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Zerschossene Häuserfront in Damaskus, davor ein Mann auf dem Fahrrad

LOUAI BESHARA / AFP

Buch

Essiggemüse und eine letzte Ausfahrt

Das ist ein Roman, der einem klar macht, was in Syrien vor sich geht: „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“ von Khaled Khalif ist ein packendes, ja unterhaltsames Zeitdokument.

Von Maria Motter

„Wärst du doch ein Kümmelsack!“ heißt das erste Kapitel der filmreifen Geschichte: In einem Minibus sind drei Geschwister aus Damaskus unterwegs mit dem Leichnam ihres Vaters, um ihn zu begraben. Was wie eine Tragikomödie beginnt, wird auf 200 Seiten zu einem mitreißenden Zeitdokument, vor dem man sich nicht fürchten muss. „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“ heißt der Roman von Khaled Khalif, der eine Familiengeschichte inmitten des Bürgerkriegs erzählt. Und zwar so, dass man eine klare Vorstellung bekommt, wie Menschen überhaupt in Kriegswirren, unter einem Regime und im anarchistischen Chaos überleben können.

Ich muss gestehen: Die Angst, auch nur Fotodokumente zu sehen, die ich nie wieder aus dem Kopf kriegen würde, ist groß. Da bin ich feig. Im eigenen Alltag fällt es schwer, über das Kriegsgeschehen in Syrien einigermaßen im Bilde zu sein. Die Dringlichkeiten sind andere. Da kommt einem Khaled Khalif mit seinem Erzählen genau recht: Der Drehbuchautor und Dichter hat nichts für Pathos übrig. Als Hauptfigur hat er einen Mann gewählt, der nicht mehr jung ist, aber auch nicht alt. Bulbul ist 42, er ist geschieden und nach der Scheidung hat sich eine große Kluft zwischen ihm und den Frauen aufgetan, obwohl er einer Beziehung alles andere als abgeneigt wäre. Er ist nicht unsympathisch, hat sich Lebensfertigkeiten angeeignet, die wie vieles im Roman überraschen: Seit Beginn des Krieges legt er Essiggemüse ein und schaut ägyptische Schwarzweißfilme.

Autor Khalifa Khaled

Rowohlt Verlag

„Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“ von Khaled Khalifa ist in der Übersetzung von Hartmut Fähndrich im Rowohlt Verlag erschienen.

Im Original wurde der Roman erstmals 2016 in Beirut veröffentlicht. In Syrien darf das Buch nicht erscheinen. Hineinlesen kann man hier

Auch Bulbuls Bruder und Schwester hatten sich ihre Leben mal anders vorgestellt. Die amüsant beschriebenen Beziehungsgeschichten, die Zwiste unter Verwandten und Liebschaften über Jahre laufen zeitgleich mit dem Wahnsinn, mit dem Bulbul konfrontiert wird. Am Totenbett hat der Vater ihm ein Versprechen abgerungen: Der Sohn muss dafür sorgen, ihn am Friedhof des kleinen Dorfs zu beerdigen, in dem er geboren wurde. Das Dorf liegt ein paar hundert Kilometer entfernt von Damaskus. In Friedenszeiten wäre das kein Auftrag.

Doch jetzt führt die Fahrt vorbei an Erschossenen. Und dann ist da der Tote. Alt und erkrankt ist der Vater verstorben: Herr Abdallatif war ein kritischer Geist. Dem Regime widerstand der Vater. Während Bulbul prophylaktisch ein Bild Assads in seinem Wohnzimmer aufgehängt hatte, um im Falle des Falles nicht aufzufallen, muss er fürchten, dass der Vater noch schwer erkrankt das Regime öffentlich beschimpft. Mit dem Hausarzt sang er in den letzten Lebenswochen noch Lieder der Revolution.

Der Vater erzählte ausführlich, im Gefängnis seien viele von friedlichen Revolutionären zu Befürwortern brutalster Formen der Gewalt gegen das Regime und sein Militär geworden. «Das Gefängnis ist imstande, dich zu töten», schloss er. »Der Mensch, der herauskommt, bist nicht mehr notwendigerweise du, auch wenn er deine Augen und deine Haare hat. Nur wenige haben ihre Haltung und ihren Verstand bewahrt und sind ihrem Denken treu geblieben.«

Abenteuer wider Willen

Die Autobahn zwischen Damaskus und Aleppo ist seit Jahren gesperrt. Alle paar Kilometer stehen die Geschwister im Stau. Und es passieren Details, die den Roman groß machen: Der Bruder Hussain ärgert sich über den Stau. Nicht mal das Herbeirufen von Kalendersprüchen, die er über Jahre auswendig gelernt hat, um leichte Konversation zu treiben, nutzen. Die Leiche will mit Eisblöcken und Kölnischwasser erträglich gehalten werden, aber selbst ausgebreitete Decken nützen nicht lange.

Autor Khalifa Khaled

Ekko von Schwichow

Autor Khaled Khalifa

Erst schleichend dämmert einem, wie viel jetzt auf dieser privaten Mission auf Bulbul zukommen und sich offenbaren wird. Da ist das unaufhaltsame Verwesen der Leiche noch das geringste Problem. An Checkpoints, in Haftzellen und vor einem Scharia-Gericht teilen Zukunftsbekanntschaften ungefragt ihr Schicksal. Seit Jahren verschwinden Menschen plötzlich. Andere tauchen wieder auf und sind verstummt. Angehörige werden in Sippenhaft genommen. Viele bereichern sich, erweitern das Unrecht um ihre eigene Kategorie von Habgier und Sadismus. Bulbul, Hussain und Fatima stoßen wider Willen mit Revolutionären, Regime-Treuen und Islamisten zusammen.

So frei von Pathos dieser Roman auch ist, gegen Ende schüttelt es einen innerlich heftig beim Lesen: Da schreibt Bulbul, wie er die Grenze zur Türkei passiert und unter tausenden Geflüchteten für sich feststellt, dass er schon allein für das Anstreben des Exils zu feig und zu schwach ist. Sich einfach nicht aufraffen kann für einen Neubeginn andernorts.

Mehrfach heißt es in diesem Roman, dass etwas ein „mühseliges Geschäft“ wäre. Passender wäre es, von mühseligen Angelegenheiten zu sprechen. Doch die Tatsache, dass Bulbul bei unzähligen Begegnungen mit Beamten - ja sogar Angestellten des Krankenhauses - Bestechungsgelder zahlen müssen, gibt dem Übersetzer Recht. Hartmut Fähndrich hat den Roman aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt. Und der Autor Khaled Khalifa? Er lebt nach Angaben des Verlags nach wie vor in Damaskus, wo er auch geboren wurde.

An anderer Stelle ist der Roman bereits als „Requiem für ein ganzes Land“ bezeichnet worden. So hart der Stoff aber ist: „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“ ist ein unterhaltsamer Roman und wie Khaled Khalif die Gräueltaten und Grausamkeiten der Menschen mit der persönlichen, verzwickten Situation um ein würdiges Begräbnis ineinanderwebt, ist meisterhaft.

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