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Occupy Wall Street

EPA/ JUSTIN LANE

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Eine unverständliche Anleitung

Der Occupy Wall Street Aktivist Micah White will in seinem Buch „Die Zukunft der Rebellion“ erklären, wieso Proteste wirkungslos sind und scheitert dabei kläglich.

Von Ali Cem Deniz

Wenn ein Buch den Untertitel „Eine Anleitung“ trägt, darf man davon ausgehen, dass es zumindest verständlich geschrieben und gut aufgebaut ist. Doch Micah White scheint unter einer Anleitung etwas anderes zu verstehen.

Der Aktivist blickt zunächst romantisch auf die Occupy Wall Street Bewegung zurück. Er erzählt von den vorzüglichen Volksküchen und der Energie der Demonstrierenden. Es ist bemerkenswert, dass sich Micah White detailliert an diese Zeit erinnern kann, denn tatsächlich war der Aktivist zu diesem Zeitpunkt nicht in New York, sondern in Kalifornien, wo er als inoffizieller Medienvertreter der Bewegung zahlreiche Interviews gab. Seine Reminiszenz liest sich über weite Strecken wie das Tagebuch eines idealistischen, aber etwas verwirrten Teenagers.

Das Ende des Protests

Doch auf den mehr als 300 Seiten bietet der Autor mehr als seine Memoiren. Er hat eine These und die ist relativ simpel. Proteste sind in der heutigen Welt wirkungslos. Egal wie viele Menschen mitmachen.

Occupy Wall Street

EPA/ JUSTIN LANE

Die Occupy Wall Street-Demo am Union Square im November 2011

Micah White, der nicht nur bei Occupy, sondern auch bei den Anti-Irakkrieg-Demos dabei war, glaubt, dass die Demonstrationen aus einem Grund nicht erfolgreich waren: Demokratische Staaten sind nicht unbedingt auf die Zustimmung ihrer Bürgerinnen und Bürger angewiesen. Sie können sich auch mit Unterdrückung an der Macht halten. Das ist eine der seltenen Erkenntnisse in diesem Buch - wenn auch keine neue.

Kuriose Übersetzung

Micah White sieht das anders. Er scheint gerade zu bessessen zu sein von dem „Ende des Protests“. Es gibt kaum eine Seite in diesem Buch, wo es nicht um das „Ende des Protests“ geht - im amerikanischen Original heißt das Buch sogar „The End of Protest“.

Das dürfte eine Anspielung auf den einflussreichen neoliberalen Autor Francis Fukiyama und dessen Bestseller „End of Times“ sein. In der Übersetzung „Die Zukunft der Rebellion“ geht das natürlich verloren. Davon abgesehen sind Rebellion und Revolution unterschiedliche Dinge.

Cover des Buchs "Die Zukunft der Rebellion" von Micah White

Blumenbar Verlag

„Die Zukunft der Rebellion. Eine Anleitung“ ist von Micah White ist in der Übersetzung von Helmut Ettinger im Blumenbar Verlag erschienen.

Am besten müsste das eigentlich Übersetzer Helmut Ettinger wissen. Er war in seinem früheren Leben der Chef-Dolmetscher von Erich Honecker, der als Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands jahrelang die DDR anführte. Ettinger hat schon damals mit einer falschen Übersetzung von Michail Gorbatschow für Schlagzeilen gesorgt.

Matriarchat, Frühchristen und Protest-Bots

Doch zurück zu Micah White und seiner Revolution, die er größtenteils vage definiert. Eine von Frauen angeführte anarchistische Weltpartei könne eine globale und historische Transformation bewirken. Wie? Tja, das müssen die Leserinnen und Leser selbst herausfinden.

Whites Buch ist keine Anleitung, sondern im besten Fall eine Inspiration. Davon scheint der leidenschaftliche Aktivist selbst eine Menge zu haben. Er springt vom anarchistischen Matriarchat zu den Frühchristen und ihrem Kampf gegen das Römische Reich und von dort zu Protest-Robotern, die in Zukunft menschliche AktivistInnen ersetzen könnten.

Klingt absurd? Nicht, wenn man hoffnungslos versucht, die wirren Gedanken des Micah White zu entschlüssen. Denn dieser Aktivist könnte problemlos von einem Roboter ersetzt werden und niemand würde einen Unterschied bemerken.

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