FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Trance Music Festival

CC0

mit Akzent

Lost in Space

Trance-Festivals ziehen im Sommer durch Osteuropa. Die BesucherInnen dort spielen lieber Elfen, als sich mit der lokalen Bevölkerung auseinander zu setzen.

Von Todor Ovtcharov

Clara und Martina lieben Osteuropa. Jeden Sommer ziehen die zwei Anthropologie- und Psychologiestudentinnen von Gdansk an der Ostsee durch die Karpaten bis zu den mystischen Rhodopen auf die Balkanhalbinsel. Dass sie Anthropologie studieren heißt allerdings nicht, dass sie sich für das Leben der Menschen dort interessieren. Clara und Martina besuchen unzählige Trance-Festivals, die alle östlich des früheren Eisernen Vorhangs veranstaltet werden, denn dort ist es billiger. Die Veranstalter sind oft Briten, Deutsche oder Franzosen. Sie zahlen das Minimum an Entschädigung an irgendwelche kleinen Dörfer tief im Wald. Für die örtlichen Bürgermeister ist das Geld willkommen und die Bevölkerung weiß nicht wirklich, was sie erwartet.

Mit Akzent

Die unaussprechliche Welt des Todor Ovtcharov und sein satirischer Blick auf das Zeitgeschehen - jeden Mittwoch in FM4 Connected und als Podcast.

„Die Leiden des jungen Todor“ - Das Buch mit den gesammelten Kolumnen gibt es im FM4 Shop.

Zu diesen Festivals kommen tausende Besucher. Sie zahlen viel Geld, um sich auf LSD wie Elfen und Feen im Wald zu fühlen. Sie leben alle ganz gesund und essen vegane Köfte aus Chia und Quinoa. Die lokale Küche interessiert sie nicht. Die polnische Zapiekanka oder die bulgarische Kuttelsuppe sind unter ihrem Niveau. Sie suchen im galoppierenden Rhythmus der Trance-Musik nach Erleuchtung und spirituellen Erlebnissen. Für lokale Trancer sind diese Festivals gar nicht so leicht zugänglich. Die westlichen Feen und Elfen wollen nicht gestört werden. Vielleicht halten sie lokale Bevölkerung für Trolle und Orks. Die Festivals werden jedenfalls kaum lokal beworben und viele wissen gar nicht, dass sie stattfinden. Man zahlt nicht wenig Eintritt: oft um die 200 Euro, um für ein Wochenende Elfe und Fee zu sein.

Einmal war ich auf so einem Festival in den Rhodopen in Bulgarien. In der Nähe des Festivalgeländes im Wald lebte ein pensionierter Sportlehrer aus Plovdiv, der seinen Lebensabend damit verbrachte, sich mit den Rehen im Wald zu unterhalten, die ihm aus der Hand fraßen. Als die Festivalveranstalter kamen, freute sich der alte Mann, dass jetzt junge Leute kommen, die im Einklang mit der Natur leben wollen und denen er seine Rehe zeigen konnte. Doch bald fingen die Verstärker zu dröhnen an. Die Bässe bogen die Bäume und die Erde fing an zu beben. Die Rehe verschwanden tief in den Wald. Als das Festival zu Ende war, sah der Wald aus wie ein Schlachtfeld. Trotz der Mühe der Veranstalter lag überall Müll. Der ehemalige Sportlehrer suchte nach seinen Rehen, doch das einzige was er fand, waren Exkremente überall im Wald. Er versuchte, sich beim Bürgermeister zu beschweren. Doch der zuckte nur mit den Schultern, denn das Geld brauchte man, um die Brücke im Dorf zu reparieren. Ein Jahr danach ist die Brücke immer noch kaputt und der alte Mann findet immer noch Bierdosen im Wald. Doch die Rehe kamen zurück. Der Lehrer betet, dass die Trancer nicht in “seinen Wald” zurückkommen.

Für Clara und Martina ist Osteuropa ein Raum zwischen der Ostsee und den Rhodopen. Es ist ihnen wurscht, wer dort lebt. Es ist ein Raum voller Trance, LSD und Spiritualität. Die rustikale Umgebung (wie sie sie selbst nennen) ist die perfekte Kulisse dafür. Liebe Leserinnen und Leser, seid ihr auch bei so einem Festival dabei? Wenn ja, schaut euch ein bisschen um und hört auf Elfen und Feen zu sein!

Aktuell: