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Macklemore beim Frequency 2018

Patrick Wally

fm4 frequency festival

Plastikpalmen und Glitzercape

Tag 2 beim ausverkauften FM4 Frequency Festival in Sankt Pölten: Die Gitarren schreien und HipHop dröhnt aus der Cloud und den Charts. Die Höhepunkte: Macklemore, Rin, Bonez MC & RAF Camora, Thunderpussy und Faber.

Von Florian Wörgötter

Der US-Popstar Macklemore ist zweifellos der ideale Headliner des zweiten Abends beim 18. FM4 Frequency Festival. Der Rapper aus Seattle begeistert einen großen Teil der 50.000 Festivalbesucher mit dem richtigen Mischverhältnis aus Partylaune und Sozialkritik. Er kann Knalltütenpop mit Faschingsmaskerade – als Käptn Karacho in Langhaar-Perücke und goldenem Glitzercape („And We Danced“) oder als Willie Wonka mit Frack, pinkem Zylinder und weißer Sonnenbrille („Willy Wonka“). Er feuert Flammen-Fontänen und lässt Funken regnen, schießt Backstage-Bananen ins Publikum, steht sprichwörtlich auf den Händen seiner Fans und holt sie zum Impuls-Dance-Contest auf die Bühne, wo sich sonst alles perfekt choreografiert bewegt – die Band, die Sänger, die Tänzerinnen und die leinwandgroßen Visuals.

Was Macklemore aber vor allem auszeichnet: Zwischendurch erklärt er seinem jungen Publikum, was falsch läuft in dieser knallbunten Partywelt. Er droppt den Hashtag Trump - ein Sureshot für Buhgeschrei wie gestern Yung Hurns Mittelfinger an die Polizei – und dass dessen präsidiale Weltanschauung, andersartig aussehende, betende oder liebende Menschen zu diffamieren, sich einfach nicht gehört. Macklemore betont, bei seinen Konzerten ist jeder willkommen.

Es sind Botschaften, die in ihrer Einfachheit an der Oberfläche kratzen und politisch reflektierten Menschen kaum mehr abringen als ein Jo eh oder No na. Doch Macklemore hätte es erstens nicht nötig, die kochende Partylaune mit Politik abzukühlen, und zweitens eigene Herzensangelegenheiten wie ein faires und respektiertes Leben für Homosexuelle in einem dreistrophigen Song abzuhandeln („Same Love“), inklusive regenbogenfarbiger Visualisierung zur besten Sendezeit. Natürlich hält er damit auch seiner HipHop-Kultur den Spiegel vor: „If I was gay, I would think hip-hop hates me / Have you read the YouTube comments lately?“.

Vergleicht man Macklemores Auftritt mit dem Headliner-Slot der Gorillaz vom Vortag, wird klar, dass Macklemore nicht umsonst auf allen Festivals gern gesehener Gast ist: Er versteht es, die breite Masse mit dem richtigen Balance aus Entertainment und Aufklärung zu bedienen. Die Gorillaz entspringen einer Laborsituation namens Studio, außerhalb der sie größtenteils bestens funktionieren, doch – wie Comics eben so sind – den Kopf mehr bewegen als den Arsch. Beides ist bei Macklemore in Takt – bei manchem Song mehr, manchem weniger.

Letztendlich aber bleibt vom Abend eine absolut positive Stimmung, am besten untermalt von den Zeilen: „And we danced, and we cried, and we laughed, and had a really really really good time / take my hand, lets have a blast, and remember this moment for the rest of our lives.“. Nun könnte der Festivaltag auch würdig zu Ende gehen. Doch auch davor ist einiges passiert.

Bonez MC & RAF Camora

Auf der Space Stage tanzte zuvor noch Afrojack zu EDM-Krach auf dem DJ-Pult und ballerte Papierschlangen übers Publikum. Jetzt pflanzen Bonez MC & RAF Camora ihre „Palmen aus Plastik“ auf der Space Stage. Wenn der Wiener RAF Camora über das Festivalgelände zum Riesenrad schaut, wo schon zur Primetime um 20:15 Uhr mehr Arme schwenken als am Vortag beim Headliner Gorillaz, sind ihm Stolz und auch etwas Demut anzusehen. Er, der verstoßene Sohn, der von seiner Heimat lange kaum gewürdigte Straßenprophet, zieht heute den letzten Übernächtigten aus seinem Schlafsack, und imprägniert ihn mit klebrigem Plastikpalmenöl und Hanfsamencreme.

