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Szenenbild "So was von da"

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Beats am Kiez

Euphorie und Ecstasy: „So was von da“ erzählt vom letzten Abend eines Clubs am letzten Tag eines Jahres. Regisseur Jakob Lass erteilt dem deutschen Film wiedermal eine ordentlich wummernde Lektion in Sachen Coolness.

Von Pia Reiser

Die erste begeisterungsinduzierte Ohnmacht gibt es gleich in der ersten Minute. Da sitzt Oskar (Niklas Bruhn) und spricht direkt in die Kamera, vor ihm aufgebaut sechs gefüllte Absinth-Gläser, hinter ihm wabert die schon müde Lichtanlage eines Clubs und leise hört man auch noch einen Beat röcheln. An Oskar lehnen fünf Freunde, schlafend. Das an sich wenig schmeichelhafte Neonlicht von unten lässt sie in „So was von da“ aber engelsgleich aussehen. „Das Hier und Jetzt ist alles. Man muss immer voll da sein, weil es gleich wieder vorbei ist“. Oskar predigt Carpe Diem mit dem rauschigen Pathos einer ausklingenden Partynacht. In der Früh kommen die Bagger und reißen den Club ab, dann wird auch das Schädelweh einsetzen.

Die letzte Nacht eines Clubs am letzten Tag des Jahres, das beschreibt Tino Hanekamp 2011 in seinem Roman „So was von da“. Und Hanekamp weiß als Clubbetreiber in Hamburg, wovon er erzählt. Regisseur Jakob Lass bringt die räudige Kiez-&-Beats-Geschichte in die Kinos und macht daraus ein Experiment.

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Denn wer sonst würde bei einer Romanverfilmung auf Improvisation setzen. Ein richtiges Drehbuch habe es nicht gegeben, mehr ein Dramaturgie-Skelett, die meisten der Dialoge sind improvisiert. Die improvisiserten Worte treffen dann aber auf teilweise hochstilisierte Bilder: die Discokugel dreht sich unermüdlich, Goldkonfetti fliegen durch die Luft, Jump Cuts zerschneiden Szenen.

Überhöhung und Naturalismus im flackernden Licht auf der Club-Tanzfläche, nach „Love Steaks“ und „Tiger Girl“ beweist sich Regisseur Jakob Lass wieder als die goldangesprühte Adrenalin-Spritze, die das deutsche Kino so dringend gebraucht hat. Fast schon cartoonartig verstärkt der Film Geräusche oder verzerrt sie, laut gluckert es, wenn aus der Veuve Clicquot Flasche getrunken wird, verzerrt klingt es, wenn Betrunkene versuchen, Fakten auszutauschen.

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Jakob Lass kennt natürlich das Problem der Party- & Clubszenen, die in Filmen oft so schrecklich generisch und blutleer wirken, selbst wenn Steve Aoki an den Reglern hampelt. Also alles anders machen: Lass lässt in einem Hamburger Club vier Tage lang Bands auftreten und dreht inmitten dieser Party.

Der Partyfilm wird jede Nacht neu gedreht: Philipp L’Heritier über den Roman „So was von da“, April 2011

Und so stolpern wir mit Oskar, dem Mann mit einem Club, Schulden und einer verflixt guten Frisur durch die Nacht. Eine Zigarette hängt permanent in seinem Mundwinkel, sein Herz immer noch an Ex-Freundin Mathilda (Ein Name, der es Lass ermöglich, zwei der besten Frauenvornamen-Lieder in seinem Film einzubauen, Scott Walkers „Mathilde“ und Harry Belafontes „Matilda“).

Eine Alain-Delon-Coolness locker geschultert taumelt Oskar durch seinen Club und sein Leben und gerade, als man ihm eine Ähnlichkeit zu Bela B unterstellen will, taucht da tatsächlich Dirk Felsenheimer aus dem Dunklen auf, bleich und wortlos wie Max Schreck, als ehemaliger Rockstar, der seinen Sohn Rocky endlich mal auf der Bühne sehen will. Das waren noch nicht mal die exzentrischsten Namen. Da gibt’s auch noch einen Hipster namens Erbse und Pablo, den Club-Mitbesitzer mit Zigarettenspitz und Pfauenaugen-Bademantel.

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Irgendwann gehen im Club die Toiletten über, die Innensenatorin steckt im Lift fest und dann ist da noch Kiez-Kalle, der von Oskar 10.000 Euro zurückhaben will. Die Handlungshappen packt Lass in einen euphorischen Strudel aus Adrenalin und Coolness. Der Film dreht sich um die eskapistischen Versprechen der Nacht und wie man zwischen Absinth und Absturz agiert.

Beats, Euphorie und Ecstasy, der Schweiß tropft von den Wänden, der Alkohol fließt in rauen Mengen, doch es zählt nur das Jetzt. An Schädelweh und Abrissbirne mag immer noch keiner denken. Der Bass wummert, doch viel lauter ist das Herz, das in diesem großartigen, energiegeladenen Film steckt.

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