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James Brown

CC BY-SA 2.0 / flickr / Comunicom.es

fm4 excursions

Die legendärsten Drum-Breaks

FM4 Excursions, Episode 5, Liner Notes: HipHop und Drum & Bass stehen auf den Schultern vergessener Schlagzeuger. Ihre Drum-Breaks bilden das rhythmische Rückgrat eines jeden Beats. Daher sind Songs wie „Funky Drummer“, „Amen Brother“ und „Apache“ auch die meist gesampelten Stücke der Musikgeschichte.

Von Florian Wörgötter

FM4 Excursions

Bunt gemixte Assoziationsketten zeigen die Wurzeln aktueller Sounds und ihre Einflüsse auf die musikalische Jetztzeit. Die Excursions-Themen-Mixtapes von Trishes laufen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ab 0 Uhr und im Anschluss für 7 Tage im FM4 Player. Ein Klick auf die Links der beschriebenen Songs führt zu ihrer Position im Mix.

Titelbild: CC BY-SA 2.0

Nachdem die FM4 Excursions bisher die Wurzeln der Melodien elektronisch produzierter Musik aufspürten, widmen wir Episode 5 dem Rhythmus der Schlagzeuger.

Ihre sogenannten Drum-Breaks, also kurze Schlagzeug-Solo-Lichtblicke, leihen sich Produzenten für das rhythmische Fundament ihrer Beats. Manche werden eins zu eins in Endlosschleife gesetzt, manche werden seziert, neu arrangiert oder mit anderen Einzelteilen kombiniert. Im Drumcomputer oder Sampler werden sie mittels Pads und Fingern auch ohne Schlagzeug neu eingespielt. Alles ist möglich, doch eins ist fix – wie es schon im Song „Arturiana“ heißt: „Leude, Leude, ich sach’s euch: Das Geheimnis 
liegt im Schlachzeuch!“

Funky Drummer: Give the Drummer some

Einer der Architekten des HipHop-Beats der 1980er war „Godfather of Soul“ James Brown – genauer gesagt, sein Drummer Clyde Stubblefield. Dessen kurzes Solo in „Funky Drummer“ (1969) war für HipHop, was im Jazz ein Standard ist oder im Reggae ein „Riddim“ – eine feste Säule der musikalischen Ästhetik, auf der unzählige Produzenten ihren persönlichen Beat aufbauten.

Clyde Stubblefield

CC BY 2.0 / flickr.com / Paul VanDerWerf

Clyde Stubblefield CC BY 2.0

Die Aufnahme von „Funky Drummer“ klingt nach einer organisch gewachsenen Jam-Session. Jeder Musiker probiert sich aus, bis James Brown zum Drum-Solo aufruft: „1, 2, 3, 4 – get it!“ Acht Takte lang leuchten alle Lichter auf Stubblefields Schlagzeug-Groove, vier davon unterbricht Brown mit der rhetorischen Frage: „Ain’t it funky?“. Genau diese freistehenden Schlagzeug-Passagen sind das Gold, wonach Sample-Freaks suchen. Auch wenn es im Hintergrund knarrt, krächzt oder schnauft, das im Loop gebannte Schlagzeug wird zum Taktgeber sämtlicher elektronisch produzierter Musik.

Clyde Stubblefields „Funky Drummer“ zählt zu den meist gesampelten Drumloops der Musikgeschichte. Die Webseite whosampled.com nennt aktuell 1.453 Songs, in denen er den Rhythmus angibt. Darunter Popstars wie Prince, Mariah Carey und New Kids On The Block. Doch sie ahmten nur nach, was ihnen HipHop-Produzenten in den 1980ern vorlegen: Sampling. Eine Kurz-Doku aus dem Jahr 1988 offenbart HipHops revolutionäres Potenzial für die damalige Musikindustrie.

Trishes zeigt in seinem Mix einen Bruchteil der Evolutionsgeschichte des lange verstaubten „Funky Drummer“. Die britischen Sample-Pioniere Coldcut versammeln in ihrem Debüt-Mashup „Say Kids What Time Is It?“ (1987) alles, was nicht bei drei aus dem Sampler springt. Mit dabei auch „Jungle VIP“ King Louie, der Affenkönig aus Disney’s Dschungelbuch, der über James Browns „Funky Drummer“ gesteht, dass er gerne etwas menschlicher wäre („Ain’t it funky“).

Die bizarren Ultramagnetic MC’s rund um „Dr. Octagon“ Kool Keith huldigen Clyde Stubblefield mit dem Titel „Give the Drummer Some“ (1988). Außerdem hören wir in dem Song Kool Keiths Satz „Change my pitch up, smack my bitch up“, mit dessen Anleihen The Prodigy im Jahr 1997 die Charts breaken.

Funky Drummer Noten

http://groovelibrary.blogspot.com

HipHops Protestpartei Public Enemy vertont mit „Funky Drummer“ und wilden TR-808 Bässen einen ihrer zahlreichen Slogans „Fight The Power“ (1990) gewohnt lärmend. Und auch Trent Reznor und seine Nine Inch Nails lassen sich in „Piggy“ (Nothing Can Stop Me Now) (1994) davon inspirieren. Nur Mr. Funky Drummer Clyde Stubblefield fühlt sich von James Brown für seine Arbeit keineswegs gewürdigt.

Public Enemy

CC-BY-SA 3.0 / Mika Väisänen

CC-BY-SA 3.0 / Mika Väisänen

Amen-Break: God is a Drummer

Ein wichtiger Impulsgeber für HipHop-Produzenten in Sachen Drumloops-Quellen waren die Ultimate Breaks and Beats-Compilations (1986–1991). Auf 25 Schallplatten erschien ausschließlich Musik mit freistehenden Drum-Breaks – so auch „Funky Drummer“ (1986) – , die unmittelbar fleißig in neue Beats umgesetzt wurden. Auf der ersten offiziellen Platte der Quellensammlung rotiert ein Song, der als „Amen Break“ noch Karriere(n) machen wird.

Wer einmal auf einer Tanzfläche stand, hat sich mit höchster Wahrscheinlichkeit schon zum Rhythmus des stilbildenden „Amen Brother“ (1969) bewegt. Wie das Amen im Kirchengebet, hat auch dieses Break seinen Fixplatz im Herrgottswinkel namhafter Jungle- und Drum & Bass-Produzenten. Seine Urheber, die Funk’n’Soul-Combo The Winstons, hatten bis Mitte der Neunzigerjahre allerdings keine Ahnung, welche Revolution sie mit ihren vier Takten Solo-Schlagzeug ausgelöst hatten.

Das bereits mit einem Tempo von 130 Beats pro Minute sehr schnell gespielte Schlagzeug wurde von Drum & Bass-Produzenten am Plattenspieler auf das maximale Tempo (= 175 BpM) hochgepitcht. So entstand die Durchschnittsgeschwindigkeit von Drum & Bass.

Trishes spielt als Anschauungsmaterial den britischen DJ Shy FX und seinen Jungle-Tune „Original Nuttah“ (1994). Auf dem sich überschlagenden Amen-Break toastet UK Apache sein Gangster-Patois im Ragga-Gewand, einem weiteren Grundpfeiler von Jungle. Weiters folgt The Dream Team mit ihrer Drum & Bass-Version „Sta Warz“ (1997). Später im Mix hören wir noch The Prodigy und ihre Big Beat-Hymne „Poison“ (1995), das neben dem Amen-Break auch den weit verbreiteten Drum-Groove von „It’s a new day“ (1973) der Funk-Band Skull Snaps verwendet, dem Trishes auch ein Kapitel widmet.

The Prodigy

The Prodigy

Die Theorie geht aber so weit, dass D&B-Produzenten erst bei N.W.A. über das Drum-Sample gestolpert sind. Die Gangster-Rap-Pioniere Niggas With Attitude machen mit ihrem Signature-Song „Straight Outta Compton“ (1988) klar, wo die wirklich wilden Kerle wohnen. Wenn man so will, hat Producer Dr. Dre mit seinem entschleunigten Einsatz des Amen-Breaks auch dem Drum & Bass seinen Stempel aufgedrückt.

Obwohl sich viele Bands mit dem Drumloop eine goldene Nase verdienen, verstirbt sein Schlagzeuger Gregory C. Coleman obdachlos, weil kein Musiker von The Winstons jemals Tantiemen erhalten hat. Die späte Gerechtigkeit: Eine Crowd-Funding-Kampagne im Jahr 2015 entschädigt zumindest Sänger und Saxofonisten Richard L. Spencer mit einer Summe von 24.000 Dollar. Ein symbolischer Betrag angesichts der aktuell 2.919 Zweitverwertungen. Hier ist nachzusehen, welche Tantiemen theoretisch noch offen wären.

