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Chemische Reinigung

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MARC CARNAL

Mythos Textilreinigung

Nachdem die Literaturgeschichte tausende Romane, Stücke, Essays und Gedichte zu den beliebten Themen Liebe und Tod bereithält, aber keinen einzigen Text über chemische Reinigungen, sehe ich mich verpflichtet, dieses Manko endlich zu beheben.

Von Marc Carnal

Ich möchte mich hiermit ausdrücklich bei meiner Familie und meinen Freunden dafür entschuldigen, dass ich in den letzten Wochen keine Zeit für sie hatte und kaum erreichbar war. Manche mögen vermutet haben, ich hätte gesundheitliche Probleme, andere dachten wohl, ich sei auf Reisen. Doch weder noch. Vielmehr saß ich Tag für Tag in der Nationalbibliothek, um die Literaturgeschichte nach einem Text über die rätselhafte Welt der chemischen Textilreinigung zu durchforsten.

Sämtliche Werke von Rang habe ich studiert und nichts (nada, niente, nothing, rien) gefunden. Über was zum Beispiel eine Elfriede Jelinek alles geschrieben hat! Aber einen Essay über Textilreinigung sucht man vergebens in ihrem reichhaltigen Œuvre. Ein Jandl-Gedicht zum Thema gibt es ebenso wenig wie einen Nestroy-Schwank, und selbst Goethe ist nie der Versuchung erlegen, einen Entwicklungsroman in einer Putzerei anzusiedeln.

Es scheint mir also nichts anderes übrig zu bleiben, als zur Feder zu greifen und dem Mythos Textilreinigung einen kleinen Aufsatz zu widmen.

Das rätselhafte an Reinigungen ist, dass sie samt und sonders immun gegen jeglichen Zeitgeist zu sein scheinen. Der Versuch, das Konzept Reinigung zu aktualisieren oder gar hip zu gestalten, wurde bisher anscheinend konsequent vernachlässigt. Womöglich gibt es in Berlin oder Barcelona bereits coole Reinigungen, die von Modedesignerinnen mit Karriereknick geführt werden und neben der Säuberung von Kluft auch rohen Keksteig und Ohrläppchen-Stretching anbieten.

Live-Hörspiel

Kurt Prinz

Das Live-Hörspiel Der verhängnisvolle Tod des Werner Gruber, ab 27. Oktober im Kabarett Niedermair zu sehen, und der Text „Mythos Textilreinigung“ haben nichts gemeinsam.

Abgesehen vom Autor! Und dieser ist so frei, an dieser Stelle einen Besuch dieses Science Fiction-Schwanks dringend zu empfehlen.

Hierzulande sind Reinigungen aber ausnahmslos unscheinbare Nebengassen-Anachronismen in mittelprächtiger Lage, an deren Fassaden verblasste Ladenschilder aus besseren Zeiten den sympathisch unspektakulären Firmennamen („Putzerei Silvia Riegler“) verraten.

Betritt man eine Reinigung, muss man immer eine leicht ächzende Türe öffnen. Der stets winzig kleine Abgabe- und Abholbereich bietet höchstens zwei Kunden gleichzeitig Platz. Sind mal zufällig drei Kunden da, muss einer draußen warten mit den dreckigen Mänteln überm Arm. Kommt man nicht gerade zwischen 17 und 18 Uhr, ist aber eh nie wer anderer da.

Wenn man eintritt, erschallt ein viel zu langer und lauter, vor Jahrzehnten installierter Elektro-Gong („Diiiiing-daaaang-dooooong“). Dann kommt entweder die Chefin oder ihre Angestellte langsam zwischen den meterlang baumelnden, mit Plastikfolie überzogenen Mänteln und Fräcken hervor. Fun Fact: Reinigungen sind für fünfzig Prozent des weltweiten Plastikmülls verantwortlich.

Die Chefin ist immer starke Raucherin und geht ihrem Gewerbe mit größtmöglicher Unlust nach. Schon vor der Begrüßung, falls man überhaupt begrüßt wird, wirkt ihre polarkalte Aura derart einschüchternd, dass man sich selbst das banalste Begehr kaum vorzutragen traut. Wehe dem, der irgendwelche „besonderen“ Flecken auf Sakko oder Abendkleid zu entfernen wünscht! Kopfschütteln, lebensbedrohliches Schnauben, kommentarlose Geschäftsabwicklung. Am besten kreuzt man mit Kleidung ohne jegliche Verunreinigung auf und lässt sie just for fun reinigen.

Nächste Hürde: Es ist Dienstag und man braucht den Dreiteiler für die Hochzeit am Freitag. Schüchtern wagt man zu fragen, ob das denn möglich sei. Ein Fehler. Die Chefin schaut mega-grimmig und sagt mit Wolfgang Ambros-Stimme eindringlich: „Fünf Werktage.“

PUNKT.

Routiniert schüchtern, um den Reinigungs-Drachen nicht noch wütender zu machen, tritt man in Verhandlungen ein und betont, man brauche den feinen Zwirn wirklich schon am Freitag.

Erwischt man einen besonders guten Tag, lässt sich die Chefin womöglich auf ein „Müssma schaun“ ein, verlangt Zaster und händigt den winzig kleinen, unleserlich ausgefüllten Abholschein aus.

Beschweren darf man sich auf keinen Fall! Dann wird die abgegebene Kleidung sogleich auf einem Scheiterhaufen im Innenhof verbrannt. Man könnte natürlich berechtigt erwidern: „Warum dauert es eigentlich so SCHEISSLANG, einen Anzug reinigen zu lassen?! Andere operieren am offenen Herzen und sind nach drei Stunden fertig!!! Das ist doch reine Schikane und soll vertuschen, dass ihr verfluchten Reinigungs-Betrüger das ganze dreckige Zeug in Wahrheit gesammelt in einen dampfenden Gift-Trog werft und gemütlich eine Schachtel raucht, während ätzende Chemikalien ihre Wirkung entfalten!“ Fun Fact: Reinigungen sind für dreißig Prozent aller Hautkrebs-Erkrankungen verantwortlich.

Man sagt natürlich nichts und geht seines Weges. Was dann in der Folge mit der Kleidung genau angestellt wird, ist ein großes Rätsel. Oder sagen wir: Ein durchschnittliches, normales, handelsübliches Rätsel. Sooo groß ist es auch wieder nicht, bestimmt gibt es unzählige Youtube-Dokus und Sendung mit der Maus-Folgen, die Licht ins Dunkel der Betriebsgeheimnisse von chemischen Reinigungen bringen. Aber will man die kennen?

Nein, weiterhin will ich mit dem unverwechselbaren Reinigungs-Duft, einer Essenz aus Hotel-Fön, Flüssigplastik, Teppichboden und Essig, märchenhafte Bilder von blubbernden Bottichen, wild dampfenden Science-Fiction-B-Movie-Maschinen und einem riesigen Hinterzimmer-Arsenal an kleinen Fläschchen mit Totenköpfen assoziieren. Zu wissen, wie die hasserfüllten Fachkräfte all die hartnäckigen Eiter- und Urinflecken tatsächlich aus meiner Garderobe zaubern, würde mir den Reinigungs-Charme vergällen.

Andere Fragen interessieren mich dagegen sehr:

Gibt es eine stilvolle Art, die einfolierten, gereinigten Kleidungsstücke nach Hause zu tragen? Ist es street, sie lässig über die Schulter zu hängen?

Was geschieht eigentlich mit der Kleidung, die nicht abgeholt wird?

Was sind die absurdesten DIY-Zweitverwendungen für Reinigungs-Drahtkleiderbügel? Welche die schlimmsten Verletzungen, die diese lieblos gewickelten Billigprodukte schon verursacht haben? Fun Fact: Zehntausend Drahtkleiderbügel bekommt man in China ab zwei Euro.

Ist eine chemische Reinigung womöglich der ideale Ort, um eine Leiche verschwinden zu lassen?

Und möchte jemand in meine Geschäftsidee investieren, eine Kombination aus chemischer und esoterischer Reinigung anzubieten? Schon ab 22,50€ könnte man bei mir Rotweinflecken UND negative Energie aus Mänteln entfernen lassen!

So manche brennende Frage muss dieser Text also unbeantwortet lassen, der als erster zaghafter Schritt zu betrachten ist, dem schillernden Kosmos der chemischen Textilreinigung langsam jenen Platz in der Literatur angedeihen zu lassen, der ihm schon längst zustehen würde. Ich hoffe, die Kollegen von FM4 Wortlaut haben meinen Wink sowie die Zeichen der Zeit verstanden und entscheiden sich nächstes Jahr für das richtige Thema.

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