geläutet. Mitten in der Nacht. Ich habe mir damals das Zimmer mit meiner Schwester geteilt. Die Stimme aus dem Radio war der einzige Trost in dieser grausamen Morgenwelt, die den Schultag einläutete. Blechern, elektronisch verzerrt, wie man das heute nicht mehr machen würde. Mit Haaren auf den Zähnen und Rollschuhen auf den Füßen und einem Spruch, der sogar mir Morgenmuffel den Anflug eines Lächelns entlockte: Dschi Dschei Wischer, dieses absurde Phantasiegebilde aus dem Radio, das Ende der 70er Jahre Kultstatus erlangte.

Ich war davor schon mit anderen Kreationen der Autorin Christine Nöstlinger bekannt gemacht worden. Eines meiner ersten Bücher war die Geschichte der feuerroten Frederike. „Damals war es ein Problem, wenn in einem Kinderbuch einer den anderen als Trottel beschimpft hat“, erinnert sich Christine Nöstlinger. „Die Kinderbeauftragten habe sich am Anfang sehr über meine Sprache mokiert. Sie wollten Bücher, in denen Kindern vorgeschrieben wird, wie sie zu sein und wie sie zu sprechen haben. Aber Kinder sind ja nicht blöd.“

Christine Nöstlinger war ein Papakind. Der politisch links eingestellte Uhrmacher war unter den Austrofaschisten verfolgt und unter den Nazis zum Militär zwangsverpflichtet worden. Aber die wenige Zeit, die Klein-Christine mit ihrem Vater verbracht hat war prägend. „Er war meine Vertrauensperson, hat mir Geschichten erzählt, später als Teenager haben wir über Philosophie und Literatur geredet. Meine Mutter hab ich immer für etwas beschränkt gehalten. Die hat gemeckert und versucht, aus mir eine Gutbürgerliche zu machen; mit Klavierstunden und so.“

Christine Nöstlinger im Radio FM4 Doppelzimmer bei Elisabeth Scharang

Radio FM4

Christine Nöstlingers Kindheitserinnerungen finden sich in vielen ihrer Bücher; sie erzählt darin über das Unverständnis für die komische Welt der Erwachsenen, die Erfahrungen mit Außenseitertum und Kinderbanden.

Nachdem sie die Ausbildung als Grafikerin abgebrochen hatte - „Ich mach nur das, was ich gut kann. Sonst fehlt mir die Motivation. Und gezeichnet hab ich nur mittelmäßig.“ - bekommt sie ziemlich rasch zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern. Und wird Hausfrau. „Ich hab mir das zwar nie vorgestellt für mein Leben, aber so war es dann eben! Aber ich habs nicht lange ausgehalten.Hätte ich noch länger Häkeldeckchen hergestellt, wär ich verrückt geworden. Als hab ich begonnen, zu schreiben.“

Ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht sie 1970. In Deutschland wird es ein großer Erfolg, in Österreich reagiert man vorerst verhalten. „Alle österreichischen Autoren haben damals in Deutschland ihre Bücher veröffentlicht. Und wie dann die erste Auszeichnung da war, gabs auch in Österreich gute Kritiken.“

Christine Nöstlinger bezeichnet sich als Auftragsschreiberin und hat nur ironische Worte für das Künsterklischee, das sie von einigen ihrer männlichen Kollegen kennt. „Die große Angst vor dem weißen, leeren Blatt Papier halt ich für sehr übertrieben. Und bei uns zu Haus habe ich meine Bücher geschrieben und nebenher Butterbrote geschmiert für meine zwei Töchter und deren Freunde, oder einen Hosenzipp eingenäht. Vielleicht war mir dieser normale Alltag auch wichtig, weil ich mir damit einen gewissen Erfolgsdruck erspart hab, denn ich hätte immer sagen können: Eigentlich schreib ich ja meine Bücher nur so nebenbei.“

Heuer wird Christine Nöstlinger 70 Jahre. Sie arbeitet nicht mehr ganz so viel wie früher, „aber ich hab immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich einen Nachmittag lang herum sitz und das Zeit-Kreuzworträtsel löse. Das hat mir meine Mutter eingetrichtert: A Frau, die was nix arbeit, die is zu nix guat. Auch wenn ich diesen Satz hasse, bekomme ich ihn nicht aus dem Kopf!“ Sie grinst, lehnt sich zurück und zündet sich eine Zigarrette an.

„Man kommt nicht als Ungustl auf die Welt. Wenn da so etwas in einer Sandkiste sitzt, das nur darauf wartet, einem anderen Kind den Sand mit der Schaufel ins Gesicht zu schleudern, ist das ein Produkt der Eltern. Ich mag ja viele Kinder nicht."
(Christine Nöstlinger in einem Interview im "Profil“ über „böse“ Kinder)

mehr Doppelzimmer:

Aktuell:

Werbung X