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Erich Moechel

Internetkonzerne als Kollaborateure von Militärs und Diktaturen

Google plant offenbar die Rückkehr mit einer zensurtauglichen Suchmaschine auf den chinesischen Markt. Amazon vermarktet Software zur Gesichtserkennung an Polizeibehörden und liegt vorn im Rennen um die neue Cloud des Pentagon. In den Belegschaften der Firmen gärt es.

Von Erich Moechel

Der jüngste Griff von Facebook nach dem Bankensektor ist nur ein weiteres Indiz für einen Megatrend, der inzwischen unübersehbar ist. Die führenden Internetkonzerne drängen mit Macht in neue Geschäftsfelder vor, um ihre hohen Renditen auch längerfristig abzusichern. Die erstmals stagnierenden Wachstumszahlen des bisherigen Überfliegers Facebook haben die Branche zusätzlich aufgeschreckt. Rücksichten werden bei diesen Vorstößen nicht genommen, und selbst auferlegte, ethische Tabus gehen über Bord.

So steht Google acht Jahre nach dem Rückzug wegen ethischer Bedenken offenbar vor einer Rückkehr auf den chinesischen Markt mit einer zensurtauglichen, weil kastrierten neuen Suchmaschine. Amazon weitet gerade seine Cloud-Geschäfte mit den US-Geheimdiensten und Militärs weiter aus und beliefert Polizeibehörden mit Software zur Gesichtserkennung. In beiden Firmen mehren sich nun Proteste der Belegschaft gegen diese Partnerschaften mit staatlichen Überwachungsapparaten.

Nasdaq Facebook Aktie

Nasdaq Edgar online

Wie man am Kurslauf der Facebook-Aktie nach ihrem Absturz sieht, erholte sich die Aktie zuletzt etwas, nachdem die Pläne Facebooks für Kooperationen mit dem Bankenbereich bekannt geworden waren. Wie die Gewinnmitnahmen am Kurvenende rechts allerdings zeigen, waren die Anleger nur mäßig enthusiasmiert.

Beim ersten Kurssturz von Facebook an der Börse überhaupt ging Ende Juli Marktkapitalisierung von über 120 Milliarden über Nacht verloren, die Firma war damit theoretisch um dieselbe Summe weniger wert.

Googles kastrierte Suchmaschine

Das bei Google intern mit der höchsten Geheimhaltungsstufe versehene Projekt „Dragonfly“ sei längst über das Planungsstadium hinaus, berichtet die US-Enthüllungsplattform The Intercept. Das Projekt wurde vor mehr als einem Jahr begonnen und gewann nach einem Treffen von Sundar Pichai, dem CEO von Google, mit hohen Funktionären der kommunistischen Partei Chinas Ende 2017 an Fahrt. Dafür muss diese Search Engine mit den Regeln der Großen Firewall Chinas synchronisiert werden, an der eine Unzahl internationaler Websites mehr oder weniger stark zensuriert oder ganz geblockt werden.

Die Zensur in China reicht von Facebook oder Instagram über die BBC oder die New York Times und Menschenrechtsorganisationen, geblockt sind ganze Themenbereiche wie Sexualität oder Weltliteratur wie George Orwells „1984“. Angeboten werden soll jedenfalls fast die gesamte Palette der Google-Services, die dafür allerdings ebenfalls erst kastriert werden müssen. So darf die Bildersuche eben kein thematisch verbotenes Material enthalten, und auch die automatische Wortkomplettierung muss sich an die chinesischen Vorgaben halten. Die wirkliche Herausforderung bei der ansonsten trivialen Entwicklung dieser App samt ihrer Cloud-Umgebung war also, den chinesischen Zensurkatalog zu importieren.

