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Didi Drobna

Barbara Wirl

Buch

Familie fatal

Die Eltern lassen sich scheiden, Mama wird schwer krank und dann verliebt er sich auch noch in seine eigene Schwester. Daniels Weg auf der Suche nach sich selbst ist ein steiniger. In Didi Drobnas Roman „Als die Kirche den Fluss überquerte“ zerbröselt eine Familie.

Von Alex Wagner

„So beschissen es war, es schweißte uns zusammen. Hatte zuvor jeder sein eigenes Leben innerhalb der Familie gelebt, waren wir nun eins. Ein großer Zellhaufen, ein Pulsschlag, ein verängstigtes Tier, das um sich tritt. Wir transpirierten gemeinsam Panik und Zukunftsangst in alle Richtungen. Erst hier wurde mir klar, wie sehr Vater derjenige war, der unsere Herde vorantrieb.“

Für den 20-jährigen Daniel steht fest: sein Vater ist an allem Schuld. Er hat Mama verlassen, der Familie den Rücken gekehrt und alle ins Unglück gestürzt. Und von diesem Unglück gibt es im Buch genug: Daniel ist in einer Identitätskrise, er will es allen recht machen und scheitert daran, Schwester Laura bekommt Gastritis, Daniel verliebt sich in seine eigene Schwester, kommt ihr im Suff nahe, Wut, Schlägerei, Onkel Billys Eskapaden, Mama erkrankt an Parkinson-Demenz und verschwindet.

Puh. Das ist ganz schön viel für einen Roman mit 312 Seiten. „Als die Kirche den Fluss überquerte“ ist das Buch für die Generation Social Media mit der Aufmerksamkeitsspanne eines alten Goldfisches. Wenn auch nur der kleinste Hauch Fadesse auftritt, lauert schon eine Seite weiter der nächste Knaller, der nächste Schicksalsschlag. Für den einen oder anderen könnte das zu viel des Schlechten sein, aber ihren Kritikern entgegnet Autorin Didi Drobna:

Buchcover "Als die Kirche den Fluss überquerte"

Piper Verlag

„Als die Kirche den Fluss überquerte“ von Didi Drobna ist im Piper Verlag erschienen.

„Die Realität ist noch viel ärger. Die Leute fragen mich immer: ‚Boah, Didi, warum kommst du mit diesen ganzen Sachen daher?‘ Ja, es ist alles ausgedacht, aber wenn sich jeder von uns im eigenen Familien- und Bekanntenkreis umhört, da liegen die ärgsten Geschichten.“

Didi Drobna hat schon 2015 mit dem Roman begonnen. Ein Literaturstipendium des Bundeskanzleramts und Literaturpreise haben ihr dabei geholfen, „Als die Kirche den Fluss überquerte“ fertig zu schreiben. Schicht für Schicht legt sie frei, wie die Familie zerfällt und wie es trotz all des Leids weitergeht. Wie sich die Dinge verändern. Didi Drobnas Sprache ist präzise, jede Gefühlsregung wird aufs Papier gebracht, ohne dabei ausgelutschte Bilder oder Worthülsen zu verwenden. Und das ist beeindruckend.

In den Innereien des Lebens wühlen

Nur an der Oberfläche zu kratzen, das genügt der Autorin nicht. Didi Drobna wühlt in den Innereien des Lebens. Zum Beispiel, wenn Daniel auf das Gspusi seiner Schwester eifersüchtig wird, sich betrinkt und Laura in der Nacht in ihrem Zimmer heimsucht, um langsam über ihre Beine zu streicheln.

„Die Liebe zu seiner Schwester ist im Endeffekt ein fehlgeleiteter Beschützerinstinkt. Seine Familie hat da schon begonnen zu bröckeln und in einem Moment der Schwäche, der auch noch gepaart ist mit Alkohol, sehr viel Wut und jugendlicher Frustration kommt es dann zu so einem Vorfall. Mir ging es in weiterer Form darum, zu zeigen, wie in Familien manchmal die Dinge ihren Lauf nehmen, insofern, dass nicht immer alles durchgesprochen wird und sauber in der Therapiesitzung ausverhandelt wird.“, sagt Didi Drobna.

Biografie

Didi Drobna wurde 1988 in Bratislava geboren und lebt seit 1991 in Wien. Sie studierte Kommunikationswissenschaft und Germanistik an der Universität Wien, außerdem Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst. Ihre literarische Arbeit wurde mit mehreren Stipendien und Literaturpreisen ausgezeichnet. 2012 schaffte sie den dritten Platzbeim FM4 Kurzgeschichtenwettbewerb Wortlaut - aus der Kurzgeschichte entstand ihr erster Roman „Zwischen Schaumstoff“. Daneben war sie auch als Jurorin für Literaturpreise und -stipendien tätig, ab 2018 lehrt sie an der Universität für angewandte Kunst. Didi Drobna arbeitet seit Jahren hauptberuflich in der IT-Branche und leitet derzeit die Kommunikation & Presse für ein IT-Forschungszentrum.

Obwohl Daniels Familie zerrüttet ist, funktioniert sie in Teilen noch. Er fragt sich, wie viele Mitglieder eigentlich gehen müssen, damit man das Ding noch Familie nennen kann. Obwohl der Vater die Mutter verlassen hat, kümmert er sich weiterhin um sie, auch nach ihrer schweren Erkrankung. Obwohl Daniel in seine Schwester Laura verliebt ist und übergriffig wird, bleiben die beiden in Kontakt. Man muss sich eben zwingen, irgendwie miteinander auszukommen. Auch das ist Familie. Wer jetzt aber glaubt, Didi Drobnas Roman wär Drama pur, der täuscht sich. Das Buch nimmt sich an manchen Stellen nicht sehr ernst.

„Es gab Szenen, die waren beim Schreiben für mich selber absurd-komisch. Ich dachte: ‚Oh mein Gott, das werden sie mir nie abdrucken. Das ist doch einfach komplett gaga!‘ Und dann sind sie trotzdem im Buch gelandet. Ich finde es grandios, dass irgendwelche Zeichen auf einem toten Blatt Papier, die ich mir vor Jahren ausgedacht habe, Leute zum Lachen bringen.“

„Das ist die Goldader“

Für das Manuskript von „Als die Kirche den Fluss überquerte“ haben sich dutzende Verlage interessiert, zugeschlagen hat dann der große deutsche Verlag Piper - das muss man als junge, österreichische Autorin erst einmal schaffen. Selbst ihre Managerin war von der hohen Nachfrage überrascht. Didi Drobna hatte aber schon beim Schreiben eine Ahnung, dass das Buch gut ankommen könnte:

„Bei dem Manuskript hatte ich zwischendurch immer wieder das Gefühl. ‚Das ist die Goldader‘. Ich versuche beim Schreiben, vor allem bei sehr schwierigen, harten, direkten, berührenden Szenen emotional auf die Tastatur zu bluten. Wenn ich es schaffe, mich selber beim Schreiben so zu flashen, dass ich es körperlich nicht mehr aushalte, weil so viele Emotionen da sind in dieser Szene, dann weiß ich einfach: that´s it! Und bei diesem Buch war das bei vielen Szenen der Fall. Man muss sich aber auch trauen, das so konsequent durchzuziehen, weil sehr viele Themen sehr hart sind, wie das Verliebtsein in die Schwester oder die Krankheit der Mutter. Das geht extrem nahe, das muss man aushalten können. Ich wollte aber keine Bauchnabel-Beschau machen. Ich wollte wirklich tief reingehen.“

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