Endlich erfährt er von Bookern und dem hiesigen medialen Mainstream den Respekt für seinen Erfolg in Deutschland. Das Album „Palmen aus Plastik“ war die kommerziell erfolgreichste Platte des Jahres 2016 und mit seinem afro-karibischen Soundbild zwischen jamaikanischem Dancehall und Trap mit afrikanischer Rhythmik wegweisend, wie Deutscher Rap heute in den Charts und den Clubs klingt. Natürlich: Die Fusion von Dancehall und deutschsprachigem Rap ist kein neuer Wein in neuen Schläuchen. Auch das Phänomen Afro-Trap hat RAF Camora aus Frankreich importiert, aber immerhin als erster eingedeutscht.

Wenn auch das spektakuläre Bühnenbild der Plattenbauten, gesäumt von natürlich aussehenden Palmen, mit Fünfhaus weniger gemein hat als mit seinem Wohnort Berlin – seinen Bezug zu Wien hat er dennoch nicht verloren: Die Fünfhauser Postleitzahl 1150 dürfte in Deutschland wohl Wiens bekannteste sein, gefolgt von Yung Hurn’s „1220“, dem aktuellen Albumtitel, den er sich unter den Brustteppich tätowiert hat.

Sein Partner in Crime Bonez MC seinerseits ist das Mastermind der Hamburger 187 Straßenbande, die es durch kriminelle Energie zu besonderer Street-Credibility im deutschen Straßenrap brachte. Ihre gezielten Tabubrüche entlang gesetzlicher Grenzen sind für Medien ein gefundenes Fressen. Auch wenn das nicht jedem schmecken mag, der Andrang vor der Bühne beweist: Die Sterne stehen günstig für Straßenrap, dafür steht RAF Camora heute auch auf der Bühne, die ihm gerecht wird.

Mando Diao

„We can’t control you“ heißt ein brandneuer Song, den die schwedischen Paraderocker Mando Diao auf der Green Stage präsentieren. Die Kontrolle über das Publikum hätte der nach dem Ausstieg von Gustaf Norén nunmehr alleinige Frontman Björn Dixgård aber doch ganz gerne, denn in ständigen Zwischenansagen fragt er die Leute, wie es ihnen geht, ob sie eh Lust auf Party haben und ob sie ready sind to go absolutely apeshit. So sehr sich alle auch bemühen, er scheint immer leicht enttäuscht vom entgegneten Jubel.

Ansonsten aber sprühen Mando Diao vor hibbeliger Rock’n’Roll-Energie. Die Songs ihrer mittlerweile acht Alben, Fokus an diesem Abend auf die eher neueren - ergo: kaum bekannten - Sachen, ähneln einander sehr, werden vorgetragen in superengen Hosen, mit Stimme am ständigen Anschlag (wie macht er das nur?), streng vor die Brust geschnallten Gitarren und in Höchsttempo peitschendem Schlagzeug. Den Text von alten Hits wie „Dance with somebody“ oder „Shake“ kennen dann immerhin doch wieder alle, Björn Dixgård gibt den Rock-Prediger, bekommt noch ein paar amtliche Wechselgesänge mit „say: ooohs“ und „yeah yeah yeahs“ hin und ist am Ende möglicherweise doch irgendwie zufrieden mit einem weiteren Festivalgig, so soll es sein.​ (Katharina Seidler)

Thunderpussy

Während draußen auf der Space Stage der Boden knapp wird, zelebrieren in der klimatisierten Weekender Halle Thunderpussy ihren „Gospel of Thunderpussy“ – ein Manifest der Vielfalt. Die Rock-Anbeterinnen aus Seattle haben mit der Kirche aber eines gemeinsam: Ihnen laufen die Fans davon. Doch auch vor gerade mal 70 Leuten zeigen die vier Ladies ambitioniert, wie Classic Rock ohne Schwanzvergleich klingen kann und sollte – gefühlvoll im Ton, hartbesaitet im Riff, mehrschichtig und mit einer Frontfrau mit enigmatischer Aura.

Sängerin Molly Sides tanzt in kniehohen Lackstiefeln und Flügel-Goldstick-Body verführerisch-grazil wie eine rote Kobra auf Ayahuasca. Sie hält das Großmembran-Mikrofon wie einen Colt und singt in langen Tönen wie eine Schamanin im Wrestling-Fight. Achtzigerjahre-Westcoast-Rock-Insignien des klassischen Rocks wie ein schwarzer Fuchsschwanz-Anhänger, Leoparden-Spandex und Goldglitzer-BH werden selbstbewusst bricoliert. Es besteht der Verdacht, dass die Kunstschul-Damen aus Seattle im gleichen Secondhandshop einkaufen wie ihr Nachbar Macklemore.

Rin

Der androgyne Rapper Rin mit seinen ausrasierten Zöpfen hat ordentlich Staub aufgewirbelt in den letzten zwei Jahren. Mit seinem Brudi im Geiste Yung Hurn schoss ihn der Sommerhit „Bianco“ in die Timelines einer jungen HipHop-Generation, die ihre Musik im Internet findet und sich schon im Sommer auf weißen Schnee freut – angesichts der Hitzewelle vor der Hauptbühne, der Space Stage, wäre wohl auch eine Prise echter Schnee willkommen. Den Song „Bianco“ jedenfalls bekommen sie nicht.