Apache: HipHop’s Nationalhymne

Der Klassiker „Apache“ muss erst mehrfach wiedergeboren werden, um zur vielzitierten Hymne von DJs, MCs und B-Boys zu werden. Komponiert wurde „Apache“ 1954 von Jerry Lordan als Wild-West-Gitarren-Hymne und wird gecovert von Popbands wie The Shadows oder The Ventures. Erst die sagenumwobene Incredible Bongo Band verpasst ihm seinen endlosen Groove (1973): Ein simples Schlagzeug, dessen Urheberschaft bis heute ein Rätsel bleibt, ein Bongo-Groove von King Errisson, hymnische Surfgitarren, triumphale Bläser und eine elektrisierende Hammondorgel. Das Debüt-Album „Bongo Rock“ (1973) bleibt aber Nischenware.

Seinen Durchbruch erlebt die Incredible Bongo Band und ihr „Apache“, als der jamaikanische HipHop-Gründervater DJ Kool Herc damit seine Blockparties in der Bronx zum Höhepunkt bringt. Während das isolierte Schlagzeug-Solo von „Apache“ am linken Teller läuft, bewegt er am rechten Teller die Nadel zum Anfang ihres Songs „Bongo Rock“ zurück („The Merry-Go-Round“). Indem er zwischen den Platten hin und her wechselt, verlängert er einen kurzen Loop zum Song bestehend aus zwei Drum-Passagen, auf denen das Publikum wie verrückt abtanzt. Das Label samt Titel der Platte ist abgekratzt, damit niemand erfährt, welches Gold hier die Leute zum Flippen bringt. Weil der DJ als Party-Host keine Hand mehr frei hat für sein Mikrofon, übernehmen ab jetzt reimgewandte MCs die Zeremonienmeisterei. HipHop ist geboren. Zumindest besagt das einer seiner vielen Entstehungsmythen.

Goldie

Goldie

Auch die Geschichte des „Apache"-Drum-Breaks kommt nun erst ins Rollen. Trishes zeigt am Beispiel von LL Cool Js „You can’t dance“ (1985), wie die Platte mit dem Apache-Sample noch mit Scratches eingefadet wird und den synthetischen Drumcomputer-Sounds von Producer Rick Rubin analoges Leben einhaucht. 1994 beschleunigt Jungle-Pionier Goldie das Drumset von „Apache“ und schreibt mit „Inner City Life“ Drum & Bass-Geschichte. 2003 rappt Nas in „Made You Look“ (2003) über den entschleunigten Drum-Loop samt Artefakten der downgesampelten Surfgitarre. Nas-Produzent Salaam Remi sampelt seinen eigenen Beat noch im selben Jahr für Amy Winehouses „In My Bed“ (2003). Und: Wir hören mit „A Bit Patchy" (2006) eine weitere Dance-Version von „Apache“, interpretiert vom britischen DJ Switch. And the Beat goes on …

Wer sich für die haarsträubende Historie der Incredible Bongo Band und seines abenteuerlichen Gründers Michael Viner interessiert, dem sei die Netflix-Dokumentation „Sample This“ empfohlen.

Zum zweiten Staffelfinale der FM4 Excursions diggen wir nächste Woche die Einflüsse von Psych Rock auf Beats’n’Breaks. Auch hier wird noch das ein oder andere Drum-Break zu hören sein.

Weitere Episoden der FM4 Excursions
Episode 1: Sounds of Brasilien
Episode 2: Klassische Musik
Episode 3: Das 21. Jahrhundert
Episode 4: Library Music
Episode 5: Drum-Breaks
Episode 6: Psychedelic Rock

Die gesamte Staffel 1 könnt ihr hier Nachhören und Nachlesen

Ultramagnetic MC's Give the Drummer Some
James Brown Funky Drummer
Coldcut Say Kids (What Time Is It)
Public Enemy Fight The Power
Nine Inch Nails Piggy (Nothing Can Stop Me Now)
The Winstons Amen Brother
U.K. Apachi & Shy FX Original Nuttah
The Dream Team Sta Warz
N.W.A. Straight Outta Compton
Naughty by Nature O.P.P.
Melvin Bliss Synthetic Substitution
Kanye West, Pusha T & Ghostface Killah New God Flow
LL Cool J You Can't dance
Incredible Bongo Band Apache
Nas Made You Look
Switch A Bit Patchy
Goldie Inner City Life
The Pharcyde Passin' Me By
Skull Snaps It's A New Day
Black Moon Who Got The Props
The Prodigy Poison
Squarepusher Come On My Selector
Lyn Collins Think (About It)
Rob E Base & DJ E-Z Rock It Takes Two
Dizzee Rascal Pussyole (Old Skool)
Jamie xx Gosh
Leikeli47 Miss Me
The Honey Drippers Impeach The President
Q-Tip Let's Ride
The Vibrettes Humpty Dump
Jonathan Moffett's infamous gold drum kit

CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons / Mhissami

Jonathan Moffett’s infamous gold drum kit, CC BY-SA 4.0

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