Sundar Pichai

Maurizio Pesce / Wikimedia Commons / CC BY 2.0

Nachdem Miteigentümer Sergey Brin 2010 Google vom chinesischen Markt zurückgezogen hatte, will es der nunmehrige Google-CEO Sundar Pichai nun erneut auf dem chinesischen Markt probieren CC BY 2.0

Erst auf gewaltigen öffentlichen Druck hat Facebook nun Algorithmen entwickelt, um „organisiertes unauthentisches Verhalten“ von Facebook-Accounts, also verdeckte Politkampagnen zu erkennen.

In der Google-Belegschaft gärt es

Eine Android-App soll bereits fertig sein, denn starten will man vorerst offenbar nur im Mobilbereich. Für die Entwicklung des Set-Ups benötigten die Google-Ingenieure allerdings echte Listen aller in China mit Zensur belegten Themen, Websites, Ereignisse und Begriffe, und diese Listen müssen sie schon Ende 2017 bekommen haben. Laut einem Google-Insider, dem diese Pläne so gegen den Strich gehen, dass er sie an „The Intercept“ weitergegeben hat, waren von der Unternehmensführung bis zur Technik gerade einmal ein paar hundert der etwa 80.000 Mitarbeiter eingeweiht.

Und dieser Whistleblower ist offensichtlich nicht allein, denn in der Google-Belegschaft rumort es. Erst im April hatte es so heftige interne Proteste und Kündigungen wegen einer Kooperation mit dem US-Verteidigungsministerium gegeben, dass sich die Unternehmensführung letztlich entschloss, das Projekt „Maven“ Ende 2018 auslaufen zu lassen. Die Google-Techniker hätten den Militärs fertige Lösungen zur Auswertung von Drohnen-Videos liefern sollen, die Beteuerungen der Geschäftsführung, die Software würde nicht bei Kriegshandlungen eingesetzt, glaubte niemand.

Die Pentagon-Cloud und Amazon

Das US-Heimatschutzministerium will an „externe Biometriedaten“ von Internetfirmen kommen, Amazon vermarktet seine Technologie zur Gesichtserkennung an immer mehr US-Polizeibehörden

Militärische Fachzeitschriften wie Defense One hatten nämlich davor schon angekündigt, dass der geplante Einsatz von Big-Data-Analyse in der Cloud die Treffergenauigkeit der Killerdrohnen Reaper und Predator steigern soll. Nun macht mit einiger Wahrscheinlichkeit Amazon diese Geschäft, denn der Einzelhandelsriese und führende Cloud-Anbieter ist ebenfalls an den Vorarbeiten zum Projekt Maven beteiligt.

Präsentation einer Personen-Erkennungs-Software

Amazon

Zudem gilt Amazon ohnehin als aussichtsreichster Bewerber für das gesamte Cloud-Projekt des US-Verteidigungsministeriums. Dieser bis zu zehn Milliarden Dollar schwere Auftrag für eine „Joint Enterprise Defense Infrastructure“ (JEDI) wird bereits im September vergeben und Amazon verfügt dafür über beste Referenzen Im Militär. Angefangen von der CIA bedienen Amazons Cloud Services bereits weite Teile des Geheimdienstkomplexes und das seit Jahren.

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Plötzlich interner Widerstand

Doch auch in der Belegschaft von Amazon gärt es inzwischen. Ende Juni veröffentlichten eine ganze Reihe von Angestellten einen offenen Brief an die Unternehmensführung. „Unser Unternehmen sollte nicht im Überwachungsgeschäft tätig sein und wir sollten nicht jene unterstützen, die Randgruppen unterdrücken“, hieß es in diesem Schreiben. Davor hatten Anlegergruppen Firmenchef Jeff Bezos aufgefordert, die aggressive Vermarktung von „Rekognition“, der Software Amazons zur Gesichtserkennung, einzustellen. Microsoft sah sich ebenfalls mit Vorwürfen konfrontiert, die Immigrationsbehörde ICE mit seiner Cloud und Software zu unterstützen, nachdem die ICE begonnen hatte, Kinder von Immigranten von ihren Eltern zu trennen.

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