Der in Bietigheim-Bissigen lebende Rin, Do-it-Yourself-Experte für Moden („Avirex", „Dior 2000“) und Drogen („Habt ihr noch need for speed?“), trägt heute ein New Jersey-Nets-Shirt mit der Nummer drei, auf ewig reserviert für die kroatische NBA-Legende Dražen Petrović, bekannt als „Mozart des Parketts“. Dieser Vergleich auf seine HipHop-Persona angewandt würde Rin aka Renato Simunovic, ebenfalls kroatischer Wurzeln, wohl nice finden. Tatsächlich entstammen auch die wolkigen Zeitlupen-Beats aus seiner Schmiede, die ihm bereits zwei goldene Schallplatten einbrachten.

Rin fragt die Meute: „Wollt Ihr Bass?“ Die Brusttaschenträger bejahen lautstark. Den bekommen sie tief in die Magengrube inklusive Nachflattern. Von diesem Subbass kann Fünfsterne-Deluxe Bo türlich, türlich träumen. Ein übergroßer Transformer-Kopf vom Planet Megatron ruft mit entschleunigter Stimme zum Moshpit auf. Dieses Ritual wiederholt sich in mehreren Akten und darf heute als fixer Bestandteil der HipHop-Messeordnung verstanden werden. Staubwolken ziehen auf. Fischerhüte schütteln sich durch wie Eiswürfel. Ein Propeller-Hut ventiliert. Rin hat auch für einen kurzen Boxenausfall den richtigen Tune parat: „Blackout“. Die Party beginnt.

Faber

Dem Schweizer Musiker Julian Pollini alias Faber gelang es im Vorjahr mit nur einem Album und einer unermüdlichen Konzerttour, Klezmer, Salsa, Balkan- und Blasmusikpop cool zu machen. Er schaffte das zum Einen, weil er Stimme und Auftreten eines Popstars hat, dazu Talent für Gitarrespielen und Songschreiben sowie eine Spitzen-Backing Band im Schlepptau. Zum Anderen könnte man an der Begeisterung der Menschen für diesen jungen Musiker, der so alt und lebenserfahren klingt, ein Phänomen festmachen, das dem Hype um Cloud Rap und Konsorten gar nicht unähnlich ist, eine Sehnsucht nach dem politisch Unkorrekten, dem vermeintlich Verpeilten (Yung Hurn), Hyper-Provokanten (Trailerpark) oder eben Whiskeygeschwängert-„Ehrlichen“ (Faber).

Die popmusikalischen Grundpfeiler Eskapismus und Rebellion gehen bei vielen Künstlern des diesjährigen Frequency Festivals im Sinne der Jugend Hand in Hand. Die Feuilleton-Klientel mag zu Hustensaft-Rap und Fickensaufenpissen in der Theorie die Nase rümpfen (die Schreibenden selbst sind da oft gar nicht so streng), aber irgendwie kann sie sich in der Praxis des, ja, sexistischen, aber ja, auch sexy und eingängigen Reibeisen-Pop von Faber dann doch kaum erwehren.

„Blasen“ singt Faber, „kann ich bitte deine Tits sehen“ und „zieh dich aus, du kleine Maus“, und er kommt damit durch, weil er süß und charmant ist, einerseits (ist das fair?), und weil er klug ist, zum Anderen, und weil man spürt, dass es da um mehr geht als um inszenierte Tresengedanken um fünf Uhr früh. Er ist ein versierter Dichter, der seine Sprachspiele selbstbewusst als besoffene Wahrheiten verkauft. Man kann ausgezeichnet zu seinen Songs tanzen, auch wenn ihnen eine existenzialistische Dunkelheit innewohnt. Das Frequency-Publikum in der gleißenden Nachmittagssonne muss all das nicht bedenken, wenn es Faber zurecht als eines der interessantesten Pop-Phänomene derzeit bejubelt. (Katharina Seidler)

Findlay und At Pavillon

Am heißen Nachmittag ist die Weekender Stage in der Halle neben der Main Stage der einzig kühle Ort am Festivalgelände. Die Britin Natalie Findlay guided einen abwechslungsreichen Alternative Rock-Trip, der in ihrem Erfolgshit „Off and On“ aufgeht.

Zuvor zeigen die Wiener At Pavillon ihre funky Indierock-Posen, die größer sind als ihr Publikum. Bob Marleys „Stand up for your Rights“-Rufe fallen scheinbar aus der Zeit, sollten heute aber eigentlich aktueller sein denn je.

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