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Das Set von Dogville von Oben: eine mit Strichen aufgezeichnetes Dorf

Concorde Films

Der Hund bellt, die Menschen beißen

Lars von Trier hat ein Theaterstück als Film verkauft. Und die Gnade währt lange.

Von Maria Motter

Willkommen in Dogville! Jetzt also doch, mit fünfzehn Jahren Verspätung schaue ich den Film von Lars von Trier, der in Kino-Lexika als „Avantgarde crime/revenge/tragedy“ geführt wird.

So zeitlos die Handlung scheint, sie ist bedauerlich einfach gestrickt. Nicole Kidman spielt Grace und Grace wird wörtlich genommen. Sie ist die leibhaftige Gnade und zudem eine Fremde, ein Flüchtling, der in einem kleinen, ärmlichen Ort in den Rocky Mountains aufschlägt, lange, bevor Waschmaschinen geliefert und Internetleitungen gelegt werden. Ein Einwohner liest Mark Twains „The Adventures of Tom Sawyer“, die anderen beschränken sich auf tägliche Haus- und Hofarbeiten.

Grace ist nicht willkommen. Per Steckbrief wird sie gesucht, sie soll üble Verbrechen verübt haben. Um in „Dogville“ bleiben zu dürfen, stellen ihr die BewohnerInnen Bedingungen. Dass es überhaupt so weit kommt, hat ein gewisser Tom zu verantworten, der eine Mischung aus Prediger und Philosoph ist und die EinwohnerInnen moralisch bessern will. Dabei übersieht Tom vor lauter Eifer sich selbst. Was harmlos beginnt, steigert sich in Barbarei. Grace wird gedemütigt und malträtiert, versklavt, vergewaltigt.

Nicole Kidman in "Dogville"

Concorde Films

Heute sieht zeitgenössisches Theater so aus

In den Vergewaltigungsszenen kann man auf das Geschehen im Hintergrund fokussieren: Es tut sich immer etwas, das Ensemble bleibt in den Rollen und gibt sich emsig. Denn: „Dogville“ ist zur Gänze in einer Bühnensituation gedreht. Die Straßen, Häuser und Büsche sind Kreidestriche auf dem Boden. Die Requisiten sind spärlich, einige Möbel sind im Raum platziert. Die SchauspielerInnen öffnen imaginierte Türen. Trotz dieser Inszenierung gelingen intensive Spielmomente. Allerdings nur dann, wenn die Kameraeinstellung von der Totalen auf Close Ups wechselt.

Zum Bügeln? Perfekt!

Daher würde dieses Drama auch perfekt als Hörspiel funktionieren, denke ich und schließe stellenweise die Augen. Nicole Kidmans Stimme habe ich lange nicht mehr im Original gehört. Überhaupt: Wann ist meine Aufmerksamkeit für die Australierin abhandengekommen? Und wie großartig war Ken Camerons Miniserie „Bangkok Hilton" mit Kidman, die mir die Ehrfurcht vor thailändischem Bodenpersonal auf Flughäfen gelehrt hat und die der Grund ist, warum ich Koffer jedem Backpack vorziehen würde? Kann man sich „Bangkok Hilton“ heute noch anschauen? „Dogville“ bringt mich auf allerlei Gedanken. Bloß nicht auf die, die Lars von Trier zu offensichtlich intendiert hat.

Ganz „Dogville“ legt Grace in Ketten, kann mit ihrem Willen zur Selbstaufopferung für einen sicheren Platz nicht umgehen und misshandelt sie, hämmert ihr ein metallenes Halsband. Grace wird zum Kettenhund in „Dogville“. Es gibt Abhandlungen, die darlegen, inwieweit denn nun dieses abgefilmte Drama christliche Symbolik - von Rache bis Gnade - aufgreift. Spannender ist, wie Lars von Trier klarmacht, wie schnell eine vermeintlich zivilisierte Gesellschaft zu einer TäterInnengesellschaft wird und kein Widerspruch mehr erhoben wird.

Der „Antichrist“ versöhnt

Ich habe „Dogville“ so lang verweigert. Aus Gründen. Als er im 2003 in den Kinos gelaufen ist, hatte ich schon den Dogma-Film „Idioten“ gesehen. Dogma - das war ein Manifest von Regisseuren. Sie hatten zehn Regeln aufgestellt für mehr Wirklichkeit und gegen Effekte im Film. Das war neu und aufregend, „Idioten“ war nur kurz verstörend, dann unterhaltsam.

Dann hat der dänische Regisseur und Drehbuchautor Lars von Trier das Drama „Dancer in the Dark“ gedreht. Björk verkörpert eine Fabrikarbeiterin, sie singt mit Thom Yorke ein herzergreifendes Duett - er versucht, ihr die Schönheit der Welt in Aufzählungen vor Augen zu führen, sie singt dagegen an, sie hätte schon alles gesehen. „You’ve never been to Niagara Falls - I have seen water / It’s water, that’s all.“ Nach dem Anschauen überfielen mich zwei Tage hindurch Weinkrämpfe, so erschüttert hat mich die Geschichte. Erst für Charlotte Gainsbourg habe ich mich dann wieder Lars von Triers Fantasien und den Wäldern von „Antichrist“ im Kino ausgesetzt.

„Dogville“ hat mich nicht derart mitgenommen. „Dogville“ wirkt gegen „Dancer in the Dark“ wie ein gar karger Knochen. Die große Überraschung und zugleich Enttäuschung ist tatsächlich das Ende. Weil irgendwann reicht es auch Grace, plötzlich mutiert sie zum Racheengel - für sich selbst. Mir hat es an dem Punkt längst auch gereicht: von all der Niedertracht, nach einem viel zu langen Aufenthalt in „Dogville“.

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